Lucas Reuter folgt Jochen Sandig nach der Schlossfestspiele-Saison 2024 als künstlerischer Leiter der Veranstaltungsreihe. Seine Wahl war holprig – unter anderem, weil das Team der Schlossfestspiele öffentlich gegen seine Wahl protestiert hatte. Der 40-Jährige nimmt die Herausforderung mit großer Gelassenheit an.
Herr Reuter, haben Sie die Turbulenzen der vergangenen Woche schon verarbeitet?
Ich denke doch. Ich war am Donnerstagvormittag bei den Mitarbeitern der Schlossfestspiele, und wir hatten einen offenen, konstruktiven Austausch. Ich habe Fragen beantwortet und ein bisschen etwas über mein Konzept erzählt.
Auf den Protest hätten Sie aber sicher gern verzichtet.
Ich hatte ihn nicht erwartet. Er hat mich auch bewegt und für einen Moment betroffen gemacht, aber wir haben uns ausgetauscht, und für mich ist die Sache erledigt.
Das Team sprach sich für eine überregional ausstrahlende Lösung aus, die der Bedeutung der Schlossfestspiele angemessen sei und gegen eine regionale, kleinere Lösung – also Sie. Nagt die Frage nach dem Warum?
Die Angaben zu meiner Person treffen nicht wirklich auf meine Biografie zu. Mir war es wichtig, den Blick nach vorne zu richten und nicht zu fragen, warum habt ihr demonstriert? Sondern zu fragen: Was bewegt euch? Lasst uns darüber sprechen, was Festspiele für euch bedeuten, und was für Ideen ich habe – und dann daran arbeiten.
Es scheint, als hätten Sie einen pragmatischen Umgang mit dem, was war, gefunden. Entspricht das Ihrem Naturell?
Ich denke ja. Im November konnte die Batsheva Dance Company aus Israel nicht zu uns kommen, wegen des Überfalls der Hamas. Wenn man in Gesprächen mit den Tänzerinnen und Tänzern spürt, mit was für Problemkonstellationen die Israelis im Moment konfrontiert sind, da erscheint mir das hier alles nichtig.
Ging die Bewerbung für die künstlerische Intendanz von Ihnen aus?
Die Findungskommission hat mich gefragt, ob ich ein Konzept einreichen möchte, und dieser Aufforderung bin ich gerne gefolgt.
Aus einem ersten Impuls heraus?
Ich musste nicht mit mir ringen. Ich war selbst einmal Dramaturg bei den Schlossfestspielen. Die Institution ist mir in gewisser Weise vertraut. Ich habe aber auch von Anfang an gesagt, dass ich mit meinem Konzept einen Beitrag zur Diskussion und Weiterentwicklung der Schlossfestspiele leisten möchte. Ich gehe das Ganze relativ unverkrampft an.
Dann werfen wir doch einmal einen Blick auf Ihr Konzept. Was ist der rote Faden?
Die Ludwigsburger Schlossfestspiele sind für mich grundsätzlich ein Festival, das hinsichtlich seiner Sparten und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten sehr groß ist. In Baden-Württemberg ist es das am breitesten und vielfältigsten angelegte Festival der darstellenden Künste, mit dem Schwerpunkt Musik, mit Tanztheater mit Möglichkeiten im Schauspiel und natürlich mit Musiktheater. Diese Breite generiert sich aus den Spielstätten heraus. Mit dem Schloss, dem Forum, mit diversen Open-Air Möglichkeiten und dem wunderbaren Spielort Karlskaserne. Die Kunst- und Kulturlandschaft im süddeutschen Raum ist extrem dicht gepflastert. Viele Festivals sind in den letzten zehn, zwanzig Jahren entstanden. Sie beziehen sich in der Regel auf eine Sparte: die Musik. Wir können durch die Breite spannende künstlerische Beziehungen herstellen. Das ist aber auch eine große Herausforderung.
Das heißt, Sie wollen die Sparten noch mehr in Beziehung setzen?
Genau – beispielsweise durch Kooperationen und Koproduktionen.
Können die Spielstätten Ihrer Meinung nach noch besser zur Geltung gebracht werden als bisher?
Ich scheue mich etwas vor dem Vergleich zum Jetzt. Es ist wunderbar, wie Jochen Sandig sein Festival macht. Dass ich es ein bisschen anders machen möchte, liegt einfach daran, dass ich eine andere Person bin.
Haben Sie auch neue Spielstätten im Kopf?
Nicht unbedingt, aber ich würde an die Spielstätten noch ein bisschen anders herangehen. Indem zum Beispiel auch der Hof des Residenzschlosses für Konzertformate und szenische Produktionen stärker genutzt wird, die im Ordenssaal oder im Schlosstheater aufgrund der historischen Bausubstanz nicht möglich sind. Ich fände es spannend, für den Innenhof ein kleines, architektonisch hochkarätig gestaltetes Bühnenrund zu entwickeln für neue Formate, die zwar die Identität der Festspiele weiterführen, aber auch ein zeitgenössisches künstlerisches Arbeiten ermöglichen. Ich denke nicht in Schubladen. Die Festspiele sind für alle offen und sollen alle begeistern. Nicht durch künstlerische Beliebigkeit, sondern indem inhaltliche Anker in unterschiedliche Lebenswirklichkeiten ausgeworfen werden. Darüber hinaus ist es immer Auftrag der Kunst, auch eine gesellschaftliche und politische Dimension zu entwickeln.
Es gibt die Sorge, dass durch die Personalunion die Trennschärfe zwischen Forum und Festspielen verwischt.
Sie ist unbegründet. Beide Einrichtungen haben unterschiedliche Aufträge. Die Festspiele sollen immer den Ort in einen Ausnahmezustand versetzen – für einen begrenzten Zeitraum. Und in einer hohen Intensität den Menschen künstlerische Begegnungen ermöglichen, die unter dem Jahr nicht möglich sind.
Wie schwer wiegt die Sorgen um die Finanzen – gerade in Zeiten knapper Kassen?
Ich erkenne nicht, dass es Bestrebungen gibt, bei der Kultur den Rotstift anzusetzen. Ich empfinde den Ludwigsburger Gemeinderat als sehr stark der Kultur zugewandt. Deutlich stärker als anderswo. Gleichwohl wird man in die betriebswirtschaftliche Ausgestaltung genauso viel Fantasie stecken müssen wie in die künstlerische. Aber auch wenn die prallen Geldsäcke nicht in der Ecke stehen, sind die Voraussetzungen für ein großartiges Festival mit einer großen Reichweite in Ludwigsburg ziemlich ideal.
Schon in der Jugend erfolgreich
Ausbildung
Lucas Reuter wurde 1983 in Stuttgart geboren. In der Jugend war er mehrfach Preisträger bei Jugend musiziert sowie bei Jugend komponiert. Er studierte zunächst Architektur, dann Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. In den Jahren 2005/2006 war er Stipendiat der Akademie Musiktheater heute der Deutschen Bank Stiftung.
Berufliche Stationen
Reuter war als Programmgestalter, Autor und Sprecher tätig. Als Dramaturg arbeitete er für Opernproduktionen unter anderem an der Nederlandse Opera Amsterdam, dem Prinzregententheater München und dem Teatro Real in Madrid. Von 2009 bis 2011 war er Dramaturg bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Seit 2011 ist Reuter künstlerischer Leiter des Forum am Schlosspark in Ludwigsburg.