Das Literaturhaus Stuttgart feiert zehnjähriges Bestehen. Seit ebenso langer Zeit ist sein Leiter Florian Höllerer an Deck.
Stuttgart - Paris ist auch schön. In den Herbstferien war die Familie wieder einmal da. Denn mit Paris verbindet den Chef des Stuttgarter Literaturhauses, Florian Höllerer , einiges. Heine und Nerval zum Beispiel, deren dunkles literarisches Beziehungsgeflecht seine Promotion ausleuchtet hat. Ja, auch das wäre denkbar gewesen: dass der junge, von besten Referenzen geadelte Überflieger vor gut zehn Jahren an Stuttgart vorbei geradewegs in ein Gelehrtenleben an der Seine durchgestartet wäre, statt hier mühsam etwas aufzubauen, wofür man auf keinerlei, geschweige denn ehrwürdige Traditionen zurückgreifen konnte. Ein Literaturhaus. Kein satter metropolischer Untergrund, dafür ein zumindest finanziell äußerst labiles Fundament; allerdings, das immerhin, mit einer prominenten Leiche des literarischen Lebens im Keller.
Denn der große Verleger Cotta soll just an der Stelle des ursprünglich weiter reichenden Hoppenlaufriedhofs beerdigt worden sein, die von dem Bosch-Gebäude überbaut wurde, in dem das Literaturhaus seit nun genau einem Jahrzehnt residiert. Doch der tote Cotta half zunächst wenig, außer vielleicht, dass er zu einer der geistesgegenwärtigen Reihen inspirierte, mit denen Höllerer sein Haus lokal verwurzelte: den bunt-moribunden Gedächtnisgängen über den benachbarten schwäbischen Gelehrten-Totenacker.
Jungenhafter Charme mit intellektueller Umtriebigkeit
Wer Höllerer in dieser Gründungszeit noch vor Augen hat, jungenhafter Charme gepaart mit intellektueller Umtriebigkeit, macht sich möglicherweise ein falsches Bild von den enormen Schwierigkeiten, von denen der äußerlich nahezu unveränderte 42-Jährige jetzt am glänzenden runden Tisch des wohlrestaurierten Boschzimmers erzählt. Man merkte ihm damals nicht an, dass etwa jener Raum weniger vom Pioniergeist einstiger und künftiger Bewohner als von Bauschutt erfüllt war, dass der frischgebackene Direktor eines Eineinhalbmannbetriebs rastlos zwischen finanziellen und architektonischen Lücken und Löchern lavieren musste, um nebenher noch die eigentliche programmatische Arbeit zu leisten.
Manche ganz und gar nicht weltliterarischen Sätze aus dieser Zeit haben sich ihm eingeprägt. Etwa der: „Klar kann ich mich an dieses Gespräch erinnern, aber können Sie es mir beweisen?“ Gut möglich, dass der freundliche Herr Höllerer in diesen Tagen insgeheim etwas von der affektlösenden Magie guter Texte bedurft hätte, wie sie sein literaturbetriebsgestählter Vater Walter Höllerer in die Verse eines Kinderliedes gebannt hatte, das die Überschrift trägt: „Für Florian gegen Wut zu singen.“
Kritischer Moment
Längst haben sich die Ungewissheitsschwaden, die das Projekt Literaturhaus anfangs umhüllten, verzogen: Wie weit würde das im besten Fall moderne, im schlechtesten ruinöse Public-private-Partnership-Modell tragen? Ein kritischer Moment war die Insolvenz des allerersten Restaurantpächters. „Damals stand das Konzept auf der Kippe“, sagt Höllerer, „seitdem denke ich, dass mich nichts mehr richtig aus der Ruhe bringen kann.“ Schon gar nicht, dass in knapp einer Stunde der amerikanische Romancier Jeffrey Eugenides auf der Matte steht.
Besuch solcher Hochkaräter des Literaturbetriebs ist Routine
Mittlerweile ist der Besuch solcher Hochkaräter des Literaturbetriebs Routine. Das war nicht immer so. Früher gingen die Lesereisen großer internationaler Autoren von Frankfurt nach München. Es bedurfte zunächst einiger Beharrlichkeit, jemanden wie Michel Houellebecq nach Stuttgart zu lotsen . Die erste richtig große Veranstaltung war dem eigenwilligen Franzosen gewidmet, in deren Verlauf er in Tränen ausbrach, aus Rührung über das Interesse des Stuttgarter Publikums. „C’était beau“, schrieb er nachher in das Gästebuch, bevor sich seine Spur im Stuttgarter Nachtleben verlor. Dieses Jahr stellte Houellebecq seinen neuen Roman in zwei Städten vor: Berlin – und Stuttgart.
