Kulturinstitution wird 25 Das Literaturhaus Stuttgart feiert Geburtstag und bringt die Stadt zum Schweben

, aktualisiert am 20.01.2026 - 15:35 Uhr
Man kann Wolken so oder so betrachten. Das Literaturhaus Stuttgart nimmt sie zum Anlass für geistige Lockerungsübungen. Foto: langen

Kontrastprogramm in schweren Zeiten: Das Literaturhaus feiert seinen 25. Geburtstag in diesem Jahr im Zeichen des Schwebens. Den Anfang macht der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Wäre der Himmel eine Bedeutungsfolie für all das, was unter ihm geschieht, würde man sich im Moment wohl eher an dunklen Wolken orientieren. Überall dräuen Krisen, scheint sich kumulusartig Bedrohliches zu ballen. Doch man kann, was sich über unseren mit lastenden Gedanken und Befürchtungen vollgestopften Köpfen tut, auch ganz anders erfahren. So wie der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl, der in seinem Versuch über das Schwebende „Meteor“ der niederdrückenden Schwere die aus der Geistesgeschichte aufsteigenden Welterleichterungsprojekte entgegensetzt.

 

Man begegnet darin dem Homo volans, dem schwebenden Menschen, des arabischen Philosophen Avicenna, der sich über die festen Grenzen und Bestimmungen des Körpers erhebt und über Jahrhunderte hinweg mit der Schwebeakrobatik kommuniziert, die Robert Musil in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ entfaltet. Der späte Goethe schreibt Wolkengedichte über etwas, was sich festen Formen entzieht. Und wer Kafka bisher für einen Meister des Schweren gehalten hätte, lernt ihn als jemand kennen, der die Zeichen von ihrer Bedeutungslast befreit.

Stefanie Stegmann vor ihrer Wirkungsstätte Foto: imago/PPfotodesign

Wenn damit nicht wesentlich mehr gemeint wäre, als unbeschwerte Weltflucht, wäre Joseph Vogls Essay wohl kaum zum Stichwortgeber für den Veranstaltungsreigen geworden, mit dem das Literaturhaus Stuttgart in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert. Denn unter der engagierten Programmpolitik des Teams um Stefanie Stegmann, die das im November 2001 gegründete Haus seit gut elf Jahren leitet, hat es sich zu etwas entwickelt, das man Wolkenkuckucksheim nur insofern nennen könnte, als man vom Veranstaltungssaal im ersten Stock des denkmalgeschützten ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Firma Bosch, die Wirklichkeit, in der wir leben, nur umso klarer erkennen kann.

Schmerzhafte Streichung des Stuttgarter Literaturfestivals

Apropos Bosch: Ein Argument für die Gründung eines Literaturhauses, das einst immer wieder vorgebracht wurde, war, dass sich dadurch die kulturelle Attraktivität des Wirtschaftsstandorts stärken ließe. Mittlerweile besteht an Nutzen und Zweck einer Institution wie dieser nicht mehr der geringste Zweifel. Allein die Wirtschaft schwächelt. Und so schweben gerade außer guten Ideen auch über dem Literaturhaus dunkle Wolken in Gestalt schmerzhafter Einsparungen – wie über dem ganzen Kulturleben der Stadt.

Am schmerzhaftesten fällt die Streichung des Stuttgarter Literaturfestivals ins Gewicht, das es in seinen bisher zwei Ausgaben mustergültig geschafft hat, internationalen Glanz mit dem lokalen Literaturgeschehen und seinen Akteuren zu vernetzen und dadurch ein neues, vielfach auch jüngeres Publikum zu erschließen. Zwar fungierte in vielleicht allzu großzügiger Auslegung seines Kernaufgabenbereiches als Veranstalter das Kulturamt der Stadt, doch die Konzeption und Durchführung lag beim Literaturhaus.

