Kulturgeschichte des Swimmingpools Sommer, Sex, Freiheit

Von Ulla Hanselmann 

Seit 5000 Jahren zieht es die Menschen ins Schwimmbecken. Was ist das Geheimnis des Swimmingpools? Ein grandioser Fotoband widmet sich der Faszination Pool in den letzten hundert Jahren.

Posen am Pool: Amerikanerin beim Sonnenbaden in den fünfziger Jahren. Foto: H. Armstrong Roberts/Getty Images 8 Bilder
Posen am Pool: Amerikanerin beim Sonnenbaden in den fünfziger Jahren. Foto: H. Armstrong Roberts/Getty Images

Stuttgart - Ein Loch in der Erde, mit Kacheln ausgekleidet, in das man Wasser füllt. Architektonisch kann ein Swimmingpool eine eher anspruchslose Angelegenheit sein. Das steht im Gegensatz zu dem, was so ein mannshohes Bad außer an Wasser, Chlor und Schwimmern noch alles fassen kann: Geschichten, Projektionen, Emotionen, Sehnsüchte. Was das metaphorische Fassungsvermögen angeht, hat jedes fußpilzverseuchte kommunale Fünfzig-Meter-Becken die Dimensionen eines Ozeans.

„Die riesige Pfütze an chlorversetztem Wasser beherbergt viele Erzählungen“ – so formuliert es Francis Hodgson in dem fantastischen Fotoband „Der Swimmingpool in der Fotografie“ (Hatje Cantz, 240 Seiten, 40 Euro), der die schönsten Fotos bereithält, die Fotografen in den letzten hundert Jahren von Bädern und Becken geschossen haben. Wer sich durch die mehr als 200 Farb- und Schwarzweiß-Aufnahmen blättert, will nur noch eines: Reinspringen! Klar, dem Sprung widmet der Band neben der Form, der Bewegung und der Bekleidung ein eigenes Kapitel. Der freie Fall ins Nass, ob vom Könner athletisch ausgeführt oder vom Angsthasen zaudernd vor sich hergeschoben, ist ein Kernzweck eines jeden Pools. Genauso wie die körperliche Ertüchtigung, beim Schwimmen oder Aquarobic, und der Müßiggang, beim Sonnenbaden und Belauern des anderen Geschlechts. Der Pool ist der Ort, an dem man wie an kaum einem anderen zeigt, was man hat und was man kann, und für den Sprung gilt das hoch drei.

Es begann in der Bronzezeit

Die perfekte Linie, die Blandine Fagedet 1962 bei einem Wassersprungwettbewerb in Paris in den Himmel zeichnet, ist dabei genauso faszinierend wie jener Slapstick-Moment, in dem der Fotograf Chris Hansen 1955 während eines Schönheitswettbewerbs in Miami samt Kamera rückwärts vom Sprungbrett kippt, weil er sich zu sehr auf die sich vor ihm aufreihenden Schönheiten konzentriert hat, anstatt zu schauen, wo er seinen Fuß hinsetzt.

Auch Pferde und Maultiere haben sich schon kopfüber in Pools gestürzt, wie der Band dokumentiert; wie aber der Fahrer eines US-Schlittens einen – gefüllten - Pool für einen Parkplatz halten konnte, wie auf einer Aufnahme aus Beverley Hills zu sehen, bleibt wohl für immer ein Rätsel.

Was ist das Geheimnis des Swimmingpools, dessen Geschichte nicht etwa bei den alten Griechen und Römern begann, sondern in der bronzezeitlichen Indus-Kultur von 2800 bis 1800 vor Christus? Ein Pool, das ist die Verheißung von Sommer, Sex und Freiheit. Er ist Laufsteg, Bühne, egal, ob er von einer Kuppel überwölbt ist, in das Dach eines Wolkenkratzers eingelassen oder von schneebedeckten Alpenhügeln umgeben; egal, ob ihn Skater in L.A. zum Boarden zweckentfremden oder Johnny Weissmuller in den Dreißigern darin Schwimmunterricht gibt.

