Projekträume, Künstlerkolonien und andere Off-Spaces sind in Stuttgart en vogue. Die Zeichen mehren sich, dass der Nutzen erkannt wird.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Angefangen hat alles mit einer leer stehenden Hausmeisterwohnung. „Der OP Nord war ein richtiger Startschuss“, erinnert sich Gerd Dieterich, der im Stuttgarter Kulturamt für die Förderung bildender Kunst zuständig ist. Seit 2003 zeigt ein Verein in der umgebauten Wohnung Ausstellungen und Projekte von Künstlern aus der Region – ein klassischer Off-Space, also ein unabhängiger Projektraum für junge Künstler, die sich in der Szene erst einen Namen machen müssen. In den letzten fünf Jahren entstanden in der Stadt etliche solcher Projekträume, die oft auf Zeit und stets vom Markt unabhängig als Kunstplattform fungieren.

In einer Stadt, die sich mit Kunst- und Merz-Akademie sowie der Akademie Schloss Solitude drei einschlägige Ausbildungsstätten leistet, gibt es viel Bedarf für solche Räume. Junge Künstler, die sich erst einen Namen machen müssen, sind dabei auf Beziehungen und Zuschüsse angewiesen – und auf Kreativität. 

Eine von kulturellen Eliteinstitutionen geprägte Stadt

Solcher Einfallsreichtum brachte vor zehn Jahren junge Stuttgarter Architekten und Kunstschaffende auf die Idee, am Nordbahnhof in ausrangierten Bauwaggons zu wohnen und zu arbeiten. Kreativität und Bedarf auf Seiten der Künstler machten im Februar und März die kulturelle Zwischennutzung der Marienpassage zum Erfolg: Die ausrangierte Immobilie in der Innenstadt avancierte kurz vor ihrem Abriss für rund hundert Kulturschaffende zum „Utopia Parkway“ – gut die Hälfte der Nutzer kam übrigens aus Stuttgart.

„In Stuttgart ist es so“, sagt ein Kunstfreund, „wenn du Geld hast, bist du willkommen. Wenn nicht, bist du falsch gepolt.“ Junge Künstler hätten kein Geld, ihnen hafte zudem „das Image von Beschmieren und Besetzen“ an, so der Kunstförderer. Weil sie keine Gewerbesteuer bringen, fänden sie in einer von kulturellen Eliteinstitutionen geprägten Stadt nur schwer Räume für ihre Projekte.

Matthies vermietet vor allem an Künstler

Von solchen Schwierigkeiten kann Alexander Matthies ein Lied singen. Matthies ist zwar kein Künstler, er vermietet aber vor allem an Künstler. Günstige Räume in der früheren Bahndirektion sowie in der alten Mercedes-Benz-Niederlassung in der Türlenstraße hat Matthies im Programm. Die Klientel des Immobilienprofis ist die sogenannte Kreativwirtschaft.

Für die muss Matthies viel Überzeugungsarbeit leisten: „Die Eigentümer sind oft skeptisch, man muss sie erst für eine kulturelle Zwischennutzung vor dem Umbau oder Abriss begeistern“, berichtet Matthies. Bei der Bahndirektion und dem ehemaligen Autohaus ist das geglückt. Der Bedarf aber sei viel größer. „Es gibt heute, anders als noch vor zehn Jahren, sehr viele Selbstständige, die kreativ und professionell arbeiten wollen – aber noch nicht beiden großen Institutionen“, umschreibt Matthies seine Kunden.

Off-Spaces funktionieren stets auf dieselbe Weise

Temporäre Formate von und für Künstler zwischen Studienabschluss und professioneller Galerie entstehen in Stuttgart und anderswo auf Brachen oder in alten Gemäuern. Nach den Waggons am Nordbahnhof und dem OP Nord tauchte 2007 der Interventionsraum in der Marienstraße auf, es folgten der Projektraum „Hermes und der Pfau“ (ebenfalls 2007), „Stuttgart PopUp!“ auf der S-21-Brache (2008) und das viel beachtete Performance-Hotel in einem Wengerterhaus im Stuttgarter Osten (2009). Off-Spaces funktionieren stets auf dieselbe Weise: Kreative ziehen auf Zeit in eine Immobilie und erproben dort ungewohnte Kunstkonzepte. Das erfreut die Szene (oft auch die breite Öffentlichkeit) und schafft im Idealfall einen Mehrwert für das ganze Quartier.

„Solche Räume sind fast lebensnotwendig für Städte“, sagt der Direktor des Städtebauinstituts an der Uni Stuttgart, Franz Pesch. In Stuttgart beobachtet er eine „atomistische Verteilung kreativwirtschaftlicher Nischen“. Doch nur in solchen Nischen entwickle sich Neues, sagt Pesch. Deshalb solle die Stadtverwaltung „behutsam“ mit den wenigen Stuttgarter „Nulltarifräumen“ umgehen.

