Kultur- und Bürgerzentrum in Sindelfingen Stadträte sollen Ende des Jahres entscheiden

Jürgen Stauch (links) und Klaus Philippscheck vor der Galerie Stadt Sindelfingen. Dort ist aktuell noch der i-Punkt zu finden. Foto: Eibner // Bürke

In der Sindelfinger Stadtmitte soll nach dem Abriss der Post in der Gartenstraße unter anderem ein Gebäude entstehen, das Leute anlocken soll. Die aktuellen Pläne gefallen nicht allen.

Böblingen: Julia Theermann (the)

An Visionen für die Sindelfinger Innenstadt mangelt es Jürgen Stauch und Klaus Philippscheck von der Initiative „Wir alle sind die Stadt“ nicht. Und sie nehmen auch kein Blatt vor den Mund, wenn ihnen die eingeschlagene Richtung der Stadtentwicklung in der Daimler-Stadt nicht gefällt. Wie im Fall des Post-Voba-Areals. Seit dem Abriss der alten Volksbank an der Mercedesstraße im Jahr 2019 überlegt die Stadt öffentlich, was mit dem Gelände passieren soll. Nach dem Abbruch der Postfiliale in der Gartenstraße in diesem Jahr ist der Weg dann frei. Zudem ist sie mit der Neubebauung des Geländes bei der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 mit dabei.

 

Inzwischen steht fest, dass dort inmitten der Innenstadt ein 51 Meter hohes Hochhaus, ein Stadthaus und ein 3000 Quadratmeter großes Kultur- und Bürgerzentrum (KUB) entstehen sollen. Das KUB soll auch ein Café und den städtischen i-Punkt beherbergen, der aktuell in der Galerie der Stadt Sindelfingen untergebracht ist. Wohnen, Gewerbe und kulturelle Nutzung sollen dort ganz nah zusammen liegen. Auch etliche Vereine haben schon angekündigt, gerne im KUB Einzug zu halten.

Lage ist städtebaulich wichtig

„Es wird von einem Leuchtturmprojekt gesprochen“, sagt Stauch. Das Post-Voba-Areal liegt zwischen Bahnhof, Busbahnhof und Stern-Center sowie Marktplatz, Wettbachplatz und Altstadt, und ist damit städtebaulich wichtig. Für Besucher, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt kommen, markiert es den Hauptzugang zur Fußgängerzone. Darum soll das KUB wesentlich zur Belebung der Innenstadt beitragen, findet die Stadt.

Für die Bürgerinitiative ist das aber mit dem aktuellen Konzept nicht zu schaffen. Die Initiative wirft der Stadt vor, am falschen Ende zu sparen. Nachdem es 2018 einen Gemeinderatsbeschluss gegeben hatte, das KUB auf dem alten AOK-Gelände am Bahnhof zu bauen, wurde das Projekt kurzerhand in die Innenstadt verlegt. „Dadurch wird es aufgewertet, allerdings wurde an den inneren Strukturen nichts geändert, außer dass der i-Punkt mit reingenommen wurde“, sagt Philippscheck.

KUB soll mit Verwaltungsleuten besetzt werden

Das sei auch der einzige Punkt, in dem man das „Bürgerzentrum“ wiederfände. „Unseres Erachtens erfüllt das bei Weitem nicht die Anforderungen an ein Bürgerzentrum, in dem sich Sindelfinger Bürger über ihre Stadt, die Historie, die sozialen Einrichtungen, die Verwaltung, Schulen, Kitas und Wirtschaft Informationen einholen können“, kritisiert die Initiative. Sindelfingen verschenke die Möglichkeit, mit ihrem Grundstück im absoluten Zentrum der Stadt etwas besonderes anzufangen.

Die Bürgerinitiative hat auch ein Problem damit, dass das KUB von einer eigenen Abteilung innerhalb der Verwaltung mit drei Vollzeitstellen betrieben werden soll. „Das macht die Stadt, weil sie alles, was darin passiert, im Griff behalten will“, meint der ehemalige Lehrer Philippscheck.