Stars und Sternchen am Beckenrand

Mein Haus, mein Auto, mein Pool: Stars und Sternchen gehen mit dem Statussymbol eine symbiotische Beziehung ein. So sieht man Alain Delon mit Romy Schneider und Jane Birkin im Gras vor Palme und Pool in Saint-Tropez beim Picknicken, aufgenommen am Set von Jacques Derays Film „Der Swimmingpool“ – man fragt sich, was damals in diesen hübschen Köpfen vorgegangen ist. Man sieht die Beatles herzzerreißend jungenhaft beim Baden in Miami im Jahr 1964. Und wenn Posing am Pool eine olympische Disziplin wäre, was eigentlich eine Überlegung wert wäre, hätte Faye Dunaway 1976 darin nicht schlecht abgeschnitten, so leicht verschlafen und lässig, wie sie sich in seidenem Morgenmantel vor einem Beverly-Hills-Pool mit dem Ellbogen auf ihre am Vortag gewonnenen Oscar-Trophäe stützt. Dass im sonnigen Kalifornien und vor allem im Star-Biotop Hollywood das Faible für künstliche Wasserbecken besonders ausgeprägt ist, liegt auf der Hand. Ungezählt die Filme mit Schwimmbad-Szenen – willkürlich seien Burt Lancaster in Frank Perrys „Der Schwimmer“ herausgegriffen, Dustin Hoffman, der in „Der Reifeprüfung“ auf einer Luftmatratze seiner Unschuld davontreibt, oder Charlotte Ramplings leicht verzerrter Unter-Wasser-Silhouette zu Beginn von François Ozons „Swimming Pool“.

Daher muss sie rühren, die Faszination Pool: Wo Licht auf Wasser trifft, ist alles unscharf, flirrend, fließend. Ein Swimmingpool ist der Ort, an dem die Flüchtigkeit der Existenz vielfältige Gestalt annimmt: in der vorbeistolzierenden Schönheit, von der man aus einem Augenwinkel gerade noch den makellosen Rücken erhascht; in dem wonnigen Gesichtsausdruck, mit dem ein Dreijähriger unterm Wasserpilz steht; in der Wasserfontänen produzierenden Großmäuligkeit, mit der sich Fünfzehnjährige vom Dreier bomben.

Liebling der Fotografen

Interessanterweise sind Politiker und Pools eine weniger schillernde Erzählung, man muss sich dafür nur an Rudolf Scharpings unehrenhaftes Ende als Verteidigungsminister erinnern, nachdem er für den Fotografen einer Illustrierten mit seiner Lebensgefährtin auf Mallorca im Hotel-Pool planschte, während seine Soldaten nach Mazedonien ausrückten.

Dass der Pool ein Liebling von Fotografen ist, verwundert nicht: Die Kombination von nahezu nackten Körpern, Wasser, Licht und Bewegung macht ihn zum Parade-Motiv. Was die eingangs erwähnte architektonische Einfalt angeht, gilt freilich auch beim Pool: Ausnahmen bestätigen die Regel. Das beweist der Motel-Swimmingpool in Orlando, Florida, in Form einer Gitarre, den Alex MacLean aus der Vogelperspektive abgelichtet hat. Andere sind katzen- oder stiefelförmig. Nun ja. Wie hingegen Fran Silvestre Arquitectos in Alicante einen Infinity-Pool vor Berg und Küste setzen und Geometrie und Natur vereinen, ist grandios. Im Übrigen hat es auch ein Stuttgarter Bad in den Fotoband geschafft: das Mineralbad Leuze, aus der Luft aufgenommen von Stephan Zirwes, der in seiner Serie „Pools“ die Bedeutung von Wasser als eine der wertvollsten Ressourcen für das Leben auf unserem Planeten zeigt.

„Vom Wasser scheint stets irgendeine Art der Befreiung auszugehen“, schreibt Francis Hodgson – höchste Zeit, einzutauchen. Splash!




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