Im Sommer 2021 genehmigte der Gemeinderat eine halbe Million Euro für das Projekt, 2000 Geräte sollten beschafft werden. Seither hat man nichts mehr davon gehört.

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Was ist eigentlich aus dem großspurig angekündigten und deutschlandweit diskutierten Stuttgarter Distanztracker-Projekt geworden? Im Juni 2021 hatte der Gemeinderat beschlossen, eine halbe Million Euro außerplanmäßig freizugeben, um 2000 kleine Geräte zu beschaffen, die bei zu geringem Abstand zu anderen Besuchern vibrieren. Zudem sollten sie Bewegungs- und Infektionsmuster in Clubs und Kultureinrichtungen nachvollziehbar machen.

 

Eine Pressemitteilung der Stadtverwaltung feierte das Vorhaben als „deutschlandweit richtungsweisend“. Eine Ethikkommission war vorgesehen, dazu die wissenschaftliche Begleitung durch den Saarbrücker Medizinprofessor Thorsten Lehr. Er hatte sich das Projekt gemeinsam mit Stefan Ehehalt ausgedacht, dem Leiter des städtischen Gesundheitsamts. Die teils heftige Kritik konnte der Stadtverwaltung nichts anhaben. Interessierte Veranstalter sollten sich melden, um mögliche Events für den Einsatz der Tracker zu bestimmen.

Warum das Projekt abgeblasen wurde

Danach hat man von dem auf neun Monate angelegten Projekt nichts mehr gehört. Nachfrage beim Verwaltungssprecher Sven Matis: Wie ging es weiter? „Die Tracker sind nicht zum Einsatz gekommen“, richtet er aus. Die Pandemielage habe sich im Sommer 2021 geändert, wegen zwischenzeitlich gelockerter Coronaregeln „traten auch unsere Beweggründe, dieses Projekt zu starten in den Hintergrund“. Das Projekt wurde abgebrochen, bevor es wirklich losging.

Laut Pressemitteilung war das Ziel, Pop- und Jugendkulturveranstaltungen dauerhaft „sicher zu ermöglichen“. So richtig locker waren die Maßnahmen im angedachten Projektzeitraum, also im Herbst und Winter 2021/22 für Clubs und Diskotheken nicht, man erinnere sich an 2G-Plus, Obergrenzen für Besucherzahlen oder die Maskenpflicht in Innenräumen. Bei den etwas weniger stark eingeschränkten Konzerten blieb der Besucherraum trotzdem immer wieder gespenstisch leer. War die Absage an das zumindest gut gemeinte Distanztracker-Projekt wirklich zwingend?

„Wir haben das nie kommuniziert“

„Es gab Interessenten“, sagt der Stadtsprecher Sven Matis – insgesamt zwei, heißt es auf Nachfrage. Namen werden nicht genannt, als eine Location wurde dem Vernehmen nach damals die Schleyerhalle diskutiert. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Idee unter Clubbetreibern relativ wenige Anhänger hatte. Zudem mag die Pandemielage im Juli und August 2021 auf viele so gewirkt haben, dass die Pandemie überwunden, ein normaler Betrieb auch ohne Distanztracker langfristig wieder möglich sei.

Im Spätsommer 2021 schlug der Leiter des Gesundheitsamts, Stefan Ehehalt, den Ratsfraktionen vor, das Projekt zu beerdigen – kein Vierteljahr nach dem Gemeinderatsbeschluss. Am mangelnden Interesse der Veranstalter habe es nicht gelegen, sagt er. Vielmehr habe er gemessen an den hohen Kosten für Stuttgart nur noch einen begrenzten Nutzen gesehen – die Coronaregeln waren im Sommer 2021 relativ locker, die Tracker hätten der Kultur- und Ausgehszene also kaum Events beschert, die nicht auch ohne die Geräte möglich waren. „Somit war das kein Projekt mehr, das man aus Steuermitteln bezahlt, sondern aus Töpfen zur Forschungsförderung“, sagt Stefan Ehehalt heute. Das sei heute noch mehr so als im Spätsommer 2021.

Sven Matis betont, der Stadt seien keine Kosten entstanden. Und was ist mit dem Erfinder des Distanztracker-Projekts, dem Professor Thorsten Lehr? Die Tracker sowie die Auswertungssoftware habe er ohnehin für eine Studie an Schulen genutzt, sagt er auf Nachfrage. In dem Stuttgarter Projekt stecke viel Arbeit, aber kein Steuergeld. „Die schlechte Presse und die negativen Kommentare haben mich deutlich härter getroffen als die Absage aus dem Rathaus“, sagt er. Diese sei letztlich „eine politische Entscheidung“ gewesen.

Auch als Forschungsprojekt bislang nicht umgesetzt

Ärger ist also keiner entstanden aus dem erst groß angekündigten, dann stillschweigend beendeten Projekt. Fragen ergeben sich trotzdem, zum Beispiel warum die Öffentlichkeit nie mehr etwas gehört hat und wie so ein Vorgehen auf die Club- und Kulturszene wirkt, der man ja mit den Trackern eigentlich helfen wollte. „Wir haben das nie kommuniziert, weil wir weiterhin im Kontakt mit Professor Lehr sind und nach Drittmitteln für das Projekt suchen“, berichtet Ehehalt. Gefunden habe man bislang freilich keine.

Aufseiten zumindest einiger Clubbetreiber und Veranstalter bleibt nach den vielen Pressemitteilungen, Berichten, Diskussionen und sonstigen Bemühungen Ernüchterung. Bei der von der Pandemie geplagten örtlichen Feier- und Kulturszene kamen Politik und Verwaltung offenbar leichter ins Reden als ins Tun. Im Winterhalbjahr hätte sich mancher vermutlich die Finger danach geleckt, mithilfe des aber längst ad acta gelegten Modellprojekts halbwegs normal Events anbieten zu können. Ideen, wie die bewilligte halbe Million Euro anderweitig zur Förderung der örtlichen Szene genutzt werden könnte, hätte man vermutlich auch gefunden. Auf jeden Fall bleibt bis heute unklar, wie hoch das Infektionsrisiko in Clubs und Kulturlocations ist, sei es mit Corona oder einem anderen Virus. „Vermutlich ist die Gefahr gar nicht so groß, aber die Evidenz dazu hätten wir in Stuttgart gesammelt“, sagt Thorsten Lehr.