Kultur in Stuttgart Off-Spaces funktionieren stets auf dieselbe Weise

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Temporäre Formate von und für Künstler zwischen Studienabschluss und professioneller Galerie entstehen in Stuttgart und anderswo auf Brachen oder in alten Gemäuern. Nach den Waggons am Nordbahnhof und dem OP Nord tauchte 2007 der Interventionsraum in der Marienstraße auf, es folgten der Projektraum „Hermes und der Pfau“ (ebenfalls 2007), „Stuttgart PopUp!“ auf der S-21-Brache (2008) und das viel beachtete Performance-Hotel in einem Wengerterhaus im Stuttgarter Osten (2009). Off-Spaces funktionieren stets auf dieselbe Weise: Kreative ziehen auf Zeit in eine Immobilie und erproben dort ungewohnte Kunstkonzepte. Das erfreut die Szene (oft auch die breite Öffentlichkeit) und schafft im Idealfall einen Mehrwert für das ganze Quartier.

 

„Solche Räume sind fast lebensnotwendig für Städte“, sagt der Direktor des Städtebauinstituts an der Uni Stuttgart, Franz Pesch. In Stuttgart beobachtet er eine „atomistische Verteilung kreativwirtschaftlicher Nischen“. Doch nur in solchen Nischen entwickle sich Neues, sagt Pesch. Deshalb solle die Stadtverwaltung „behutsam“ mit den wenigen Stuttgarter „Nulltarifräumen“ umgehen.

Der typische Prozess der Gentrifizierung

Das Interesse der Stadtplaner aber liegt eher in der Entwicklung einstmals wertloser Areale. Die Künstler, die solche Plätze wegen der niedrigen Mieten schätzen, sind dabei eher Mittel zum Zweck. Sobald die Quadratmeterpreise steigen, zieht die Kreativszene gezwungenermaßen weiter. Es ist der typische Prozess der Gentrifizierung, also der Aufwertung von Stadtteilen, die mit der Verdrängung bisheriger Bewohner und Nutzer durch wohlhabendereSchichten einhergeht. „Das Planungsrecht kennt dafür den Milieuschutz“, sagt Architekturprofessor Franz Pesch, der für den Schutz dieser Räume Sympathien hat.

Pablo Wendel und Demian Bern, die in der Szene mit dem Interventionsraum und Utopia Parkway mitmischen, wählen eine andere Strategie. Die Kunstakademieabsolventen und Projektkünstler betonen, dass es „unglaublich viel Kraft kostet, jedes Mal bei null anzufangen“. Die Aufwertung der von den Künstlern temporär bespielten Quartiere müsse daher mehr honoriert werden.

Vom gemeinsamen Willen abhängig

Stuttgart solle seine kreativen Potenziale bewusst nutzen: „Andere Städte setzen absichtlich Künstlerkolonien in bestimmte Stadtteile“, sagt Pablo Wendel. Das Leipziger Spinnereigelände oder das durch angesiedelte Künstler zur Touristenattraktion aufgewertete Hafenareal La Boca in Buenos Aires sind zwei Beispiele.

Der Weg zur kulturellen Um- oder Zwischennutzung ist vom gemeinsamen Willen aller Beteiligten abhängig. Im Falle der Stuttgarter Marienpassage traf ein geneigter Investor (Württembergische Lebensversicherung) auf die gute Idee breit vernetzter Macher. Bei der öffentlich beachteten Suche nach einem neuen Standort für die Künstlerkolonie, die wegen Stuttgart21 vom Nordbahnhof weichen muss, waren pragmatisch handelnde Verwaltungen von Stadt und Bahn empfänglich für die Argumente der Künstler. Mit am Tisch saß der Rechtsanwalt und ehemalige Stuttgarter OB-Kandidat Rezzo Schlauch. „Die Stadt hat sich zu meiner positiven Überraschung sehr konstruktiv verhalten“, sagte Schlauch hinterher. Rathaus und Bahn erwiderten das Lob umgehend.

Die Künstler müssen die Sprache der Unterstützer sprechen

Off-Spaces benötigen die Hilfe vieler Akteure. Die in solchen Dingen oft unerfahrenen Künstler müssen die Sprache ihrer potenziellen Unterstützer sprechen: Die Argumentation mit der sogenannten Corporate Social Responsibility – das Zauberwort der Werbestrategen –, kann in Unternehmen den Geldhahn aufdrehen; Politiker verstehen Schlagworte wie „niederschwelliges Kulturangebot“ besser als seitenlange Konzepte. Die müssen Künstler zwar auch vorlegen. Wichtig ist aber, den Nutzen für die Unterstützer zu betonen. Und „klarzumachen, dass wir nicht dauernd faul rumhängen, sondern etwas erschaffen“, wie Aurèle Mechler von der Künstlerkolonie am Nordbahnhof sagt.

Die Waggon-Bewohner, die jetzt auf den Cannstatter Güterbahnhof ziehen, haben wie die anderen erfolgreichen Projektmacher auf der Gegenseite Vertrauen erzeugt. Ist Stuttgart generell offener geworden gegenüber temporären Kunstprojekten? „Ich hoffe, dass die Leute dank der vielen Beispiele Mut bekommen haben“, sagt Pablo Wendel. Er meint damit auch die Wirtschaft in der Region: „Viele Unternehmen werfen für uns verwertbare Stoffe einfach weg, in Stuttgart gibt es zudem einen gewaltigen Leerstand“, so Wendel.

Im städtischen Kulturetat sind für die Förderung temporärer Projekte zwar gerade einmal 30.000 Euro im Jahr vorgesehen, für den Künstlernachwuchs und seine Fürsprecher ist Geld aber offenbar nicht alles; man freut sich auch über die Signale der Anerkennung und Zusammenarbeit für zahlreiche Off-Spaces: „Zumindest im Kulturamt“, lobt der in Stuttgart lange Jahre kulturpolitisch aktive Ex-Grünen-Politiker Rezzo Schlauch, „hat man inzwischen begriffen, dass die Stadt solche Biotope braucht“.

 

 

 




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