Kultur der „Jahrgänge“ Warum die Gleichaltrigen im Ort ihr Leben lang zusammenhielten

Der Denkendorfer Jahrgang 1867 bei seiner 40er-Feier im Jahr 1907 vor dem Gasthaus Alter Bären. Foto:  

Die „Jahrgänge“ haben in vielen Orten Tradition. Nach dem Krieg waren sie für viele eine wichtige Stütze, in späteren Jahrzehnten vor allem eine Ausflugsgemeinschaft. Doch die Jahrgangskultur verschwindet. Eine Spurensuche in Denkendorf im Kreis Esslingen.

Wer vor dem Zweiten Weltkrieg in Denkendorf geboren wurde, teilte meist die Lebensumstände der anderen Einwohnerinnen und Einwohner in dem landwirtschaftlich geprägten Ort. Man ging zusammen ins „Kinderschüle“, den Kindergarten im alten Feuerwehrmagazin und besuchte die einzige Schule am Ort. Weil sich erst mit den Heimatvertriebenen nach Kriegsende Katholiken in der bis dahin rein evangelischen Gemeinde ansiedelten, war auch die gemeinsame Konfirmation ein verbindendes Ereignis. Später absolvierte man zusammen die Tanzstunde und die männlichen Jahrgangsmitglieder schlossen sich als Rekruten zusammen. Diese nahezu identischen Lebensbedingungen bildeten die Grundlage der Tradition der Jahrgänge, die sich bis heute in der Gemeinde erhalten hat. Menschen, die im gleichen Jahr geboren wurden, gehörten automatisch dem jeweiligen Jahrgang an. Organisiert werden die Aktivitäten von einem Vorstand. Auch Mitgliedsbeiträge werden erhoben.

 

Die Jahrgangskultur entstand im 19. Jahrhundert

Der historische Fotobestand, den Reinhard Mauz über Jahre gemeinsam mit einem Team zusammengetragen und die darauf abgebildeten Personen identifiziert hat, gibt Auskunft darüber, welch wichtige Institution die Jahrgänge waren. Rund 440 der insgesamt etwa 3000 Bilder zeigen Jahrgänge – meist bei Feiern zu Jubiläen, die ab 20 Jahren alle zehn Jahre gefeiert wurden. „Die Jahrgangsmitglieder verstanden sich als zusammengehörige Einheit, sie waren eine Schicksals- und Lebensgemeinschaft“, erklärt Mauz, der sich intensiv mit der Geschichte Denkendorfs beschäftigt. Nicht selten wurde untereinander geheiratet. „Die Jahrgänge lebten davon, dass man im Alltag viel miteinander zu tun hatte“, sagt Mauz. Anfangs habe es keine offiziellen Veranstaltungen und Feiern gegeben. „In rein landwirtschaftlichen Gesellschaften blieb für die Gemeinschaftspflege wenig Zeit“, erläutert er. Eine richtiggehende Jahrgangskultur entstand in Denkendorf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der älteste Jahrgang, der sich im Fotobestand findet, ist der des Jahres 1867. Ursprünglich gehörten nur gebürtige Denkendorfer dem Jahrgang an. Ihre Ehepartner wurden ebenfalls zu den Treffen eingeladen, nicht jedoch zugezogene Paare. Nach 1945 änderte sich diese ursprüngliche Jahrgangskultur.

Mit dem Bus fuhr man gemeinsam auf die Schwäbische Alb

„Im Jahrgang traf man sich ab dem Ende der Schulzeit, die ja meist mit der Konfirmation zusammenfiel“, erinnert sich die 90-jährige Hilde Müller. Kaum jemand habe damals eine weiterführende Schule in Esslingen besucht. Viermal im Jahr sei man zusammengekommen – zu Spaziergängen und Ausflügen. Mit Bus oder Bahn fuhr der Jahrgang 1933/34 auch mal auf die Schwäbische Alb zu Wanderungen. „Ins Gasthaus gingen wir anfangs selten, denn niemand hatte dafür Geld.“ Oft wurde für Ausflüge ein Omnibus gemietet, der immer voll geworden sei, sagt Müller. Im Winter trafen sich die Frauen zur „Karz“ und tauschten sich bei Handarbeiten über die Ereignisse im Ort aus. „Wir waren alle sehr miteinander verbunden.“ Hilde Müller und ihr Mann Richard, der dem Jahrgang 1932/33 angehört, haben die Treffen ihrer beiden Jahrgänge immer gemeinsam besucht. Ehepartner gehörten dazu. Nach Kriegsende habe man auch Zugezogene eingeladen.

