Kulturprojekt in der Region Stuttgart Wie jüdische Kultur den deutschen Alltag prägt
Das große Projekt zum jüdischen Leben in der Region hat durch den Krieg in Israel an Bedeutung gewonnen. Noch gibt es viel Unwissenheit.
Das große Projekt zum jüdischen Leben in der Region hat durch den Krieg in Israel an Bedeutung gewonnen. Noch gibt es viel Unwissenheit.
„Niemand hat mit diesem Ausmaß gerechnet. Natürlich drängt der Krieg in den Vordergrund und stellt die jüdische Gemeinde in Deutschland und weltweit vor große Herausforderungen“, sagt Robert Ogman und fügt hinzu: „An unserem Thema hat sich deshalb nichts geändert.“
Zwei Jahre beschäftigt sich die Kulturregion Stuttgart unter der Leitung des 46-jährigen in New York geborenen Juden im Rahmen eines Sonderprojekts mit der „Jüdischen Geschichte und Kultur in der Region Stuttgart“. Eigentlich war bereits im Jahr 2021 bundesweit „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ gefeiert worden. Stuttgart hinkt mit seinem Beitrag dazu also hinterher – und bekommt nun in Kriegszeiten eine deutlich größere Aufmerksamkeit als erwartet.
200 000 Euro hat die Region zur Verfügung gestellt, nicht nur, um in enger Kooperation mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) die jüdische Geschichte vor Ort aufzuarbeiten, sondern, so betont Bettina Pau, die Chefin der Kulturregion Stuttgart, „auch um das aktuelle jüdische Leben rund um Stuttgart in den Mittelpunkt zu stellen.“
„Solche Projekte können viel bewegen. Sie sind nicht nur deshalb so wichtig, damit die Menschen verstehen, dass jüdisches Leben schon immer die deutsche Geschichte mit geprägt hat“, sagt Robert Ogman: „Wir können auch jüdischen Menschen hier das Gefühl vermitteln, dass sie wirklich dazugehören, Teil einer gemeinsamen Geschichte sind und nicht in einer Parallelgesellschaft leben.“ Für das Projekt haben Ogman und Pau vier Schwerpunkte formuliert. Einer davon ist ein Filmprojekt. Bettina Pau: „Dabei sollen Jugendliche kurze Filme über jüdisches Leben heute drehen.“ Das Spektrum kann dabei von Sport über Kultur bis zum jüdischen Alltag in Deutschland reichen.
Durch die Zusammenarbeit mit professionellen Filmemacherinnen erhalten die Schülerinnen und Schüler zudem technisches Knowhow. Und am Ende sollen alle Werke öffentlich in Programmkinos gezeigt werden. Als Kooperationspartner stehen der Kulturregion hierbei die Filmcommission Baden-Württemberg und die Landeszentrale für politische Bildung zur Seite.
Ein zentrales zweites Anliegen ist der Ausbau der vom Jüdischen Museum Berlin initiierten „Jewish Places“. Die interaktive Plattform soll jüdisches Leben in Deutschland sichtbar machen. In der Region Stuttgart gibt es da noch etliche weiße Flecken, die nun gefüllt werden sollen.
Das Ziel ist es, Menschen dazu zu bewegen, die vorgestellten Orte zu besuchen und zu erkunden. Robert Ogman: „Wir wollen zeigen, dass das Judentum nicht so weit weg, so fremd ist.“ Unter anderem will Ogman dafür mit der jüdischen Studierendenunion, mit Schulklassen, aber auch mit dem Stadtarchiv und der Initiative Stolpersteine zusammenarbeiten. Aber auch ein so genannter Edit-a-thon, ein öffentlicher Schreibmarathon, ist angedacht.
Der dritte Block dreht sich um Veranstaltungen. Den Auftakt hat die Aufzeichnung eines Live-Podcasts mit den jüdischen Künstlern Ben Salomo und Sandra Kreisler im Kulturcafé Merlin gemacht. „Es ist vielen gar nicht bewusst, wie die jüdische Kultur auch unser Alltagsleben prägt“, betont Bettina Pau. Ein wichtiger Teil der Veranstaltungsreihe sind auch Schulbesuche. Pau: „Viele Schüler haben noch nie bewusst einen Juden kennengelernt. Die Unwissenheit ist da groß. Deshalb sind niederschwellige Angebote so wichtig.“
Um die vielen, lokal tätigen Initiativen besser zu vernetzen, soll es zudem noch ein oder zwei Barcamps geben. Bei diesen Treffen, bei denen die Teilnehmer selber die Agenda bestimmen, geht es vor allem darum, Historiker, Menschen aus den jüdischen Gemeinschaften, Kommunalvertreter und Wissenschaftler zusammenzubringen, um sich darüber auszutauschen, wie sich jüdische Kultur und jüdisches Leben vermitteln lassen. Robert Ogman: „Unser Ziel ist es, die Netzwerke, die in der Region bereits existieren, zu stärken.“
Welch immense Bedeutung das Sonderprojekt hat, betont auch der Vorstandsvorsitzende der Kulturregion, Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht: „Es ist hervorragend geeignet, durch Kunst und Kultur jüdisches Leben sichtbar zu machen. Wenn es gelingt, Brücken zu bauen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen, hätten wir viel erreicht. Denn gerade jetzt müssen die furchtbaren Fälle des Antisemitismus hier in Deutschland für uns mehr als ein Warnsignal sein: Solche Haltungen dürfen wir niemals akzeptieren.“
Ziel
Das Projekt „Jüdisches Leben in der Region Stuttgart“ soll neugierig machen, Brücken bauen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Akteuren und neue, unbefangene Perspektiven auf die Region Stuttgart und ihre Identität ermöglichen.
Kulturregion
Die Kulturregion Stuttgart ist ein Zusammenschluss von 43 Städten und Gemeinden, dem Verband Region Stuttgart sowie drei weiteren Mitgliedsvereinen. Seit 1991 veranstaltet sie große interkommunale Kulturprojekte. Mit dem Thema jüdisches Leben in der Region betritt die Kulturregion Neuland. hol