Kultur öffnet nach Corona Staatstheater hoffen auf das Prinzip Schachbrett

Staatstheater Stuttgart bei Nacht Foto: imago stock&people

In Stuttgart dürfen Schauspiel, Oper und Ballett mehr Tickets verkaufen als anderswo – dank eines Modellprojekts. Könnte das auch für Herbst und Winter eine Perspektive sein?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Gibt es für die Kultur eine Rückkehr zur Normalität? „Es wird höchste Zeit, dass die Theater und Orchester wieder zu vernünftigen Arbeits- und Aufführungsbedingungen zurückkehren können“, sagt Marc-Oliver Hendriks, der Geschäftsführende Intendant der Stuttgarter Staatstheater. An diesem Wochenende präsentieren Schauspiel und Ballett erstmals seit vergangenem Herbst wieder zwei große Premieren – reale Premieren auf der Bühne, vor live anwesendem Publikum. Und wenn es nach Hendriks geht, soll es bei dieser Normalität jetzt bleiben, auch wenn zum Ende des Jahres die Corona-Infektionszahlen wieder ansteigen sollten. „Theater- und Orchestersäle sind für die Besucher geschützte und sichere Räume, gerade auch in der Pandemie.“ In Stuttgart setzt man deshalb auf ein besonderes Prinzip: das „sichere Schachbrett“.

 

Dabei geht es um die Platzierung des Publikums im Zuschauerraum: So wie sich bei einem Schachbrett weiße und schwarze Felder abwechseln und hintereinander versetzt sind, so wechseln sich nun auch in Oper- und Schauspielhaus je ein besetzter und ein freier Platz ab. Umfangreiche Versuche und Studien des Staatstheater mit einschlägigen wissenschaftlichen Instituten haben ergeben, dass bei einer solchen Platzierung, verbunden mit dem üblichen Luftaustausch und einer Maskenpflicht auch während der Vorstellung, das Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus via Aerosole für die Besucher praktisch gleich null ist.

Die Zahl der Zuschauer kann verdoppelt werden

Vorteil für Hendriks: Mit diesem Zuschauer-Schachbrett kann er statt nur 25 Prozent immerhin die Hälfte aller verfügbaren Theaterplätze vergeben, denn der sonst eigentlich vorgeschriebene Hygiene-Mindestabstand von 1,5 Meter in alle Richtungen entfällt. Die Premiere von „Don Juan“ im Schauspielhaus können 330 Zuschauer verfolgen; zum Ballettabend „New Works“ im Opernhaus werden 700 Gäste erwartet. Ein so großes Theaterpublikum an einem Abend hat es in Stuttgart seit März 2020 nicht mehr gegeben!

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Möglich ist das Stuttgarter Experiment, weil das Sozialministerium des Landes über 20 Modellprojekte ermöglicht, die weitere Öffnungsmöglichkeiten für Kultur, Tourismus, Freizeit und Sport erproben sollen. Blasorchester im Ortenaukreis profitieren ebenso davon wie die Freilichtspiele in Schwäbisch Hall oder zwei Musikclubs in Ravensburg. Die trotz niedriger Inzidenzen in Baden-Württemberg weiter geltenden rigiden und noch dazu unübersichtlichen Hygieneregeln erlauben vielen Kulturveranstaltern keinen wirtschaftlichen Betrieb. So wie viele Kollegen hofft Marc-Oliver Hendriks auch dank der Modellprojekte auf klare Perspektiven für die zweite Jahreshälfte: „Wir wollen nach der Sommerpause durchstarten in eine ganz normale Theatersaison.“

Auch für Petra Olschowski (Die Grünen), die Kunststaatssekretärin des Landes, hat das Stuttgarter Modellprojekt große Bedeutung: „Es ist hervorragend gemeinsam von Staatstheater und Wissenschaft vorbereitet.“ Sie erhofft sich wichtige Erkenntnisse, wie das Kulturleben Schritt für Schritt weiter in Betrieb gehen kann. „Unser Ziel ist: selbst, wenn das Infektionsgeschehen im Herbst noch einmal anziehen sollte, das Kulturleben – wenn irgend möglich – geöffnet zu halten.“

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