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Kulturschaffende und die Corona-Krise Coronavirus versetzt Stuttgarter Bühnen in Dornröschenschlaf

Von gab 

Wo sonst das kreative und künstlerische Leben pulsiert, scheint alles ausgestorben. Doch obwohl es so wirkt, als wäre wegen des Coronavirus das gesamte kulturelle Leben Stuttgarts in den Dornröschenschlaf versetzt worden, ist hinter den Kulissen viel in Bewegung.

Veranstaltungsorte ohne Publikum – eine bislang ungekannte Situation, mit der die Kulturschaffenden auch in Stuttgart irgendwie umgehen und in Zeiten des Coronavirus kreativ werden müssen. Foto: Jürgen Wolff/PIxelio.de
Veranstaltungsorte ohne Publikum – eine bislang ungekannte Situation, mit der die Kulturschaffenden auch in Stuttgart irgendwie umgehen und in Zeiten des Coronavirus kreativ werden müssen. Foto: Jürgen Wolff/PIxelio.de

Was passiert, wenn innerhalb weniger Tage die Veranstaltungen über einen Zeitraum von mehreren Wochen ausgesetzt werden? Die Veranstalter müssen handeln. Was passiert mit bereits verkauften Tickets? Allein im Theaterhaus geht es um 22.000 Tickets plus 7000 Reservierungen. Nur bis zum 19. April, wohlgemerkt.

Viele Termine versuche man zu verlegen, sagt Bastian Ungemach, der dort für die Pressearbeit zuständig ist. Dafür wolle man auch die Sommerzeit nutzen, in der oft noch freie Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Das geht jedoch nicht bei allen Veranstaltungen, und natürlich will alles organisiert sein. Zahllose Rücksprachen nach allen Seiten sind da notwendig.

Und schon stellt sich die nächste Frage: Was passiert mit den Künstlern, die nun keine Gage erhalten? Neben den offiziellen Zusagen von Seiten der Regierung sind es vor allem auch private Initiativen, die hier helfen. Dazu gehört unter anderem der Aufruf des Theaterhauses an Besucher, auf die Rückzahlung des Ticketpreises zu verzichten und den Kaufpreis zu spenden. Beim Theaterhaus gehen 50 Prozent der jeweiligen Summe an die jeweiligen Künstler. Es gibt Petitionen wie die an Olaf Scholz. Tom Adler, Joe Bauer, Goggo Gensch und Peter Jakobeit haben am 16. März die Künstlersoforthilfe ins Leben gerufen.

Künstlerische Arbeit ist unverzichtbar

Künstler, denen gerade sämtliche Einnahmen wegbrechen, können hier schnell und unbürokratisch bis zu 300 Euro bekommen – sofern Spendengelder eingehen. „Unsere Initiative ist ein Akt der Solidarität. Künstlerische und kulturelle Arbeit betrachten wir als unverzichtbar für ein humanes gesellschaftspolitisches Klima“, erklären sie.

Dem Stuttgarter Publikum, von vielen Künstlern als ebenso fachkundig wie treu international sehr geschätzt, scheinen seine Kulturschaffenden wichtig zu sein. Von etlichen Veranstaltern ist zu hören, dass sie von Kunden viel positive Rückmeldung erfahren hätten. Zahlreiche Anrufe und Mails hätten sie erreicht, in denen Ticketkäufer ihnen gute Wünsche mitgeteilt hätten, dass sie die vor allen liegende Durststrecke gut überstehen mögen, berichtet Michaela Russ von der Südwestdeutschen Konzertdirektion Erwin Russ.

Dem Aufruf des Stuttgarter Kulturbürgermeisters Dr. Fabian Mayer zur Solidarität gegenüber den Kulturschaffenden folgen doch einige. Auch er hatte darum gebeten, keine Eintrittsgelder zurückzufordern. „Über die Solidarität einzelner Kunden haben wir uns sehr gefreut“, sagt Dr. Elisabeth Schedensack von Stuttgartkonzert. Bei privaten Konzertveranstaltern, die bei eigenem Risiko und ohne Subventionen kalkulieren müssen, brechen, wie sie deutlich sagt, die Einnahmen bis auf weiteres weg.

Solidarität der Kleinkunstliebhaber in Zeiten des Coronavirus

„Wir stehen aktuell vor der größten Krise, der unsere Branche jemals gegenübergestanden ist. Die Verunsicherung ist überall sehr groß. Egal, ob bei Künstlern, Dienstleistern oder Veranstaltern“, sagt auch Christian Doll von C2 Concerts. Woran viele vielleicht gar nicht denken: Auch seine Veranstaltungsagentur musste – wie alle anderen Unternehmen – das Team ins Homeoffice schicken und beschäftigt sich momentan mit Themen wie Kurzarbeit und Steuererleichterungen.

