Kulturbau Rilling-Areal in Bad Cannstatt Finanzbürgermeister: Neues Konzertforum hat keine Priorität

So könnte das umgebaute Gebäude der früheren Sektkellerei Rilling am Neckar aussehen. Der eigentliche Konzertsaal würde im Innenhof dahinter neu gebaut. Foto: Isin & Co

Drei Tage vor der Kommunalwahl will sich eine Mehrheit des alten Gemeinderates auf den Bau eines neuen Konzerthauses festlegen. Die Finanzierung ist nicht geklärt, und auf der Bürgermeisterbank gibt es Bedenken gegen das Vorhaben – und nicht nur dort.

Drei Tage vor der Kommunalwahl will die Mehrheit des alten Gemeinderates dem neuen Gremium seinen Grundsatzbeschluss zum Bau eines Konzertforums in Bad Cannstatt mit auf den Weg geben. Für die inzwischen auf bis zu 120 Millionen Euro taxierte Halle (1100 Plätze) soll die Stadt ansonsten verbindliche Regeln zum Architektenwettbewerb und Bauverfahren über Bord werfen. Auf der Bürgermeisterbank gibt es erhebliche Bedenken gegen das Vorhaben. Und nicht nur dort.

 

Kulturbauten über der Milliardengrenze

Die Finanzverwaltung mit Bürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU) an der Spitze spricht sich in aller Deutlichkeit gegen jeden Zeitdruck aus. Das Projekt habe „aus gesamtstädtischer Sicht keine Priorität“, lässt Fuhrmann in der Beschlussvorlage wissen. Am Montag soll sie im Bezirksbeirat aufgerufen werden. Die Konzerthalle auf dem früheren Areal des Sektherstellers Rilling an der Neckartal- und Brückenstraße müsse sich „aufgrund der hohen Investitions- und Folgekosten in wichtigere, noch nicht finanzierte gesamtstädtische Vorhaben aus den Bereichen Wohnen und Klimaschutz sowie öffentliche Infrastruktur (z.B. ÖPNV, Bäder, Feuerwehr) und andere Kulturprojekte einordnen“, so Fuhrmann. Er geht dabei nicht ins Detail, verweist aber auf den bei derartigen Finanzvolumen eingeübten Weg: Anmeldung zum nächsten Doppelhaushalt (2026/2027). Aktuell stünden „keine Mittel zur Verfügung“. Allein die Wunschliste neuer Kulturbauten tendiert inzwischen Richtung 1,2 Milliarden Euro.

Baubürgermeister stellt Bedenken zurück

Erhebliche Probleme mit den Plänen hat auch das Referat von Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne, zuständig für Städtebau, Wohnen, Umwelt). Im Sanierungsgebiet auf dem Rilling-Gelände waren kleinteiliger Wohnungsbau, eine Kita und Nahversorgung vorgesehen. Pätzolds Haus „zeichnet mit Hinweisen unter Zurückstellung von Bedenken mit“. Das schreibt Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) den Bürgervertreten. Er forciert das Projekt massiv.

Festpreis? – Die Stadt haftet

Die Idee zum Forum präsentierten Ende November 2023 das Stuttgarter Kammerorchester und der Aalener Projektentwickler Cemal Isin. Der hatte sich das Rilling-Grundstück 2021 mit einem Partner gesichert und, trotz alter Produktionsanlagen, den Ausbau der Kellerei propagiert. Inzwischen hat Isin die neue Idee auf seiner Homepage ganz vorn unter der neuen Rubrik „Konzerthäuser“ platziert. Unterkommen sollen auch die Stuttgarter Philharmoniker und dem Vernehmen nach die Bachakademie. Isin will bauen und das Haus schlüsselfertig zum Festpreis an die Stadt, genauer gesagt an eine gemeinnützige Stiftungs gGmbH reichen. Auf einer Teilfläche will er ein 80-Betten-Hotel selbst entwickeln und vermarkten.

Gibt es bessere Standorte?

Trotz Festpreis würde die Stadt als Gewährsträger haften. Kostenexplosionen sind den Bürgervertretern vertraut: „Wir wissen, dass es bei diesen Kosten nicht bleiben wird, das wäre ein Wunder“, sagte der CDU-Stadtrat Jürgen Sauer bei der Diskussion zum Konzertforum Ende April. Von ihm kam die Forderung nach dem Grundsatzbeschluss.

So einfach wie gedacht gestaltet sich der Handel nicht. Die Entscheidung für einen Standort „auf einem fremden Grundstück unterliegt vergaberechtlichen Vorgaben“, lässt Mayer nun wissen. Ergo kann sich die Stadt erst dann auf das Rilling-Areal festlegen, wenn sie anderen Grundstückseigentümern die Möglichkeit gegeben hat, wie Isin Flächen anzudienen. Auswahlkriterien für das Interessenbekundungsverfahren werden noch keine genannt. Unabhängig von der Örtlichkeit pocht das Stadtplanungsamt auf einen Architektenwettbewerb, als Minimum wird ein kooperatives Verfahren angeführt, soll heißen, Isin müsste sich mit den Ideen von zwei oder drei weiteren Büros beschäftigen.

Wohlwollen überwieg

Grundsätzlich gibt es im Gemeinderat mehrheitlich Wohlwollen für das Projekt, wenngleich Grüne und SPD das Hotel für verzichtbar halten. Weil es aber auf der anderen Seite „auch eine vertane Chance für den Stadtteil bedeuten“ könne, will die Puls-Fraktionsgemeinschaft in einem umfangreichen Antrag Kosten und Förderung, die Wirkung auf den Bezirk und andernorts frei werdende Räume geklärt haben. Puls pocht als erste Fraktion bei einem Neubau auch auf Konsequenzen für andere Kulturprojekte. Das auch angedachte, ganz große neue Konzerthaus müsse dann genauso gestrichen werden wie Proberäume in der zur Sanierung anstehenden Villa Berg.

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