Der typische Prozess der Gentrifizierung

Das Interesse der Stadtplaner aber liegt eher in der Entwicklung einstmals wertloser Areale. Die Künstler, die solche Plätze wegen der niedrigen Mieten schätzen, sind dabei eher Mittel zum Zweck. Sobald die Quadratmeterpreise steigen, zieht die Kreativszene gezwungenermaßen weiter. Es ist der typische Prozess der Gentrifizierung, also der Aufwertung von Stadtteilen, die mit der Verdrängung bisheriger Bewohner und Nutzer durch wohlhabendereSchichten einhergeht. „Das Planungsrecht kennt dafür den Milieuschutz“, sagt Architekturprofessor Franz Pesch, der für den Schutz dieser Räume Sympathien hat.

Pablo Wendel und Demian Bern, die in der Szene mit dem Interventionsraum und Utopia Parkway mitmischen, wählen eine andere Strategie. Die Kunstakademieabsolventen und Projektkünstler betonen, dass es „unglaublich viel Kraft kostet, jedes Mal bei null anzufangen“. Die Aufwertung der von den Künstlern temporär bespielten Quartiere müsse daher mehr honoriert werden.

Vom gemeinsamen Willen abhängig

Stuttgart solle seine kreativen Potenziale bewusst nutzen: „Andere Städte setzen absichtlich Künstlerkolonien in bestimmte Stadtteile“, sagt Pablo Wendel. Das Leipziger Spinnereigelände oder das durch angesiedelte Künstler zur Touristenattraktion aufgewertete Hafenareal La Boca in Buenos Aires sind zwei Beispiele.

Der Weg zur kulturellen Um- oder Zwischennutzung ist vom gemeinsamen Willen aller Beteiligten abhängig. Im Falle der Stuttgarter Marienpassage traf ein geneigter Investor (Württembergische Lebensversicherung) auf die gute Idee breit vernetzter Macher. Bei der öffentlich beachteten Suche nach einem neuen Standort für die Künstlerkolonie, die wegen Stuttgart21 vom Nordbahnhof weichen muss, waren pragmatisch handelnde Verwaltungen von Stadt und Bahn empfänglich für die Argumente der Künstler. Mit am Tisch saß der Rechtsanwalt und ehemalige Stuttgarter OB-Kandidat Rezzo Schlauch. „Die Stadt hat sich zu meiner positiven Überraschung sehr konstruktiv verhalten“, sagte Schlauch hinterher. Rathaus und Bahn erwiderten das Lob umgehend.

Die Künstler müssen die Sprache der Unterstützer sprechen

Off-Spaces benötigen die Hilfe vieler Akteure. Die in solchen Dingen oft unerfahrenen Künstler müssen die Sprache ihrer potenziellen Unterstützer sprechen: Die Argumentation mit der sogenannten Corporate Social Responsibility – das Zauberwort der Werbestrategen –, kann in Unternehmen den Geldhahn aufdrehen; Politiker verstehen Schlagworte wie „niederschwelliges Kulturangebot“ besser als seitenlange Konzepte. Die müssen Künstler zwar auch vorlegen. Wichtig ist aber, den Nutzen für die Unterstützer zu betonen. Und „klarzumachen, dass wir nicht dauernd faul rumhängen, sondern etwas erschaffen“, wie Aurèle Mechler von der Künstlerkolonie am Nordbahnhof sagt.

Die Waggon-Bewohner, die jetzt auf den Cannstatter Güterbahnhof ziehen, haben wie die anderen erfolgreichen Projektmacher auf der Gegenseite Vertrauen erzeugt. Ist Stuttgart generell offener geworden gegenüber temporären Kunstprojekten? „Ich hoffe, dass die Leute dank der vielen Beispiele Mut bekommen haben“, sagt Pablo Wendel. Er meint damit auch die Wirtschaft in der Region: „Viele Unternehmen werfen für uns verwertbare Stoffe einfach weg, in Stuttgart gibt es zudem einen gewaltigen Leerstand“, so Wendel.

Im städtischen Kulturetat sind für die Förderung temporärer Projekte zwar gerade einmal 30.000 Euro im Jahr vorgesehen, für den Künstlernachwuchs und seine Fürsprecher ist Geld aber offenbar nicht alles; man freut sich auch über die Signale der Anerkennung und Zusammenarbeit für zahlreiche Off-Spaces: „Zumindest im Kulturamt“, lobt der in Stuttgart lange Jahre kulturpolitisch aktive Ex-Grünen-Politiker Rezzo Schlauch, „hat man inzwischen begriffen, dass die Stadt solche Biotope braucht“.