Kulturelles Gedächtnis in Gefahr Mit der DVD verschwinden Filmschätze

Von Kathrin Horster 

Streamingdienste versprechen eine schier unerschöpfliche Auswahl an Serien und Filmen. In Wahrheit driften jedoch gerade Teile der Filmgeschichte ins Vergessen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen derzeit noch verfügbar: Barret Oliver als Bastian  Bux mit dem Glücksdrachen  Fuchur in  „Die unendliche Geschichte“ Foto: Imago images/United Archives
Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen derzeit noch verfügbar: Barret Oliver als Bastian Bux mit dem Glücksdrachen Fuchur in „Die unendliche Geschichte“ Foto: Imago images/United Archives

Stuttgart - Ringsum nichts als eine alles verschlingende Schwärze. Nur ab und zu saust der Junge Bastian Balthasar Bux auf seinem Glücksdrachen Fuchur an einem winzigen Rest des einst unermesslichen Reiches Phantásien vorbei. Der Großteil ist zu Staub zerfallen, für immer verloren und vergessen.

Ein treffendes Bild, mit dem der deutsche Filmemacher Wolfgang Petersen 1984 in seiner Verfilmung von Michael Endes berühmtem Bildungsroman „Die unendliche Geschichte­“ die Auflösungserscheinungen eines Erzählkosmos beschrieb. Wer das inzwischen zum Klassiker gereifte Fantasyspektakel seinen Kindern und Kindeskindern ans Herz legen will, kann problemlos für kleines Geld zwischen DVD- und Blu-Ray-Ausgaben wählen.

Die Konsumenten befeuern den Wandel

Doch so viel Glück ist längst nicht jedem Werk der gerade einmal 125 Jahre umfassenden Filmgeschichte beschieden. So wie Bastian im Film tatenlos zusehen muss, wie sich seine an Wesen und Geschichten reiche Welt in Nichts auflöst, verfällt auch in unserer mit diversen Speichermedien ausgestatteten Realität des 21. Jahrhunderts fast unbemerkt ein wichtiger Bestandteil unseres kulturellen Gedächtnisses.

Der sich seit Jahren vollziehende Medienwandel markiert in dieser Hinsicht eine historische Zeitenwende; die Abkehr von gedruckten­ Zeitungen und Magazinen, die Krise der Kinos im Kontrast zum Siegeszug der Streaminganbieter und Online-Portale wie Youtube, sinkende Absätze auf dem Markt physischer Datenträger für Musik und Film. Dieser Wandel ist allerdings nicht das Werk einer grausamen Naturgewalt, die launisch Altbewährtes hinwegfegt, sondern das Ergebnis aktiver Entscheidungen der Konsumenten.

Vieles ist schon vergriffen

Dass nun Netflix, Amazon und Co. auf ihren Servern einen schier unerschöpflichen Bit- und Byte-Kosmos aus Serien und Filmen vorhalten und so auch abseits gewisser Trends feinere Nischen bedienen, ist ein beruhigender­ Trugschluss optimistischer Nutzer. Bei genauerer Betrachtung dominieren die Kataloge der Streamingdienste hauptsächlich Werke der vergangenen zwanzig Jahre. Wer ausgefallenere Streifen und vor allem eine breitere Auswahl an Klassikern sucht, prallt schnell gegen die Leitplanken der Streaming-Wunderwelt.