Wie andere Kultureinrichtungen muss Stefanie Stegmann im nächsten Jahr mit einer um sechs Prozent gekürzten Förderung durch die Stadt auskommen, die allerdings nur ein Viertel des Gesamtetats ausmacht. Der Rest wird selbst erwirtschaftet, aus Pacht, Vermietung, Mitgliedsbeiträgen, Eintrittsgeldern und der Akquise von Drittmitteln. Doch an diesem Horizont ziehen Probleme auf: „Die wirtschaftliche Situation spiegelt sich auch in zögerlichen Vermietungen, auf die wir angewiesen sind. Der Run auf die Stiftungen, wird sich in den kommenden Jahren verschärfen, auch hier wird das Nadelöhr kleiner, Mittel zu bekommen“, sagt die Literaturhauschefin.

Joseph Vogl: Meteor. C.H. Beck, 144 Seiten, 20 Euro. Foto: Verlag

Umso wichtiger, auszuloten, was möglich ist, wenn man in der Luft schwebt. Und damit zurück zu Joseph Vogl und seinem Versuch über das Schweben, der einen zwischen antiker Meteorologie und moderner Literatur aufgespannten Reflexionsraum erkundet, charkterisiert durch Flüchtigkeit und Unbestimmtheit. Darauf verweist der altgriechische Begriff méteōros, das In-die-Luft-Gehobene.

Allerdings bedarf es zunächst durchaus schwerer gedanklicher Arbeit, um auf die intellektuelle Flughöhe Vogls zu gelangen. Aber wenn an diesem Donnerstag der Literaturphilosoph seinen Essay in Stuttgart vorstellt, kann man darauf vertrauen, dass die Moderatorin Insa Wilke niemand zurücklässt. Es ist der Auftakt zu einem Kontrastprogramm in schweren Zeiten, „geistigen Lockerungsübungen“, wie Stefan Stegmann meint, die über das Jahr in einer Reihe von Veranstaltungen auf die Feierlichkeiten rund um den Stichtag 18. November hinführen sollen.

Dabei wird man manchen Bekannten wiederbegegnen, im März Florian Höllerer, der das Haus bis 2014 geleitet hat, der die Graphic Novel des iranischen Comiczeichner Mana Neyestani vorstellt, „Papiervögel“. In der Alten Reithalle bekommt Sasa Stanisic Raum für die Gedankenflüge seines Redenbuches. Fest steht, dass Florian Illies seine private Sammlung von Wolkenbildern erstmals öffentlich präsentieren wird. Anderes ist noch in der Schwebe, so ein Abend mit dem Weltraumfahrer Alexander Gerst.

„Das Literaturhaus ist eigentlich nicht nur von einer Handvoll Köpfe gegründet worden, so verdienstvoll sie sich dafür eingesetzt haben, sondern vor allem auch von der Stadtgesellschaft“, sagt Stefanie Stegmann. Deshalb soll auch ihr ein Part zukommen: Alle, denen eine prägnante Wendung oder Sentenz zum Thema auf den Lippen liegt, können sie ab sofort an das Literaturhaus-Team schicken. Als schwebende Zitate sollen sie die steinerne Stadt in einen flirrenden Möglichkeitsraum verwandeln und Perspektiven jenseits erstarrter Denkmuster eröffnen. Wozu sonst braucht eine Stadt ein Literaturhaus.

Info

Termin
Zum Auftakt der Reihe: „25 Jahre Literaturhaus – Schweben. Ein Kontrastprogramm in schweren Zeiten“ stellt am 22. Januar, 19.30 Uhr, Joseph Vogl seinen Essay „Meteor“ im Gespräch mit der Literaturkritikerin Insa Wilke vor.

Schwebe-Zitate
Wer Schwebebeobachtungen gemacht hat, in Bild, Literatur oder Alltagsleben, kann sie an info@literaturhaus-stuttgart schicken. Das Ergebnis soll im öffentlichen Stadtraum präsentiert werden.

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