Fast schon beseelt sind Vertreter von Land und Stadt von einer Reise nach Köln, Paris und Belgien zurückgekommen, auf der sie ethnologische Museen besichtigten. Es ging um Hinweise, wie das Linden-Museum nach dem Neubau einmal aussehen sollte, ja müsste. Die anregende Tour liegt allerdings nun auch schon wieder gut zwei Jahre zurück – und das Thema Neubau seither auf Wiedervorlage irgendwann. Noch nicht einmal der Standort für einen Neubau ist bestimmt. Kommt jetzt wieder Bewegung rein?
„Ich würde mir eine baldige Entscheidung wünschen“, sagt die Direktorin Inés de Castro. Der Wunsch rührt nicht nur daher, dass im derzeitigen Domizil am Hegelplatz nur drei bis fünf Prozent der Sammlung gezeigt werden können, dass „das Haus gegen uns arbeitet“, wie die Chefin sagt. Sie und ihr Team brennen erkennbar auch für eine Veränderung, die das heutige Selbstverständnis des Museums und seiner Macher(innen) abbildet. Für ein Haus, zu dem die Besucher nicht Treppen hochsteigen müssen, ehe sie das Portal mit heutzutage mehr als fragwürdigen Nachbildungen von Menschen in damaligen Kolonien durchschreiten können. Gerade jetzt, meint die Direktorin, wäre der richtige Zeitpunkt, das neue Museum zu planen und sich in Stuttgart neu aufzustellen. Noch nie zuvor hätten die ethnologischen Museen in öffentlichen Debatten und in den Medien so viel Aufmerksamkeit erfahren.
Gegenentwurf zum Humboldt-Forum?
Das liegt einerseits am allgemeinen Interesse an den Völkern in einer globalisierten Welt, andererseits auch an den in Kolonien geraubten Sammlungsstücken. Und an der Rückgabe von solchen Dingen – auch das Linden-Museum gab einige nach Afrika und Australien zurück. Und dann ist da auch noch das Humboldt-Forum in Berlin-Mitte, in dem seit Kurzem Exponate des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem ausgestellt werden. De Castro ließ sich nicht dorthin abwerben. Sie blieb hier. Stuttgart könnte ein ganz eigenes Profil dagegensetzen – und beim Umzug auch mit einem Namenswechsel für das Linden-Museum das neue Selbstverständnis demonstrieren. „Wir sind eine koloniale Gründung durch und durch“, räumt die Museumschefin ein, die sich der offensiven Auseinandersetzung damit und dem Ausgleich mit den Herkunftsländern der Sammlungsstücke verschrieben hat. Bei der Neuaufstellung der ethnologischen Museen sieht sie Stuttgart neben Hamburg und Köln als Speerspitze der Veränderung.
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Doch ist der Neubau überhaupt noch gesetzt? Inés de Castro betrachtet ihn als erste Option, nicht so weitere Investitionen in den sperrigen Altbau. Zunächst zeigte sie Sympathien für einen Neubau anstelle des Züblin-Parkhauses in der Leonhardsvorstadt, doch der Standort ist inzwischen anders verplant. Zentralität hält die Museumsleiterin freilich immer noch für wichtig. Die wäre sicherlich auch bei dem in der Debatte meistgenannten Standortvorschlag gegeben: auf dem Gelände A3 am künftigen Manfred-Rommel-Platz hinter dem Hauptbahnhof.
SPD neigt zu Grundstück beim Bahnhof
Dieser Standort erscheint der SPD-Ratsfraktion als beste Lösung. Fest zusagen könnte man ihn aber nicht, zumal sich das Land als Träger des staatlichen Museums noch gar nicht erklärt habe, meint Stadtrat Michael Jantzer. Er verlangt eine Klärung bis zum Sommer, ob die Landesregierung noch am Projekt einer Ergänzungsstation für den neuen Hauptbahnhof festhält, was dann Verzögerungen bedeuten würde. Im April seien Ergebnisse weiterer Studien dazu zu erwarten. Dann erst könne, müsse man aber auch den nächsten Schritt in Sachen Museum tun. Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) solle einen zielführenden Vorschlag dazu machen.
