Kultmarke feiert in Stuttgart Doc Martens eröffnet auf der Königstraße

Von Uwe Bogen 

Rebellisch war das Image dieser Stiefel schon immer: Heute ist Doc Martens aber auch schick, in Technoclubs wie auf dem roten Teppich. Eng und laut haben viele junge Leute die Ankunft der Kultmarke auf der Königstraße gefeiert.

Der Sänger  Kwadi mit dem Cro-DJ Psaiko Dino (dahinter) bei der Eröffnungsparty von Doc  Martens auf der Königstraße. Foto: Andreas Engelhard 18 Bilder
Der Sänger Kwadi mit dem Cro-DJ Psaiko Dino (dahinter) bei der Eröffnungsparty von Doc Martens auf der Königstraße. Foto: Andreas Engelhard

Stuttgart - Vorbei sind die Zeiten, als man Stuttgart Schuhgart nannte, weil das Angebot der Königstraße etwas einseitig war. Vor zehn Jahren befanden sich auf Stuttgarts Königin der Straßen, auf den 1200 zentralsten Metern der City, 15 Schuhläden. Heute sind es nur noch sechs. Wo das Traditionsgeschäft Werdich (Shoetown) wegen hoher Mieten (in dieser Lage werden bis zu 270 Euro pro Quadratmeter verlangt) für immer geschlossen hat, sorgt heute die US-Schnellrestaurantkette Five Guys für Schlangen.

Der Hamburger-Hype strahlt bis weit aufs Umland aus. Drei Jungs aus Böblingen kommen in dieser Nacht satt, aber nicht unbedingt beglückt („Die Preise bei Five Guys sind zu hoch!“) vom Grill-Hotspot, da sehen sie, wie weiter unten auf der Königstraße schwarz gekleidete Menschen auch ohne Hamburger in einen vollgestopften Laden drücken, aus dem Hip-Hop dröhnt.

Flachmänner von Jigger & Spoon

„Wer spielt da?“, wollen die Böblinger wissen, „muss man die kennen?“ Es sind local heroes: Kwadi, ein in Ghana geborener Newcomer, singt, und Psaiko Dino, der Tour-DJ von Cro, legt auf. Die Stimmung ist cool. Von der preisgekrönten Tresorbar Jigger & Spoon gibt es Flachmänner aus dem Kühlschrank mit einem Gin-Mix.

Wer hätte das gedacht? Auf der Königstraße machen doch noch Schuhshops auf. Nicht jede frei werdende Lücke wird durch eine Imbissstation ersetzt. Das neue Geschäft, in dem es klobiges, veganes Schuhwerk gibt für stürmische Zeiten, wird in dieser Nacht zum Club.

„Viele sind mehr als einfach nur hetero“

Eine Partybesucherin ist zwanzig und sagt, dass die schwarz dominierte „Szene“ sonst nicht zum Feiern auf die Königstraße geht, weil die für Kommerz stehe. Jetzt wird eine Ausnahme gemacht. Wie sie ihre Leute beschreibt? „Man trägt Schwarz, Schuhe mit Plateau“, antwortet sie, „viele sehen androgyn aus, sind mehr als nur hetero, weil sie in keiner Box sein wollen, und sie ernähren sich vegan.“

Tiere sind Kumpels, werden weder gegessen noch getragen: Bei den Docs, wie Insider die Marke nennen, werden vegane Schuhe auch nicht in Bienenwachs getunkt, der bei Leder dafür sorgt, dass die Nässe draußen bleibt. Vegane Treter machen einen noch cooler.

Punks gaben den Stiefeln ein rebellisches Image

„Zu einer Technoparty in Berlin kommen die Besucher zu 90 Prozent in Dr. Martens“, sagt ein anderer Gast. Aber auch Madonna und jede Menge Hollywood-Stars sollen auf Schuhen mit luftgefüllter Gummisohle stehen. Nach dem Krieg hat sie der deutsche Arzt Dr. Klaus Märtens entwickelt, um schmerzfrei zu laufen. Ein britischer Investor kaufte in den 1960ern die Lizenz und veränderte den Namen leicht zu Doc Martens. Punks wie Skinheads liebten die Stiefel und gaben ihnen das rebellische Image. „Die Nachfrage nach veganen Stiefeln steigt rasant“, sagt der aus Berlin angereiste PR-Sprecher Jonas Rohrbach. Bei der Party ist das Catering vegan. Nicht zuletzt aus Gründen der Nachhaltigkeit habe sich Dr. Martens entschieden, in Filialen zu investieren. „Beim Online-Handel werden viel zu viele Schuhe zurückgeschickt“, sagt er, „das belastet die Umwelt.“

Die Hündin Minze von SWR-Moderator Streubel ist happy

Einst war Stuttgart „Schuhgart“. Wird Stuttgart nun zu einem weiteren Hamburg? Immer mehr Fast-Food-Läden ziehen auf die Königstraße – auch Aldi und Lidl wollen folgen. Vom Niedergang der Fußgängerzone ist deshalb die Rede. SWR-Moderator Ben Streubel, der auf der Königstraße wohnt, sieht keinen Niveau-Verfall. „Meine Hündin Minze liebt Burger und lebt damit im Paradies“, freut er sich. In einem Burgerladen warte man täglich auf seine altenglische Bulldogge mit einem Plain-Cheeseburger, also mit einem Cheeseburger ohne alles.

„Nur den Müll“, findet Streubel, „sollte die Stadt mal in den Griff bekommen.“

Ganz oben in der Komikerliga

Wer meint, auf der Königstraße gibt’s zu viel vom Gleichen, also nach den Schuhen nun zu viele US-Hamburger, wird wenige Meter von Doc Martens entfernt fündig.

Hier hält ein Imbiss mit schönem Namen dagegen: Ützel-Brützel! Eine Stadt, in der ein Dönerladen Ützel-Brützel heißt, sagte schon Harald Schmidt, ist in der Komikerliga ganz oben angekommen. Wir können also weiterhin mächtig stolz sein auf unser Stuttgart und auf unsere Ützel-Brützel-Hamburger-Aldi-Doc-Schu-Straße!

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