Unterbringung von Vereinen

Ebenfalls nicht ideal seien die Räume für Vereine: „Das ist ein typisches Beispiel, wie Kosten gespart werden sollen“, so Philippscheck. „Man baut Räume für Vereine, die vielfach belegt werden. Aber dann hat erstens keiner der Vereine ein Heimatgefühl, und zweitens bringt das keine Besucher.“ Stattdessen sollte man die Vereine lieber anderswo unterbringen – zum Beispiel im Gebäude des Sindelfinger Polizeireviers, das in absehbarer Zeit frei werden könnte. Im Zuge der Kirchenreform seien auch bislang kirchlich genutzte Räume für die Unterbringung von Vereinsheimen denkbar.

Die Initiative hat konkrete Ideen, wie die Stadt das Projekt ihrer Meinung nach so realisieren könne, dass genug Publikumsverkehr angezogen würde. Zu allererst müsse der i-Punkt zu einem „WIP“- Punkt, einem Willkommens-, Informations- und Präsentationspunkt werden. Dieser sollte multimedial ausgestattet sein, um nicht nur die Sindelfinger Sehenswürdigkeiten zu zeigen, sondern selbst zu einer solchen zu werden.

Vorschlag: Multimedialer Saal

Dafür, sagen sie, müsse Sindelfingen auf das Zusammenspiel von Technologie und Historie setzen. Eine Idee wäre, den Rokoko-Salon des ehemaligen Bürgermeisters Jakob Heinrich Gußmann, der aktuell in einem Container lagere, abzufotografieren und mit Projektoren an die Wände im Saal des geplanten KUB zu projizieren. „Ich habe den Finanzbürgermeister schon oft darauf hingewiesen, mit dem Salon etwas zu machen“, sagt Philippscheck. Das habe den Vorteil, dass der Saal dann auch anderweitig genutzt werden könne, wenn die Projektoren ausgeschaltet seien. Außerdem will die Initiative erreichen, dass das geplante Café größer angelegt wird. „Wir diskutieren hier etwas, das Ende des Jahrzehnts fertig werden wird“, sagt Philippscheck. „Aber im aktuellen Entwurf ist das Kultur- und Bürgerzentrum etwas, das in die Vergangenheit gehört.“ Der Initiative fehlen von Verwaltungsseite Mut und Ambition. Ihnen sei sehr wohl klar, dass das von ihnen vorgeschlagene Modell mehr Aufwand bedeute. Aber die Verwaltung sei naiv, wenn sie glaube, über die Baukosten hinaus werde das Projekt nichts kosten. „Wenn wir springen wollen, dann bitte auch weit genug“, sagt Stauch.

Entscheidung soll dieses Jahr fallen

Die Verwaltung ist sich dessen bewusst, dass es Kritik an ihrem Entwurf gibt. Im Mai hatte die Verwaltung den Stadträten die Eckpunkte für den Betrieb vorgelegt. Dazu gab es im Gremium Gesprächsbedarf. „Derzeit werden die geforderten Alternativen von den beteiligten Ämtern bearbeitet und in Zusammenarbeit mit Architekten und Fachleuten auf Umsetzbarkeit geprüft“, gibt darum eine Sprecherin der Stadt Informationen aus den Ämtern für Kultur sowie Stadtentwicklung und Geoinformation wieder.

In den nächsten Sitzungen des Gemeinderats samt Ausschüssen sollen Eckpunkte des Bebauungsplans erneut besprochen werden. Im Herbst geht es dann um die bauliche Ausgestaltung des KUB – und damit um das Thema, das die Bürgerinitiative so sehr umtreibt. „Schon zum Jahresende soll der Beschluss zum Kultur- und Bürgerzentrum im Gemeinderat fallen“, sagt die Stadtsprecherin. Viel Zeit bleibt demnach nicht, um die Vorschläge der Initiative einzuarbeiten.

Weitere Themen