Kulturgut in Leinfelden-Echterdingen Was passiert mit dem Spielkartenmuseum?

Die Sammlung des Spielkartenmuseums in Leinfelden umfasst 30000 Schätze. Foto: Marijan Murat dpa

Das Deutsche Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen steht vor dem Aus – am 25. März entscheidet der Gemeinderat über die Zukunft von Europas größter öffentlicher Spielkartensammlung. Aber wie kam sie überhaupt nach Leinfelden?

Filderzeitung: Natalie Kanter (nak)

Wer zum ersten Mal in Leinfelden vor der Schönbuchschule steht, mag es kaum glauben: Wenige Stufen weiter unten, im Keller der Schule öffnet sich die Tür zum Deutschen Spielkartenmuseums mit bis zu 30 000 Schätzen. Eine asiatisch-indische Kartensammlung – sie gilt als die umfassendste weltweit – schlummert dort beispielsweise in speziellen Schachteln und besonderen Schränken. Das Museum ist international anerkannt. Renommierte Häuser in Hamburg, Wien, London und Paris, aber auch Vereine und Gruppen fragen um Leihgaben für ihre Ausstellungen an. Es gibt kaum ein Thema, zu dem es im Depot des Museums keine Spielkarten gibt, sagt Annette Köger. Als wissenschaftliche Leiterin des Museums hatte sie seit 1996 ihre Spielkarten-Schätze im Keller der Leinfelder Schönbuchschule bewahrt und behütet. Seit wenigen Monaten ist sie im Ruhestand.

 

Ihre Einschätzung: „Kartenspiele werden nie ein ganz großer Publikumsmagnet sein. Aber sie sind ein wertvolles und betrachtenswertes Kulturgut, das viel über die Zeit aussagt, in der sie entstanden sind.“ Die Sammlung ist über die Jahre hin rasant gewachsen. Immer wieder hat Annette Köger den Wunsch geäußert, einen attraktiveren Standort dafür zu erhalten. Ein Domizil mitten im Ort, ein Gebäude, an dem die Menschen vorbeikommen, das wäre schön gewesen. Damit die Karten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dazu ist es allerdings nie gekommen. Vielmehr wird seit geraumer Zeit darüber diskutiert, wie es mit dem Museum weitergeht. An diesem Dienstag nun steht dazu eine wegweisende Entscheidung an.

Wie aber kam es überhaupt dazu, dass Europas größte öffentliche Spielkartensammlung im Keller der Leinfelder Schönbuchschule Unterschlupf gefunden hat? Das hat mit der 1765 gegründeten Altenburger und Stralsunder Spielkarten-Fabrik zu tun. Deren einstiger Direktor Karl Schneider hatte schon auf Schloss Altenburg in Thüringen Schätze aus der Spielkartenwelt zusammengetragen und gilt als Gründer des ersten Deutschen Spielkartenmuseums. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Vereinigte Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik (ASS AG) enteignet und später von früheren Aktionären in Westdeutschland neu gegründet.

Der Theologe, Pädagoge und Menschenfreund Johann Bernhard Basedow hat sich dieses Kartenspiel ausgedacht. Foto: Archiv/Natalie Kanter

Die ASS AG hat dann 1956 ein Grundstück am Leinfelder Fasanenweg 5 gekauft, das Unternehmen war fortan in Unteraichen Nord direkt an der Autobahn A8 zu finden. „Ausschlaggebend hierfür waren die gute Lage mit der Nähe zur Autobahn A8 und zum Flughafen sowie die ausreichende Geländegröße“, erklärt Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell auf Nachfrage. Die Produktion sei zunächst äußerst erfolgreich gewesen. Das Geschäft lief offenbar so gut, dass die Leinfelder Firma private Sammlungen und 1972 auch Bestände des Spielkartenmuseums in Bielefeld aufkaufen konnte.

Teile der Kartenspiele wurden zunächst auf der Vorstandsetage der Firma ASS in Leinfelden gezeigt. Am 30. Mai 1974 hat dann das Spielkartenmuseum im Keller der Schönbuchschule geöffnet. Die Firma ASS hatte diese Räume für ihre Spielkartenausstellung angemietet. „Die Lichtbedingungen und die konstanten Temperaturen waren für die Präsentation der Spielkarten und für die Archivierung der musealen Objekte ideal“, sagt Bürgermeister Kalbfell.

