„In den sozialen Medien berichtet jeder über alles, bis ins kleinste Detail. Aber über das Sterben, den Tod, das Abschiednehmen und die Trauer wird so wenig gesprochen. Dabei ist das Leben doch für jedermann endlich.“ Die Esslinger Trauerrednerin Louisa Kilgus möchte den Tod enttabuisieren und das Thema mitten hinein ins Leben holen – und zwar mit Humor. Gemeinsam mit dem Comedian und Pianisten Andi Kraus hat sie ein Bühnenprogramm entwickelt. Unter dem beziehungsreichen Titel „Schluss mit Lustig“ versprechen die beiden einen musikalischen Abend „für alle, die vorhaben, irgendwann zu sterben“.
Die Premiere im Esslinger Café Lore im Oktober war ebenso schnell ausverkauft wie die beiden Veranstaltungen an Allerheiligen und am Totensonntag im Stuttgarter Theaterhaus. Mittlerweile sind deutschlandweit Veranstalter auf das ungewöhnliche Projekt, das durch das Kulturamt der Stadt Esslingen gefördert wurde, aufmerksam geworden.
„Wenn man begreift, dass man in diesem Schmerz eine Verbindung zum Verstorbenen findet, ist schon ganz viel gewonnen.“
Louisa Kilgus, Trauerrednerin
Ein buntes Potpourri aus Traurigem und Witzigem
Andi Kraus, Comedian im Trio „Eure Mütter“, Musiker, Autor, Schauspieler und Moderator, hat für diesen Abend eine Mischung aus selbst geschriebenen Songs und Klassikern aus der Musikgeschichte zum Thema Tod, Abschiednehmen und Trauern zusammengestellt. Louisa Kilgus, Gründerin der Esslinger Reden-Manufaktur „Louve“, bringt ihre Erfahrung als freie Trauerrednerin ein. Gemeinsam servieren die beiden, die auch im Privatleben ein Paar sind, ein buntes Potpourri aus Traurigem und Witzigem, aus Wissenswertem, Spannendem, Skurrilem, Schon-mal-Gehörtem und Selten-Gesagtem. Das alles läuft unter dem Schlagwort „musikalisches Infotainment“ und ist gewürzt mit einer ordentlichen Prise Humor. „Schluss mit Lustig“ eben.
„Auf dem Friedhof sind alle traurig und weinen. Beim anschließenden Leichenschmaus lässt man schöne Erinnerungen aufleben, das bringt einen ganz nah an den Verstorbenen heran. Lachen ist manchmal die beste Art des Erinnerns“, beobachtet Louisa Kilgus im echten Leben immer wieder. Auf der Bühne erzählt sie – natürlich anonymisiert – von bewegenden Trauergesprächen, von Beerdigungen, die völlig aus dem Ruder laufen, und von absurden Bestattungstrends. Aber die beiden schlüpfen auch mutig aus ihren Rollen heraus und erzählen von ihren ganz persönlichen Ängsten vor dem eigenen Tod und dem ihrer Liebsten.
Mischung aus Schwere und Leichtigkeit
Obwohl sie sensibel auf eine gute Mischung aus Schwere und Leichtigkeit achten, spüren sie die Verantwortung, das Thema Tod und Verlust auf die Showbühne zu holen: „Wir wollen den Menschen ja etwas Gutes tun, wir möchten niemanden erschrecken, verstören oder triggern“, betont Andi Kraus. Und keinesfalls wollen sie gezielt auf die Tränendrüse drücken, unterstreichen sie: „Wir versuchen, Effekthascherei zu vermeiden, wir wollen nicht manipulativ sein.“ Das Konzept geht auf: Das Publikum fühlt sich gut aufgehoben. Im Dunkel des Zuschauerraums wird an manchen Stellen auch geschluchzt oder geweint. Aber es wird eben auch herzhaft gelacht. „Eine Besucherin hat uns geschrieben: ‚Eure Show ist wie eine Achterbahnfahrt. Immer Auf und Ab, immer in Extremen, aber eingepackt in meinen wärmenden Lieblingsschal‘“, so Louisa Kilgus.
Ganz nebenbei gibt’s viel Interessantes zu erfahren: „Beim Trauern gibt es kein richtig oder falsch. Und es dauert so lange, wie es eben dauert“, weiß Andi Kraus. Die beiden berichten von einem Phänomen, das sie „Second-Hand-Trauer“ getauft haben: „Da trauern Menschen um jemanden, den sie persönlich gar nicht kennen, wie Lady Diana, einen prominenten Sänger oder die Opfer eines Unglücks, von dem man in den Nachrichten gehört hat“, erzählt Louisa Kilgus. Beide raten jedem, schon zu Lebzeiten für den eigenen Tod Vorsorge zu treffen: „Im engen Umfeld hat man im Durchschnitt nur alle 17 Jahre mit dem Tod zu tun, es gibt also keine Routine“, zitiert Louisa Kilgus die Statistik. Deshalb helfe es vielen Hinterbliebenen, wenn manche Dinge bereits vorab besprochen werden: Welche Form der Bestattung? Große oder kleine Trauerfeier? Mit oder ohne Blumen? Welche Musik? „Wenn das schon im Vorfeld geklärt ist, gibt das Familie und Freunden Halt und Sicherheit, und es ist mehr Platz für die eigentliche Trauer“, weiß Louisa Kilgus aus der Erfahrung vieler Trauergespräche.
Lustig hin oder her – das Bühnenprogramm soll überdies vermitteln, dass Trauer auch eine sanfte Seite haben kann, betont die erfahrene Trauerrednerin: „Wann immer man Trauer spürt, spürt man eigentlich Liebe. Man gibt ihr nur einen anderen Namen, weil das Gegenüber nicht mehr da ist. Wenn man begreift, dass man in diesem Schmerz eine Verbindung zum Verstorbenen findet, ist schon ganz viel gewonnen.“
Über das Projekt
Die Idee
Seinen Anfang nahm „Schluss mit Lustig“ im Juli 2024, als Andi Kraus während der Aktion Spiel-Mich auf einem der öffentlichen Klaviere in der Esslinger Innenstadt „A Concert of Goodbyes“ mit Liedern von Verlust und Trost spielte und Louisa Kilgus als Trauerrednerin Fragen rund um Tod, Trauer und Abschied beantwortete.
Gemeinsam
Danach haben die beiden bei einem Wochenende in einem Hotel ohne ihre Kinder das Konzept entwickelt, Andi Kraus reiste zum Komponieren ein paar Tage nach England, auf jeder Autofahrt wurde diskutiert und getüftelt. „Das Leben hat uns jede Menge Geschichten geschenkt. Und am Ende hatten wir fast zu viel Material“, erinnert sich Louisa Kilgus.
Tod und Witz
„Im Bühnenprogramm erzählen und singen wir über unser gemeinsames Leben zwischen Tod und Witz“, sagen die Trauerrednerin und der Comedian: „Denn es gibt kaum eine Trauerrede ohne Humor und keinen Witz ohne (tod)ernsten Kern.“ Nächste Termine. „Schluss mit Lustig“ ist am 12. Februar im Kulturzentrum Tollhaus in Karlsruhe, am 4. Mai in Desimos Spezial Club in Hannover und am 14. Mai im Theaterhaus in Stuttgart zu sehen. Weitere Informationen unter www.kilgus-kraus.de