Aber auch als DVD und Blu-Ray ist längst nicht mehr alles verfügbar. Man kann in bitteres Staunen verfallen, was aktuell schon rar ist und bald vollends vergriffen sein könnte. So ist schon Lars von Triers Europatrilogie mit den Filmen „Element of Crime“ (1984), „Epidemic“ (1987), und „Zentropa“ (1991) als deutsche Blu-Ray- oder DVD-Ausgabe nicht mehr zu bekommen. Wer Glück hat, findet noch gebrauchte Ausgaben oder muss sich mit einem Import aus Großbritannien behelfen. Auch von Triers „Manderlay“ (2005) ist nur noch in einer Doppelausgabe mit dem Vorläuferfilm „Dogville“ erhältlich. Wer Klassiker schätzt, wird vergeblich nach Julien Duviviers lange bekannter Gangsterromanze „Pépé, le Moko“ (1938) suchen, glänzend besetzt mit dem auch in Deutschland angesehenen Charakterdarsteller Jean Gabin. Auch beim international geschätzten französischen Filmemacher Claude Chabrol lichtet sich allmählich die Liste der lieferbaren DVD- und Blu-Ray-Titel.

Filme funktionieren wie Zeitmaschinen

Zwar stellt sich die Frage, ob wirklich jedes Fetzchen Filmgeschichte aufbewahrt werden muss, auch angesichts der sich zuletzt rasant wandelnden Sehgewohnheiten des Publikums oder der fragwürdigen Qualität mancher vermeintlicher Schätzchen. Blickt man etwa auf die Literatur, zeigt sich schnell, dass auch da bloß wenige Autoren über Dekaden hinweg gelesen werden. Von Goethes „Faust“ hat jeder Pennäler schon einmal gehört, von Jakob Michael Reinhold Lenz’ nicht weniger starkem Drama „Die Soldaten“ eher nicht.

Doch im Gegensatz zur Literatur genießt der Film als Kunstform und Erinnerungsmedium in Deutschland weit weniger Wertschätzung, wird weniger gehegt und seltener als schützenswert an jüngere Generationen vermittelt. Vergessen wird dabei, dass Filme wie Zeitmaschinen und Schaufenster in andere Kulturen funktionieren. Wer Charlie Chaplins „Großen Diktator“ (1940) anschaut, gewinnt ein authentisches Bild von der Zeit, als die Nazis in Europa den Zweiten Weltkrieg anzettelten. Schriftliche Darstellungen von Historikern vermitteln solche Eindrücke weniger plastisch.

Wer nur Aktuelles schaut, verpasst viel

Wer nie einen Film mit Rita Hayworth („Gilda“, 1946), Elizabeth Taylor („Vater der Braut“, 1950) oder Sophia Loren („Hausboot“, 1958) gesehen hat, besitzt vielleicht nur eine ungefähre Vorstellung von historischen Weiblichkeitsidealen und Rollenmustern. Und wer nur die französische Kinoproduktion ab „Monsieur Claude und seine Töchter“ verfolgt hat, bringt sich um das Erlebnis, die an Themen und Genres reiche Tradition unserer Nachbarn kennenzulernen, die mit Claude Chabrol einen Vertreter des besonders abgründigen Humors zu bieten hat.

Die Streamingdienste will man nicht missen, sie liefern spannende Gegenwartsszenen. Die auf DVD und Blu-Ray konservierte Filmgeschichte erschließt dagegen große Teile vom Rest der Welt. Ein unwiederbringlicher Verlust, wenn wir das vergessen.

Streaming:
Manche Klassiker wie „Die unendliche Geschichte“ kann man günstig streamen. Nachteil: Viele Filme sind nur begrenzt verfügbar. Auch ist die Qualität der komprimierten Daten schlechter als etwa auf der Blu-Ray. Das teils interessante Bonusmaterial der physischen Ausgaben fehlt bei Netflix und Co.

Lücken
: Einiges wie „Schritte ohne Spur“ von Claude Chabrol ist derzeit vergriffen, „Der Frauenmörder von Paris“ ist noch zu haben. Auch bei bekannten US-Regisseuren gibt es bereits Lücken im Werk: Brian de Palmas „Greetings“ (1968) und der Nachfolgefilm „Hi, Mom“ (1970) mit Robert de Niro in einer frühen Hauptrolle ist vergriffen, genauso wie David Cronenbergs „Crimes of the Future“ (1970).




Unsere Empfehlung für Sie