Kulturdenkmal Der alten IBM-Zentrale droht der Abriss

Die Gebäude sind in eine weitläufige Gartenanlage eingebettet. Foto: Achim Zweygarth 15 Bilder
Die Gebäude sind in eine weitläufige Gartenanlage eingebettet. Foto: Achim Zweygarth

Die seit 2009 leer stehenden Gebäude des Eiermann-Campus in Vaihingen seien nicht zu vermarkten, argumentiert der Insolvenzverwalter. Das gesamte Areal aus dem Jahr 1972 steht aber unter Denkmalschutz. Bürgermeister Matthias Hahn spricht von einem „unglaublich rüden Vorgehen“ gegen ein Kulturdenkmal.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)
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Stuttgart - Als OB Fritz Kuhn (Grüne) vor einigen Tagen die frühere IBM-Zentrale am Autobahnkreuz Stuttgart besucht hat, bot sich ihm ein tristes Bild: An der Fassade der Kantine sind die Sonnensegel zerschlissen, die Farbe blättert ab, in den leeren Räumen muffeln die fleckigen Teppiche vor sich hin. Fast wirkt der Ort ein wenig gespenstisch: Auf den Parkplätzen für einst 2500 Beschäftigte steht kein einziges Auto, auf dem 20 Hektar großen Gelände ist kein Mensch zu sehen. Nur der Lärm der nahen Autobahn übertönt die seltsame Stille auf dem Campus.

Gespenstisch ist aus Sicht des Baubürgermeisters Matthias Hahn (SPD) wohl auch der richtige Begriff, um den Antrag zu beschreiben, den er jetzt auf den Tisch bekommen hat: Die Insolvenzverwalter haben mit dem Gläubigerkonsortium unter Führung der DG Hyp einen Abrissantrag für alle Gebäude gestellt. Dabei stehen die drei Pavillons des Architekten Egon Eiermann samt des Kantinengebäudes und der Gartenanlage unter Schutz. Nur ein später gebauter vierter Pavillon ist ausgenommen.

Investor hat viel zu viel für das Gelände bezahlt

Matthias Hahn nennt den Antrag „unglaublich starken Tobak“. Er habe in all den Jahren als Baubürgermeister noch nie ein so rüdes Vorgehen gegen ein Kulturdenkmal erlebt. Für ihn steht fest: Der frühere Käufer CB Richard Ellis hat das Gelände 2007 zum stark überhöhten Preis von 83 Millionen Euro erworben. Ellis habe gehofft, die Räume für 14 Euro pro Quadratmeter vermieten zu können, realistisch seien allenfalls 11,50 Euro. Dann sei die Immobilienblase geplatzt, Ellis musste im Juni 2011 Insolvenz anmelden. Stuttgart solle dieses Verhalten internationaler Spekulationsfirmen nun büßen, wettert Hahn – durch den Verlust eines bedeutenden Kulturdenkmals. Er und OB Fritz Kuhn wollen den Campus unbedingt erhalten.

Der Frankfurter Insolvenzverwalter Stephan Schlegel will sich erst nächste Woche äußern, da seine Kollegin Claudia Jansen derzeit nicht zu sprechen sei. Die Fakten liegen dennoch weitgehend auf dem Tisch. Es ist in den zwei Jahren seit der Insolvenz Ellis’ nicht gelungen, einen Käufer oder Mieter zu gewinnen. Angeblich soll kein einziges Angebot abgegeben worden sein. Die Investitionen in die veraltete Technik und in die Gebäudesubstanz könnten sich auf bis zu 100 Millionen Euro belaufen, so wird spekuliert. Die Auflagen der Denkmalbehörden haben nach Ansicht der Eigentümer die Suche nach einem Käufer erschwert – Hahn betont aber, dass in all der Zeit weder die Insolvenzverwalter noch die DG Hyp bei ihm gewesen seien, um nach einer Lösung zu suchen.

Stadt will Abrissantrag nach Möglichkeit nicht genehmigen

Monatlich soll der Unterhalt des Geländes für Heizung, Wachdienst und Gartenpflege 180 000 Euro verschlingen. Die DG Hyp, die als Hauptgläubigerin derzeit diese Kosten übernimmt, hat wohl nun erneut ein Ultimatum bis Juni gestellt. Wenn es dann keine Lösung gebe, wollen die Insolvenzanwälte das Gelände freigeben – es würde an die Gesellschaften zurückfallen, die aber Konkurs gegangen sind. De facto wäre das Areal dann herrenlos.

Der Stuttgarter Architekt Oliver Sorg hat für Richard Ellis drei Jahre lang das Projekt begleitet und kennt den Campus in- und auswendig. Er hat jetzt in Eigeninitiative vorgeschlagen, den Bau eines weiteren Gebäudes zuzulassen, um so die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. „Einen Pavillon könnte man zu einem Studentenwohnheim umbauen“, sagt Sorg; die Kantine wäre als Halle für Konzerte oder Ausstellungen nutzbar. Im jüngsten Stuttgarter Immobilienbrief heißt es dagegen aus Sicht des Eigentümers, allenfalls ein Gebäude des Campus könne erhalten werden, womöglich die eher unspektakuläre Kantine. Dort könne dann eine Eiermann-Ausstellung untergebracht werden.

Die Stadt, so sagt Matthias Hahn, werde den Abrissantrag nicht genehmigen. Allerdings muss der Abriss laut deutschem Baurecht dann erlaubt werden, wenn der Eigentümer darlegen kann, dass der Erhalt wirtschaftlich unzumutbar ist.




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