Kulturpolitik in Stuttgart Plädoyer für ein Konzerthaus

Von Thomas Braun 

Die Diskussion um die Stuttgarter Kulturpolitik ist um eine Facette reicher. Immer wieder hat man über ein neues Konzerthaus nachgedacht, nun erhöhen Musiker, Kulturschaffende und Veranstalter den Druck auf die Stadt.

Felix Fischer, Gernot Rehrl  und Ralf Püpcke (v. links) zeigenbeispielhafte Konzerthäuser in Europa. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth, Leif Piechowski
Felix Fischer, Gernot Rehrl und Ralf Püpcke (v. links) zeigenbeispielhafte Konzerthäuser in Europa. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth, Leif Piechowski

Stuttgart - Am Donnerstag hat eine prominent besetzte Initiative von Musikern und Kulturschaffenden aus 18 verschiedenen Institutionen erstmals ihre Pläne für ein neues Konzerthaus in Stuttgart vorgestellt. Der Gruppe gehören unter anderem die Konzertveranstalter Michael Russ und Hans-Peter Haag (Music Circus) sowie führende Vertreter der Stuttgarter Philharmoniker, der Bachakademie, des Symphonieorchesters und des Vokalensembles des SWR an. Die Konzerthaus-Initiative hat aber nur bedingt Berührungspunkte zu Aufbruch Stuttgart um den TV-Journalisten Wieland Backes, der sich vehement für den Neubau einer Oper in Stuttgart stark macht.

Konzerthaus für 2200 Besucher

Der Initiative schwebt ein Konzerthaus mit hoher architektonischer und vor allem akustischer Qualität mit ein bis zwei Sälen für insgesamt 2200 Besucher vor. Das Konzerthaus soll für die Öffentlichkeit durchgängig zugänglich sein und neben den ausschließlich auf nicht elektronische Musik ausgelegten Konzertsälen auch Räume für Musikvermittlung, Proberäume für Laienensembles und die Musikschule, Musikveranstalter sowie einen gastronomischen Bereich beinhalten. Angepeilt wird nicht weniger als ein „neues Wahrzeichen“ und ein lebendiges Musikzentrum für Stuttgart.

Auf einen Standort wollten sich die Initiativensprecher aber nicht festlegen. Sich selbst sehen die Initiatoren als fachliche Berater, die „im Dialog mit der Stadt“ das Projekt konzeptionell und auch finanziell voranbringen wollen. Man wolle auch bei der Akquise von Sponsoren aktiv werden. „Es gibt im Raum Stuttgart genügend Dax-Konzerne und finanziell potente mittelständische Unternehmen, die man ansprechen kann“, sagt Gernot Rehrl, der frühere Leiter der Internationalen Bachakademie. Ausgangspunkt für das Engagement der Initiative ist die Tatsache, dass die Liederhalle – der Hauptspielort für philharmonische Konzerte und klassische Musik – ihre Kapazitätsgrenze erreicht hat. „Durch die Debatte um die Oper hat die Diskussion um die Kultureinrichtungen eine neue Dynamik bekommen“, sagt Kulturmanager Ralf Püpcke, einer von drei Sprechern der Initiative, die noch rein ehrenamtlich arbeitet. Eine Vereinsstruktur sei angedacht, so Püpcke.

Nachfrage nach Kultur boomt

Für ein neues Konzerthaus spricht laut Rehrl auch die Tatsache, dass die Nachfrage nach Kultur bundes- und europaweit boomt. In Europa seien seit Mitte der 1990er Jahre 60 neue Konzerthäuser entstanden. Auch in Deutschland sei die Entwicklung ungebrochen: Davon kündet nicht nur die Elbphilharmonie in Hamburg, sondern auch das neue Konzerthaus in München und die Nürnberger Philharmonie, so Felix Fischer, Manager des SWR-Symphonieorchesters. Auch gegenüber der Konkurrenz im Land – etwa in Heidelberg oder Künzelsau – dürfe die Landeshauptstadt nicht ins Hintertreffen geraten.

Den Fraktionen im Rathaus und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hat die Konzerthaus-Initiative ihre Ideen bereits präsentiert – dem Vernehmen nach gab’s dafür viel Zustimmung von allen Seiten.

Kritik am Nuebau der Oper in der City

Am Rande der Präsentation gab es auch Kritik an der vom Aufbruch Stuttgart angestoßenen Debatte über die Frage des Neubaus einer Oper in der City – verbunden mit der Vorstellung, den historischen Littmann-Bau nur auf Sparflamme zu sanieren und später etwa als Konzerthaus zu nutzen: „Das ist ein No-Go, weil es nicht funktioniert“, so Felix Fischer, der auch zu den Gründungsmitgliedern von Aufbruch Stuttgart zählt und dort im Vorstand sitzt. Der Littmann-Bau sei von seiner Akustik her als Opernhaus konzipiert „und nicht als Konzerthaus“. Auch das von Aufbruch-Chef Wieland Backes gern ins Feld geführte Beispiel der Alten Oper in Frankfurt, die heute als Konzerthaus fungiert, lässt Fischer nicht gelten: „Von der Oper ist nur die Fassade stehen geblieben, der Innenraum wurde komplett entkernt und mit einem neuen Inlay versehen.“ Das Beispiel sei auf Stuttgart nicht übertragbar, ganz zu schweigen von den Kosten für einen solchen Umbau. Fischer: „Wenn man den Littmann-Bau zum Konzertsaal umbauen wollte, würden die derzeit veranschlagten Kosten für die Sanierung der Oper bei Weitem nicht ausreichen.“ Offiziell kalkulieren Stadt und Land zurzeit dafür mit einer Summe von rund 450 Millionen.

Fischer sieht zudem durch die Operndebatte das Thema der Kulturstadt Stuttgart auf einen Aspekt verengt: „Stuttgart ist bei Weitem nicht nur Oper. Wir brauchen stattdessen eine Gesamtkonzeption.“

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