Kulturfrühstück mit Brigitte Dethier Die Träume der Jugend

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In den Sommerwochen treffen sich unsere Redakteure mit Kulturschaffenden zum Frühstück in der Stadt. Diesmal: die Theaterintendantin Brigitte Dethier in der Caffé-Bar.

Der pädagogische Zeigefinger ist bei ihr nicht verpönt: Brigitte Dethier in ihrem erweiterten Intendantenbüro. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Der pädagogische Zeigefinger ist bei ihr nicht verpönt: Brigitte Dethier in ihrem erweiterten Intendantenbüro. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Wer sich mit Brigitte Dethier zum Frühstück verabredet, darf keinen großen Hunger mitbringen. „Ich esse morgens nicht viel“, bekennt die Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart (Jes), die sich als Treffpunkt die Caffé-Bar unterm Tagblatt-Turm ausgesucht hat. Das überschaubare Speisenangebot – Panini und Dolci – reicht ihr vollkommen aus. Wichtiger als die Snacks ist sowieso der Kaffee, „der beste in der Stadt“, sagt die Theaterfrau. Für diesen Genuss verzichtet sie sogar auf den Schwarztee, der sie sonst in den Tag katapultiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass Dethier nicht nur ein Frühstücksmuffel, sondern auch ein Cafémuffel ist. Um irgendwo rumzusitzen und nichts zu tun, fehlen ihr Zeit und Lust . „Mein Leben spielt sich zwischen Theater und Zuhause ab. Ansonsten passiert nicht viel“ – und natürlich haben auch die wenigen Ausflüge, die sich die Jes-Chefin dann doch erlaubt, mit Arbeit zu tun. Früher besuchte sie dafür das Stella, aber seit es das von vielen vermisste Szenecafé an der Hauptstätter Straße nicht mehr gibt, zieht es sie für Vor- und Nachgespräche mit ihren Regisseuren in die Caffé-Bar. Weil sich das von ihr seit 2003 geleitete Kinder- und Jugendtheater im selben Gebäude befindet, ist das natürlich praktisch. Aber das im italienischen Stil erweiterte Intendantenbüro, für das Dethier nicht die Alpen, sondern nur die Agora vorm Theater überqueren muss, ist auch sehr schön.

Die Vespa mit dem Kasten Bier

Die lange Theke, das üppig bestückte Getränkeregal, die glitzernden Lüster, die an den Wänden befestigten Stehtische: Dethier schwärmt vom Mobiliar, das vor rund zwanzig Jahren tatsächlich die Alpen überquert hat. Die Importware ist in dunklem Holz gehalten und verströmt eine mediterrane Wärme, die für einen Gedankenaustausch nur von Nutzen sein kann. Aber klein und eng ist die Lokalität schon auch. Fürs Fotoshooting mit der 58-jährigen Intendantin muss deshalb erst Platz geschaffen werden. Und so gutgelaunt, wie sie sonst mit einem Kasten Bier auf ihrer Vespa durch die Stadt düst, packt sie auch jetzt mit an und nimmt die Dolci von der Theke – ihr Lachen bei den Aufräumarbeiten, lauthals, ungeniert, ansteckend, füllt die Schuhschachtel mit dem besten Kaffee der Stadt bis auf den letzten Zentimeter aus.

Aber man soll sich nicht täuschen: Brigitte Dethier weiß, was sie will. Das Jes hat sie zu einem der wichtigsten Jugendtheater im deutschsprachigen Raum gemacht. Inszenierungen ihres Hauses sind mit dem Faust-Preis und mit nationalen und internationalen Festivaleinladungen bedacht worden. Erfolge, hinter denen ein stringentes Konzept steht – und auch etwas, das man bei der locker auftretenden Frau eher nicht erwartet hätte: den pädagogischen Zeigefinger. „Er ist verpönt, ich weiß. Aber bei manchen Themen muss man seine Haltung klar formulieren“, sagt Dethier, alleinerziehende Mutter zweier mittlerweile erwachsener Söhne.

Zwei Latte Macchiato hat sie bereits getrunken, ein dritter wird noch hinzukommen. In der Zwischenzeit spricht Dethier über ihre nächste Jes-Saison. „Nacht­geknister“: ein Stück über die Lust am Gruseln sowie reale und fiktive Ängste. „Tigermilch“: die Geschichte zweier Freundinnen, die das Projekt Entjungferung vorantreiben, bis einer von ihnen die Abschiebung droht. „Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt“: die Reise ins Leben eines Mädchens, dessen Mutter schwer erkrankt ist und das deshalb den Umgang mit dem Tod lernen muss. Und so weiter im Programm. Verschwommenes und Verschwurbeltes lässt Dethier im Jes nicht zu. Ihr Spielplan ist inhaltlich so klar sortiert wie die Limonaden und Spirituosen in der Caffé-Bar. Dass bei all den Botschaften der Spaß nicht auf der Strecke bleibt, weiß aber jeder, der schon mal im Jes war, ob als Zuschauer oder als Mitspieler.

Sie will Spuren hinterlassen

„Du bist doch Brigitte, oder?“, fragt ein junger Mann, der soeben die Bar betreten hat. „Ja“, entgegnet Dethier und zögert kurz, bis auch bei ihr der Groschen fällt: „Und du hast bei uns mal im Jugendclub mitgespielt. Stimmt’s?“ Der Mann in Jeans und Lederjacke nickt: „Heute arbeite ich in einer Bank“, sagt er – und die leichte Verlegenheit in seiner Stimme macht aus der Feststellung fast eine Entschuldigung, dass er die Träume und Ideale von einst verraten hat. Nachdem sich der freundliche Bankangestellte wieder verabschiedet hat, sagt Dethier: „Auch wenn er heute nichts mehr mit dem Theater zu tun hat, so hat es doch Spuren bei ihm hinterlassen.“

Darauf kommt es ihr an: Spuren zu hinterlassen. „Ich will Köpfe und Herzen der Menschen öffnen und Weltbilder spiegeln, die unsere jungen Zuschauer von Zuhause nicht kennen.“ Ihren Vertrag im Jes hat Brigitte Dethier vor kurzem bis 2022 verlängert. Und dann? Weitermachen? Auf­hören? Die lebhafte Intendantin blickt in ihren Kaffee und macht etwas, was sie während des gesamten Frühstücks zuvor unterlassen hat. Sie schweigt.