Kulturkampf in der Slowakei Wenn slowakische Nationalsymbole aus Polen kommen
Die nationalistische Regierung der Slowakei trägt den Kulturkampf im Land auch über Symbole aus. Im Fall der neuen Reisepässe endet das nun wohl in einer Blamage.
Die nationalistische Regierung der Slowakei trägt den Kulturkampf im Land auch über Symbole aus. Im Fall der neuen Reisepässe endet das nun wohl in einer Blamage.
Die Pflege der heimischen Traditionen ist eine Herzensangelegenheit der linksnationalistischen Regierung der Slowakei um Ministerpräsidenten Robert Fico. Diese Botschaft sollten wohl auch die neuen Reisepässe des Landes senden, in denen nun Motive slowakischer Kulturdenkmäler, darunter Ornamente aus Čičmany zu sehen sind. Čičmany, rühmt das offizielle Touristenportal, sei eine „urwüchsige“ Gemeinde im Nordwesten der Slowakei. Bekannt ist das 100-Seelen-Dorf für seine Holzhäuser, die ein wenig nach Lebkuchenhaus aussehen und deren Fassaden die Frauen der Gemeinde schon vor dem 19. Jahrhundert mit geometrischen Ornamenten aus Lehm und Kalk verzierten. Volkstümlicher geht es kaum. Jeder Slowake könne mit dem Pass nun stolz zeigen, dass er das Land im Herzen trage, freute sich dann auch Innenminister Matúš Šutaj-Eštok.
Unglücklich nur, dass nach der Vorstellung des Entwurfs die Facebook-Seite „Slovenský folklór bez fejku“ (zu Deutsch: Slowakische Folklore ohne Fälschung) klagte: Anordnung und Kombination der Ornamente entspräche gar nicht den geschützten Volksmotiven aus Čičmany. Die Komposition sei „schlecht“, eine stilisierte Nachahmung „ohne künstlerischen Wert“. Hinter der Seite steht unter anderem die Ethnologin Zuzana Tajek Piešová. Die Pässe hält sie für „einen dilettantischen Fehltritt irgendeines Beamten“, sagte sie der Zeitung „Sme“. Noch dazu handele es sich bei den vermeintlichen Čičmany-Ornamenten um Massenware. Denn das gewählte Design sei identisch mit Mustern der Grafikerin Agnieszka Murphy, die die Lizenz dafür in diversen Internet-Fotobanken lediglich als „von Čičmany inspiriert“ zum Herunterladen anbietet. Slowakin ist Murphy im Übrigen nicht, sondern Polin. Und durchaus versiert. Neben den slowakischen und einigen polnischen Motiven verdiene sie auch mit skandinavisch anmutenden Entwürfen Geld.
Dass die Pässe Pfusch seien, sei eine Falschmeldung, wütete Patrik Krauspe daraufhin. Krauspe ist Staatssekretär am Innenministerium. Was an der Anschuldigung falsch sei, ließ er offen. Auch das übrige Innenministerium blieb vage: Bei der Vorstellung der Pässe hieß es von dessen Seite noch, Experten des Ministeriums hätten am Pass-Entwurf zumindest mitgearbeitet. Im Nachgang an einen Artikel von „Sme“ berichtet die Zeitung allerdings von einer Nachricht des Ministeriums, die nicht-authentischen Ornamente seien Fehler des Designers einer externen Firma gewesen, von der man die Entwürfe bestellt habe.
Was nach einem peinlichen, aber kaum folgenschweren Irrtum aussieht, ist Episode eines Kulturkampfs, den die Regierung zunehmend über Symbole austrägt. Zuletzt hatte es Ärger um diverse Nationalflaggen in der Hauptstadt Bratislava gegeben. So forderte der stellvertretende Ministerpräsident Tomáš Taraba von der ultrarechten Slowakischen Nationalpartei (SNS), die bei Bratislava thronende Burg Devín aus dem Besitz der Stadt zu nehmen und in den des Landes zu überführen, um dann „einen großen Fahnenmast zu errichten, an dem die Flagge stolz das ganze Jahr über wehen wird“.
Bratislavas Bürgermeister verwehrt zumindest laut eigener Aussage zwar niemanden, eine Nationalflagge zu hissen, ließ zum Unmut der Regierung aber auch schon die Regenbogenflagge an städtischen Gebäuden wehen und wird von der linksliberalen Oppositionspartei „Progresívne Slovensko“ unterstützt – dem Feindbild von Fico und Co.
Kulturministerin Martina Šimkovičová, ebenfalls von der SNS, wiederum will neben mehr slowakischer Kunst in der Nationalgalerie auch unbedingt die slowakische Flagge am Bau sehen.
Fachliche Expertise scheint im slowakischen Kulturgrabenkampf indes nicht nur bei den Reisepässen zugunsten von Politsymbolen in den Hintergrund gerückt. Vor Kurzem feuerte Šimkovičová die langjährige Leiterin der Slowakischen Nationalgalerie – eine Kuratorin mit Doktortitel in Bildender Kunst – und stellte stattdessen einen Manager ohne Erfahrung im Kulturbereich ein. Der beschrieb seine Beziehung zur Kunst in einem Interview einmal als „eher mittelmäßig“. Er sei zwar ein „Liebhaber hübscher Bilder“, aber doch eher „technisch orientiert“.