Kulturgeschichte der verrufenen Geste Von den alten Griechen bis zur Postmoderne

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„Digitus medicinalis“

Reinhard Krüger, der als Professor Kulturanthropologie an der Universität Stuttgart lehrt, hat ein amüsantes Buch über die kulturgeschichtliche Genese des Stinkefingers geschrieben („Der Stinkefinger. Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste“, Verlag Galiani Berlin, 2016). Ihm zufolge trugen antike Ärzte Salben mit dem Mittelfinger auf, weshalb dieser „Digitus medicinalis“ genannt wurde. Das Attribut „stinken“ ist selbsterklärend.

Schnipp Schnapp und der Stinkefinger ist ab

Mit dem Ausgang der Antike im 5. Jahrhundert verlieren sich laut Krüger die Spuren und der Stinkefinger geriet für lange Zeit in geschichtliche Vergessenheit. Erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts kam er in Europa dank der Bogenschützen des englischen Königs Henry V. während des Hundertjährigen Krieges wieder zu Ehren. Nach dieser sogenannten Bogenschützen-Theorie klemmten Henrys Mannen den Pfeil zwischen Mittel- und Zeigefinger ein.

Wer den Franzosen in die Hände fiel, dem schnitten diese zur Strafe unbarmherzig die beiden Finger ab und machten ihn so wehruntauglich. Mit der Robin-Hood-Karriere war’s vorbei. Der Legende nach sollen die Engländer vor der berühmten Schlacht von Azincourt 1415 (die das reinste Gemetzel am Franzosen war) den französischen Rittern mit den beiden ausgestreckten Fingern signalisiert haben, dass sie schussbereit waren. Aus dieser Geste sollen die britische Version des Zwei-Finger-Stinkefingers und das „Victory“- Zeichen entstanden sein.

Stinkefinger-Fans: Johnny Cash, Martin Luther King, Kate Winslet

Wieder vergingen ein paar Jahrhunderte, bis der Stinkefinger erneut Triumphe feierte. Countrysänger Johnny Cash zeigte ihn während seines legendären Live-Konzerts am 24. Februar 1969 in der Haftanstalt San Quentin State Prison in Kalifornien.

Matrosen des amerikanischen Aufklärungsschiffs „USS Pueblo“ streckten ihre Mittelfinger subversiv auf Fotos in die Höhe, nachdem sie von Nordkoreanern gefangen genommen worden waren.

Auch Prominente wie der Bürgerrechtler Martin Luther King, Schauspieler Clark Gable, Rockstar Ike Turner und die Schauspielerinnen Elisabeth Taylor und Kate Winslet machten es.

Der Top-Klassiker: „Effe-Finger“

Spätestens seit Stefan Effenberg seine Verachtung für die vom miserablen Spiel der deutschen Elf enttäuschten Zuschauer bei der Fußball-WM 1994 in den USA mit einem Stinkefinger in die Kameras quittierte (seitdem auch „Effe-Finger“ genannt), ist die Geste jedem hierzulande geläufig. Effenberg wurde vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts aus der Nationalmannschaft geschmissen.

Verdi-Chef Frank Bsirske ließ 2010 auf einem Gewerkschaftskongress alle Disziplin fahren und reckte bei seiner Rede gleich den rechten und linken Stinkefinger in die Höhe. „In hoc signo vinces“ – „In diesem Zeichen wirst du siegen“ könnte man in Anspielung auf eine lateinische Redewendung (die sich auf den Sieg Kaiser Konstantins über seinen Rivalen Maxentius 312 in der Schlacht bei der Milvischen Brücke bezieht) auch sagen.

Selbsterklärende Geste

Das Gute am Stinkefinger ist, dass er als nonverbale Geste selbsterklärend ist: „Du kannst mich mal“, „Ich hab gerade keinen Bock“, „Leck mich“ oder (im Englischen beliebt) „Fuck you!“, „Fuck off!“ (im Englischen heißt er einfach „the finger“). Das versteht (fast) jeder auf der Erde sofort. In der bezüglich Beleidigungen und Fluchen fäkalorientierten deutschen Sprache steht nicht so sehr das phallisch Sexuelle, sondern der „exkrementelle Zusammenhang“ im Vordergrund, wie Sprachforscher Gauger erklärt.

Teutonische Sprachbilder hingen fast ausschließlich mit Ausscheidungen, mit Kot und Urin zusammen. „Wir bewegen uns ziemlich eigensinnig, allerdings mit einiger Fantasie, auf der, deutlich gesagt, Scheiß-Linie.“ Gauger nennt das „exkrementelle Obsession“.

Vulgär bis zum Abwinken

Dass diese Geste „stinkt“, liegt angesichts der Wortgenese nahe. Ausgerechnet die als ordnungsliebend geltenden Deutschen fluchen und gestikulieren skatologisch – mit Vorliebe für Fäkalsprache. „Arsch“, „Mist“, „Scheiße“ rutschen ihnen schnell mal über die Lippen, wenn sie im Stau stecken oder jemandem verbal eins überbraten wollen. Wem Reden Silber und Schweigen Gold ist, der genießt lieber seinen Zorn, indem er mit Verve den Mittleren reckt.

Stinkefinger zeigen ist wie Fluchen eine spontane Angelegenheit. Man reagiert aus dem Effekt heraus, nicht mit dem Verstand. Wer seinem Boss, dem Streifenpolizisten oder Blitzer diese „vulgäre Geste der Missachtung“ entgegenschleudert, lässt sich ziemlich unziemlich gehen. Irgendein Ventil braucht schließlich jeder, um Ärger und Anspannung, Frust und Wut abzubauen. Obwohl ein ostentativöffentlicher Stinkefinger als Beleidigung nach Paragraf 185 des Strafgesetzbuches (StGB) geahndet wird, hat die Geste durchaus eine kathartische – das heißt reinigende Wirkung auf die Seelenhygiene.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein verbaler und gestischer „Stuhlgang der Seele“ befreit und Stress abbaut. Die möglichen rechtlichen und finanziellen Folgen eines Stinkefingers machen den schnell nachlassenden positiven Effekt allerdings wieder vollkommen zunichte. Deshalb ein Tipp: Finger weg vom Stinkefinger!