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CDU-Stadtrat Jürgen Sauer sagt, seit der Exkursion sei das Thema Neubau ins Abseits geraten. Es sei in den Standortdebatten über ein Haus für Film und Medien, für eine Interimsoper, für ein neues Konzerthaus und für ein Kongresscenter „zwischen die Stühle gefallen“. Die Wiederbelebung müsse eindeutig vom Museumsträger Land ausgehen, wenngleich Stadt und Land die Kultureinrichtungen zu gleichen Teilen finanzieren. Nach einem Impuls vom Land werde sich gewiss auch der Gemeinderat wieder mit „diesem mittelfristig wichtigen Projekt“ befassen. Es stehe freilich in Konkurrenz mit vielen anderen teuren Kulturprojekten.
Grünen-Fraktionschef Andreas Winter will das Thema nun auch aus der Wiedervorlage holen. Es dürfe nicht länger Gras drüber wachsen, auch wenn man darüber in letzter Zeit nicht sehr gehirnt habe.
Standortentscheidung noch 2022 angepeilt
Kulturbürgermeister Mayer sagt, einen Grundsatzbeschluss zu einem Neubau gebe es beim Land noch nicht. Daher stünden alle Planungen unter Gremien- und Finanzierungsvorbehalt. Eine Klärung der Projekt- und Standortfrage „in diesem Jahr 2022 wäre wünschenswert“. Das sieht man auch im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst so. Dort heißt es, im Verwaltungsrat, in dem auch noch das Finanzministerium und die Stadt vertreten sind, sei man sich einig über die Dringlichkeit von baulichen und räumlichen Verbesserungen und über den Erweiterungsbedarf. In der Grundstücksfrage könne man die zeitliche Perspektive nur schwer absehen. Wenn die Grundsatzentscheidung gefallen wäre, dürften für Architektenwettbewerb, Planungen und Genehmigungen grob geschätzt fünf Jahre vergehen. Der Bau könne noch einmal vier Jahre dauern.
So gesehen könnte die Eröffnung Ende 2031 stattfinden, wenn der Standort Ende 2022 gesichert ist. Dann käme sie gerade noch in dem von Inés de Castro angepeilten Zeitraum. Sie setzt sich seit elf Jahren dafür ein, dass die „Sammlung von Weltruhm“ anders gezeigt werden kann – und zwar bis 2030. „Plus/minus einige wenige Jahre“, sagt sie heute.
Wie heißt das Museum künftig?
Namenssuche
Im Zuge der Ausstellung „Schwieriges Erbe“ haben die Gäste auch die Chance, einen anderen Museumsnamen vorzuschlagen. Einen, der nicht so sehr verbunden ist mit dem einstigen Rauben und Sammeln von Exponaten in Kolonialgebieten. Bisher rieten die Gäste zu neutralen Namen wie „Ethnologisches Museum“, „Museum der Kulturen“, „Stuttgarter Weltmuseum“ und „One World Museum“. Oder sie empfahlen die Benennung nach Persönlichkeiten, die Widerstand gegen die deutsche Kolonialmacht leisteten. Hier kam mehrmals der Vorschlag „Manga-Bell-Museum“ – nach dem 1914 gestorbenen Häuptling des Duala-Volkes in Kamerun, der sich der Vertreibung aus den angestammten Siedlungsgebieten widersetzte. Auch mehrmals genannt wurden: „Museum für Diversität“, „Museum für Begegnung“ und „Museum aller Menschen“. Demgegenüber firmiert das Museum heute unter dem Namen des Gründers Karl Graf von Linden, der noch eineinviertel Jahre vor der Eröffnung (Mai 1911) starb.
Bauprojekt
Für einen Neubau waren zuletzt Kosten in der Größenordnung von 80 Millionen Euro genannt worden. Sie dürften aber sehr abhängig sein vom Standort und vom architektonischen Entwurf, der noch zu suchen ist. Beim Projekt für ein Haus für Film und Medien anstelle des Breuninger-Parkhauses ist das nach dem Architektenwettbewerb gerade sehr deutlich geworden. Dafür erwartet die Stadtverwaltung inzwischen Kosten zwischen 70 und 80 Millionen Euro, nicht mehr nur von 47 Millionen Euro.
Vorbilder
Bei einer Exkursion haben sich Vertreter des Landes und der Stadt vor gut zwei Jahren Anregungen in ethnologischen Museen in Köln, in Paris sowie in Tervuren (Belgien) geholt.