Ist der Umgang mit so kapriziösen Naturen nicht auch im höchsten Maße fordernd und anstrengend? Anders als seinem Vater, dem Gründer des Literarischen Colloquiums in Berlin – Urbild aller Literaturhäuser – stand Florian Höllerer der Berufswunsch nicht von vornherein vor Augen. Jener wusste schon mit zwölf genau, was er einmal werden wollte: Zirkusdirektor. „Ich bin weniger extrovertiert“, sagt der Sohn, man könnte ergänzen: als Bändiger und Dompteur eigenwilligerer Charaktere jedoch nicht minder erfolgreich. Lang und umfassend ist die Liste illustrer Namen, die dem Haus verbunden sind, Nobelpreisträger wie Orhan Pamuk finden sich darin ebenso wie der Stuttgarter Wahl-Berliner Ulf Stolterfoht – die Bedeutung seines lokalethnologischen Gedichtbands „holzrauch über heslach“ für die Stadt schon früh erkannt zu haben, erfüllt Höllerer mit leiser Genugtuung.
„Bücher gehören nach Hause ins Bett“
Die eigentliche Herausforderung fängt oft erst nach der Lesung an: „Manchmal geht es auf der Bühne wunderbar, und man versaut es hinterher.“ Allzu häufig dürfte dies nicht der Fall gewesen sein. Denn ganz sicher liegt eines der Geheimnisse für den Erfolg des Stuttgarter Hauses im Wesen seines Leiters: dieser sympathischen Mischung aus intellektueller Präsenz und Bescheidenheit, Gedankenschärfe und beinahe scheuer Umgänglichkeit, visionärem Furor und konzentriertem Ernst.
„Bücher gehören nach Hause ins Bett“, gab ihm einst die Schriftstellerin Sibylle Berg zur Eröffnung mit auf den Weg. Unterdessen hat sich herumgesprochenen, dass ein Besuch in der Breitscheidstraße eine mitreißende Form der Abendgestaltung sein kann. (Die im Übrigen nicht daran hindert, sich danach mit einem Buch ins Bett zurückzuziehen.) 120 Besucher frequentieren im Jahresdurchschnitt etwa ebenso viele Veranstaltungen. Strategie des Hauses war es von Anfang an, mit Partnern zu kooperieren. Nicht als medialer Gemischtwarenhandel, sondern mit klarem Profil. „Wir haben unsere Kompetenz in der Literatur und nehmen die ernst. Erst von da aus wird man für andere ein interessanter Gesprächspartner.“ So entstand eine Wirtschaftsreihe zusammen mit dem Wirtschaftsclub, die moderner Gegenwartsanklage gewidmete politische Reihe „J’accuse“ oder die Essayreihe „Betrifft:“ mit der Stuttgarter Zeitung. Drei Beispiele unter vielen, die unterschiedliche Gruppen ansprechen – ein digitales Literaturfestival findet ein anderes Publikum als die Spätlese-Plauderstunden mit dem Stuttgarter Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil.
Etat von rund einer Million Euro
Mit einem Etat von rund einer Million Euro zählt das Stuttgarter Haus heute zu den größten der Republik. Rund drei Viertel der Einnahmen kommen nicht aus öffentlichen Quellen. 200.000 Euro spült das von der Bosch-Stiftung getragene Jugendprojekt in die Kasse. Knapp 170.000 Euro steuert die Stadt bei, 50.000 das Land. Der Rest wird aus eigener Kraft, hauptsächlich mit Vermietungen, erwirtschaftet. Und Höllerer ist zuversichtlich, dass das Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist.
Trotzdem. Ab und zu ist Paris auch ganz nett. Im Sommer hat Florian Höllerer als lustvolles Kontrastprogramm zur Gegenwart wieder einmal Balzac gelesen, „Verlorene Illusionen“. Doch seine Welt lässt ihn nicht los. Der Roman schildere nichts anderes als den heutigen Literaturbetrieb. „Da hat sich nicht viel verändert.“ Aus seinem Mund klingt das freilich alles andere als desillusioniert.