So geht es auch Sebastian Weingarten, dem Intendanten des Renitenztheaters. Bei alledem freut er sich über die Solidarität der Kleinkunstliebhaber, die bereits gebuchte Tickets für einen neuen Termin aufbewahren, oder in einen Gutschein umwandeln. Der Stuttgarter Besen, sonst ein Höhepunkt im Frühjahr, wird in den Herbst verlegt. Darüber hinaus werden aktuell alle Kostenpunkte auf den Prüfstand gestellt. „Wir fahren im Moment herunter was geht, um durchhalten zu können“, sagt er. „Die Krise hat uns mitten ins Herz getroffen.“

Neben den rein praktischen Fragen, die kleine Theater ebenso vor große Herausforderungen stellen wie große Veranstalter, denken die Kulturschaffenden über weit reichendere Folgen dieser erzwungenen Auszeit nach. Susanne Heydenreich, Intendantin des Theaters der Altstadt: „Warum nicht einmal spüren, welchen Stellenwert Kultur in der Gesellschaft hat. Wie wichtig sie ist und wie einmalig dieses im Augenblick geschehende Erlebnis einer Aufführung ist. Unwiederbringlich, ein Moment nach dem anderen.“ Sie würden mit den Hufen scharren, bis es wieder losgehe, sagt sie.

„Der Vorhang zu und alle Fragen offen“

Denn auch Probenarbeit ist ja momentan nicht möglich, weil sich die Schauspieler dazu in größeren Gruppen treffen müssten. Mehr noch: „Theater ist ein Beruf, der Berührung zulassen muss und auch braucht, damit etwas Lebendiges entstehen kann.“ Bei alledem, so sagt sie, gehe es auch darum, dass die Kulturschaffenden nicht die Arbeit tun können, die sie sonst machen: nämlich sozialkritisch Stellung zu beziehen.

Mit dieser Sichtweise steht Susanne Heydenreich nicht allein. Erst vor wenigen Tagen hat Berlins Kultursenator Klaus Lederer betont, dass die kulturelle Infrastruktur zentral sei für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft. Edith Koerber, Intendantin des Theaters Tri-Bühne, stellt die Corona-Krise in einen weitaus größeren Kontext und zitiert einen Satz aus dem Epilog von Bertolt Brechts ,Der gute Mensch von Sezuan‘: „Der Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Der Vorhang müsse momentan zubleiben. „Aber er wird sich hoffentlich bald wieder öffnen lassen. Es gibt zu viele Fragen, auf die dringend Antworten gesucht und gefunden werden müssen.“

Für sie zeigt sich aktuell mehr als deutlich, dass es für die Menschen im Lande keine „marktkonforme Demokratie“ brauche, sondern einen „demokratiekonformen Markt“, der dem Interesse des ganzen Volkes diene. „Ich halte es mit Brecht, der seinen Epilog ans Publikum so endet: „Der einzige Ausweg wär’ aus diesem Ungemach / Sie selber dächten auf der Stelle nach / Auf welche Weis’ den guten Menschen man / Zu einem guten Ende helfen kann. /Verehrtes Publikum, los, sich dir selbst den Schluss! / Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“

Schauspielbühnen zum ersten Mal mit Kurzarbeit konfrontiert

Christof Küster, Intendant des Studiotheaters, hat beides im Blick: Die aktuelle Krisensituation und die Zeit, wenn das Corona-Virus nicht mehr alles bestimmen wird. Ihm ist es wichtig, die freien Schauspielerinnen und Schauspieler „nicht hängen zu lassen und ihnen Unterstützung zu geben, soweit es unserem kleinen Theater möglich ist.“ Die Themen, die in den eigentlich auf dem Spielplan stehenden Stücken verhandelt werden, werden bleiben, weiß er. Dazu zählen die bereits detailliert geplanten Theaterwochen zur Klimakrise mit fünf Inszenierungen, Vorträgen und Lesungen. „Was können wir als Theater außer digitalen Angeboten trotz Stillstand leisten? Fragen, für die es etwas Zeit braucht. Und die haben wir ja gerade. Leider.“

Die Schließung sei „ein schockartiges Erlebnis, auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht“, sagt Axel Preuß, Intendant der Schauspielbühnen Stuttgart. „Die Trennung von unserem Publikum und unseren Schauspielern fühlt sich an wie die Trennung von einem geliebten Menschen, den man furchtbar vermisst.“ Er hofft, dass die Premieren von „Misery“ und „Himmlische Zeiten“ nachgeholt werden können. Zum ersten Mal in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Theaters muss es Kurzarbeit geben.

Vorfreude auf gemeinsamen Kulturgenuss erhalten

Besonders wichtig ist es, auf die Zeit zu schauen, die nach der Corona-Krise anbrechen wird. „Ein Orchester ohne Konzerte ist sinnlos“, konstatieren Michael Stille und Tilman Dost, Intendant und Geschäftsführer der Stuttgarter Philharmoniker. Diese, so sagen sie, vermissten ihr Publikum und hofften, dass bald alle wieder zu Konzerten zusammentreffen könnten. „Wir hoffen, dass wir bald wieder durch unsere Musik etwas zum Lebensglück und -sinn der Menschen beitragen können.“

Christine Roth, Pressesprecherin der Bachakademie, präzisiert: „Kultur ist etwas Urmenschliches. Sie stiftet Gemeinschaft und bildet damit einen zentralen Pfeiler des Zusammenhalts in unserer Gesellschaft.“

Im Friedrichsbau Varieté haben sich die Veranstalter Gedanken darüber gemacht, wie man zumindest die Vorfreude auf gemeinsamen Kulturgenuss erhalten kann. Wer hier einen Gutschein für einen lieben Menschen erstehen und versenden möchte, kann dies sogar mit einer ganz persönlichen Grußbotschaft tun. Quer durch die Reihen sind sich alle jedenfalls darin einig, dass Solidarität in allen möglichen Schattierungen im Moment an oberster Stelle steht.