Häufig waren die Jahrgangsaktivitäten die einzigen Freizeitangebote. Das änderte sich im Lauf der Zeit und das habe man auch beim Jahrgang gemerkt. „In den 1950er und 60er Jahren waren die Ausflüge Highlights“, erzählt Müller. Inzwischen machen sie aus Altersgründen schon lange keine Ausflüge mehr. Traditionell gehen die Jahrgänge zusammen zu Beerdigungen, wenn eines ihrer Mitglieder verstorben ist. Inzwischen sind von Hilde Müllers Jahrgang nur noch wenige Personen verblieben. „Ich bin seit ein paar Jahren die einzige, die noch zu den Trauerfeiern gehen kann“, bedauert sie.

Nach dem Krieg unterstützten sich die Gleichaltrigen

Dass der Jahrgang früher eine wirkliche Lebensgemeinschaft war, hat Müller als Kind erfahren. Ihr Vater fiel im Zweiten Weltkrieg, da war sie fünf. Der Jahrgang habe ihre Mutter wie auch andere Kriegswitwen finanziell unterstützt, erinnert sie sich. Und wenn in der Landwirtschaft, etwa zur Erntezeit, viel zu tun war, halfen sich die Mitglieder.

Inzwischen bestehen in Denkendorf nur noch wenige Jahrgänge. Wie man einen Jahrgang aktiv erhalten kann, erzählt Eberhard Mack. Er ist Vorsitzender des Jahrgangs 1943/44, der sich seit 60 Jahren kontinuierlich trifft. Demnächst gibt es eine große 80er-Feier, die traditionell im Saal der „Krone“ stattfindet. Von einst über 100 Mitgliedern sind noch 72 am Leben. Etwa viermal im Jahr gibt es einen Stammtisch, außerdem werden regelmäßig Ausflüge angeboten. Ein dicker Ordner zeugt von der Vielfalt der Aktivitäten – darunter zahlreiche mehrtägige Fahrten. Nach Wien und Budapest sind sie schon gemeinsam gereist, haben Schiffstouren und Wanderungen unternommen, Museen, Ausstellungen, den Thyssen-Test-Turm in Rottweil oder ein SWR-Studio besucht, Führungen durch eine Nudelfabrik auf der Alb, das Kirchheimer Kompost-Werk, die Sektkellerei Kessler oder die Eßlinger Zeitung gemacht. Auch Informationsveranstaltungen wurden organisiert und die neue ICE-Strecke nach Ulm befahren.

Mit dem Alter werden die Aktivitäten weniger

Attraktiv mache das Programm die Mischung aus Wissenswertem und Geselligen, sagt Eberhard Mack, der in der Organisation von Wolfgang Ruff unterstützt wird. „Es ist wichtig, alle in die Auswahl einzubinden und deren Ideen aufzunehmen“, sagt Mack. „Viele Dinge würde man alleine nicht machen“, meint Jahrgangsmitglied Horst Wild. Weil auch in ihrem Jahrgang viele nicht mehr so gut beieinander sind, führen die Ausflüge inzwischen eher in die nähere Umgebung. Wichtig sei, dass der Jahrgang soziale Kontakte biete, so Wild.

Im Sonntagsstaat zur Jahrgangsfeier

Lokalitäten
Die Denkendorfer Jahrgänge trafen sich traditionell in einem der großen Säle, die um 1900 gebaut wurden. Damals nahm die Zahl der Gastwirtschaften stark zu. Viele Menschen arbeiteten nun in den Fabriken in Esslingen und Stuttgart und brachten Geld nach Denkendorf. Vereine entstanden, und auch große Hochzeiten wurden gefeiert. Dafür brauchte es entsprechende Räumlichkeiten.

Kleidung
Dass die Jahrgangsfeiern bedeutende Angelegenheiten waren, zeigen Fotos. Abgebildet sind festlich gekleidete Menschen, anfangs häufig noch in der traditionellen Fildertracht, später im Sonntagsstaat oder in den 1980er Jahren Frauen in langen Abendkleidern.

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