Kulturmetropole Czernowitz Zerstörte Träume in der Ukraine
Czernowitz war einst eine Stadt der vier Sprachen und Literaturen. Eine Erinnerung daran, wie das Zusammenleben der Kulturen Europa bereichert. Und was vom Krieg bedroht ist.
Czernowitz war einst eine Stadt der vier Sprachen und Literaturen. Eine Erinnerung daran, wie das Zusammenleben der Kulturen Europa bereichert. Und was vom Krieg bedroht ist.
Stuttgart - Auch in Czernowitz ist der Krieg angekommen. Geflüchtete schlafen in den Kirchen auf dem Boden, Lebensmittel und Sprit werden knapp. Derweil denken in den russischen Staatsmedien angebliche Experten darüber nach, wie man die Ukraine nach einem Sieg Putins verhackstücken könnte. Czernowitz zum Beispiel lasse sich doch irgendwie Rumänien zuschlagen. So irrwitzig diese Überlegungen sind, so sehr zeigen sie, wie wenig Moskauer Politstrategen verstanden haben, was im letzten Jahrzehnt in der Ukraine entstanden ist: ein postmoderner Multikulturalismus, der in geschichtlicher Erfahrung wurzelt.
Nicht, dass im Westen diese Erkenntnis weit verbreitet gewesen wäre. Den meisten sagten die Namen ukrainischer Städte nichts. Und wenn, dann sind Orte wie Czernowitz mehr literarischer Topos als reale Stadt. Nur wenige machten sich in den letzten Jahren hierhin auf. Von Lemberg (Lwiw) aus 300 Kilometer über die Fernstraße H 19 in das Tal des Pruth einfahrend, erwartete sie die „friedliche Hügelstadt von Buchenwäldern umschlossen“, von der Rose Ausländer einst schrieb.
In der Saksagansko-Gasse blieben die Lyriktouristen vor dem Haus Nummer 5 stehen. Es fand sich immer eine Reiseführerin, die im slawisch geprägten Deutsch aus Paul Celans Gedicht „Drüben“ vorlas: „Erst jenseits der Kastanien ist die Welt“. In der Tat standen vor dem Haus früher Kastanien, und der junge Paul Antschel, der sich später Celan nannte und hier geboren wurde, schaute wohl nicht selten aus dem Fenster, sehnte sich nach der jenseitigen Welt. Heute wachsen hier Akazien.
Als Celan 1920 zur Welt kam, war das Habsburger Imperium Geschichte, aber noch immer prägte das Gewirr der Ethnien dieses Vielvölkerreiches die Stadt. Sie war Zentrum der deutsch-jüdischen Lyrik und ein Ort, an dem sich die Kulturen und Literaturen in einzigartiger Weise trafen. 1775 war die Bukowina, das Buchenland, wie die eingewanderten Deutschen es tauften, mit der Hauptstadt Czernowitz von den Osmanen an Österreich-Ungarn verkauft worden. In den folgenden Jahrzehnten wurde aus dem Kaff eine ansehnliche Stadt mit fast einhunderttausend Einwohnern, mit einer Universität, einem neobarocken Bahnhof, von dem aus täglich Züge nach Wien und Krakau fuhren, Häusern und Anlagen im Sezessionsstil.
Das tolerante Klima zog zahlreiche Juden in die Stadt, die bald ein Drittel der Einwohner stellten. In der Unterstadt, vom Pruth herauf bis etwas unterhalb des zentralen Ringplatzes, hausten die armen Juden, die Krämer und Handwerker, in großer Enge. „Die alten Gäßchen ziehn sich eng zusammen. Der Boden hinkt und holpert im Zickzack“, dichtete Klara Blum, die sich später im chinesischen Exil Dshu Bai-Lan nannte. Oben, in den herrschaftlichen Häusern, lebten die reichen, assimilierten Juden. Sie verachteten, wie Celans Mutter, die angebliche Gossensprache Jiddisch. Stattdessen pflegten sie Deutsch. Sie verstanden sich als Träger der Kultur, unterhielten ein Theater, in dem Ensembles aus Wien und Berlin Gastspiele gaben, trafen sich in literarischen Zirkeln. Karl Emil Franzos, der die Bukowina „Halb-Asien“ nannte, war der bedeutendste Dichter dieser Epoche.
In der Stadt lebten Rumänen, Ruthenen (die sich heute als Ukrainer verstehen), Armenier, Polen, Huzulen. Der rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu besuchte das Czernowitzer Gymnasium. Viele der ruthenischen und rumänischen Autoren schrieben auch auf Deutsch. Die 1901 hier geborene Rose Ausländer schwärmte von „vier Sprachen / Viersprachenlieder / Menschen / die sich verstehen“. Jedenfalls begegneten sich Deutsch, Jiddisch, Rumänisch und Ukrainisch und lernten voneinander, was sich an Schönheit im anderen entdecken ließ.
Nach dem Ersten Weltkrieg begann die „österreichlose Zeit“ (Rose Ausländer). Die Bukowina wurde rumänisch. Für Romane blieb keine Muße, die gedrängte Zeit reichte nur noch für Gedichte, geprägt von Schwermut und Abschied, einer „Regenahnung“, wie Alfred Margul-Sperber schrieb. Die Ahnung erfüllte sich. Es kamen die Sowjets, denen Hitler die nördliche Bukowina überlassen hatte. Stalinismus. Deutsche Judenvernichtung. Sowjetischer Niedergang. Czernowitz wurde zur Stadt der toten Dichter. Erst die Unabhängigkeit der Ukraine hatte zuletzt die Aussicht auf Europa neu belebt. Putins Krieg macht diese Hoffnung zunichte. Den Ukrainern hallt das Echo jener Zeilen entgegen, die Rose Ausländer im Düsseldorfer Exil schrieb: „Mein Vaterland ist tot / sie haben es begraben / im Feuer / Ich lebe / in meinem Mutterland / Wort.“
Weitere Infos
Stadt
Czernowitz ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in der Westukraine und die traditionelle Hauptstadt der Bukowina. Ihre Wurzeln reichen in die Zeit der Kiewer Rus zurück, sie wurde unter Fürst Jaroslaw Osmomysl gegründet, der von 1153 bis 1187 regierte. Zuletzt hatte die Stadt rund 250 000 Einwohner.
Literaten
Der bürgerlich-jüdische Schriftsteller Karl Emil Franzos (1848–1904) verbrachte seine Jugend in Czernowitz. Neben den Lyrikern Paul Celan (1920–1970) und Rose Ausländer (1901–1988) gehören der Schriftsteller und Schauspieler Gregor von Rezzori (1914–1998) und der jiddische Autor Josef Burg (1912–2009) zu den Czernowitzer Literaten. Selma Meerbaum-Eisingers (1924– 1942) Gedichte aus dem SS-Zwangsarbeiterlager Michailowka machten sie zur „Anne Frank des Ostens“.
Buchtipps
Texte verschiedener Autoren versammelt der Band „Europa erlesen: Czernowitz“. Er ist im Wiese-Verlag erschienen (304 Seiten, 14,95 Euro). Der Sammelband „Czernowitz. Jüdisches Städtebild“, herausgegeben von Andrei Corbea-Hoisie, ist im Jüdischen Verlag erschienen (326 Seiten, 25 Euro).