Leinfelden-Echterdingen wollte die Zerstörung der Sammlung verhindern

Acht Jahre lang blieb die Sammlung noch im ASS-Besitz. Aufgrund finanzieller Herausforderungen bot die Firma im Sommer 1982 das Spielkartenmuseum mit Kartenspielen, Bibliothek und Grafik zum Verkauf an. „Veränderte Marktgegebenheiten mit Entscheidungen zur Sortimentsausweitung, eine ungeeignete zusätzliche neugebaute Produktionshalle, Logistikprobleme, gesteigerte Papier- und Kartonpreise sowie Namensstreitigkeiten führten letztlich zum Konkurs des Unternehmens ASS“, schreibt Kalbfell dazu. Die Stadt Leinfelden-Echterdingen und die baden-württembergischen Landesregierung wollten die Zerstörung der schon damals beachtlichen Spielkarten-Sammlung verhindern. Das Land hat damals zwei Millionen Mark (1,02 Millionen Euro) investiert, die Stadt 500 000 Mark (255 000 Euro). Die Stadt wurde Träger des Museums, das fortan als Zweigstelle des Württembergischen Landesmuseums geführt wurde.

Noch immer ist das wertvolle Kulturgut im Keller der Leinfelder Schönbuchschule zu finden Foto: Archiv/Natalie Kanter

Das Museum aber blieb im Keller der Schönbuchschule – alternative Liegenschaften seien in in der damaligen Zeit nicht vorhanden gewesen, erklärt der Bürgermeister. Und der damalige Oberbürgermeister Walter Schweizer hielt einen eigenen Museumsbau für die Spielkartensammlung für völlig unrealistisch. Allenfalls könne er sich vorstellen, dass einmal eine leer stehende Schule Heimat des Museums werde.

Trotz der Turbulenzen wird gerade eine Ausstellung vorbereitet

Im Juni 2012 hat die Stadt Leinfelden-Echterdingen dann den Ausstellungsbetrieb eingestellt und das Museum in ein Archiv umgewandelt. Grund dafür waren die Defizite des Museums. Seit einem Jahr sind zumindest am Mittwochnachmittag Besucherinnen und Besucher auch ohne Voranmeldung wieder willkommen. Trotz der Turbulenzen um die Zukunft des Museums bereiten die beiden Angestellten sowie fünf Ehrenamtliche gerade eine Ausstellung vor. Im Schauraum des Depots sind Karten mit deutschen Farbzeichen zu sehen. Ergänzend zur Ausstellung „Wohngeschichten – Firmenwelten“, die am Sonntag, 30. März eröffnet und im Stadtmuseum in Echterdingen zu sehen sein wird, werden Spielkarten der 70er und 80er Jahre präsentiert.

Eine politische Entscheidung

Vertragskündigung
Das Deutsche Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen steht vor dem Aus. Am Dienstag, 25. März, steht im Gemeinderat die Entscheidung an. Die Mehrheit des Kulturausschusses hat sich bereits dafür ausgesprochen, den bestehenden Vertrag mit dem Landesmuseum zu kündigen und die Stellen für das Museum aus dem Stellenplan zu nehmen. „Sollte sich nach erfolgter Kündigung eine Kompromissbereitschaft mit namhafter finanzieller und personeller Beteiligung des Landesmuseums ergeben, wird im Gremium neu beraten“, heißt es im Beschlussvorschlag der Verwaltung.

Begründung
Der einst reichen Stadt droht die Verschuldung. Sie muss Kosten sparen, sich auf ihre Pflichtaufgaben besinnen. Der persönliche Bezug zu den Spielkarten sei im Ort verloren gegangen, heißt es von verschiedener Seite. Mit der Vertragskündigung will die Kommunen das Land auch ein Stück weit zwingen, sich um das Kulturgut zu kümmern. Der Vorstand des Fördervereins des Deutschen Spielkartenmuseums soll derweil im Februar seinen Rücktritt angekündigt haben. Ende Mai stehen Neuwahlen an.

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