Kulturspaziergang in S-Ost Zwischen alten Teppichen und moderner Kunst

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Konkurrenz groß, Wetter schlecht: Der Kulturspaziergang am Stöckach stößt auf wenig Interesse. Dabei besticht das Viertel im Stadtbezirk Ost vor Allem durch Vielfalt und Abwechslung.

Finden Stöckach gut: Sarah Haberkern (ganz li.) und Martina Schütz Foto: Volkmann
Finden Stöckach gut: Sarah Haberkern (ganz li.) und Martina Schütz Foto: Volkmann

S-Ost - Der Stöckach ist kein Ort für Liebe auf den ersten Blick. Beim Friseur 2000 werden Haarschnitte beworben, die schon zum Millennium modern waren. In der Gastronomie John Doe gibt es Salami-Käse-Toast für einen Euro achtzig, und der benachbarte Fimse Laden feiert Neueröffnung mit der Produktpalette Elektrowaren und Uhrenbatterien. Auf den zweiten Blick ist der Stöckach eine der spannendsten Ecken Stuttgarts. Nicht so glatt wie die Innenstadt, nicht so puppenstubenartig wie das Lehenviertel.

Der Stöckach ist ein Stück echtes Leben zwischen Moschee, kleinen Galerien und Gastronomien aus aller Herren Länder. Diese Vielfalt galt es am Samstag beim zweiten Kulturspaziergang zu entdecken, unter dem Motto Kunst, Kultur und Palaver. Allzu viele Entdecker fanden sich aber leider nicht ein. Die Initiatorin der Veranstaltung, Martina Schütz, führte das überschaubare Interesse auf das schlechte Wetter und die Konkurrenz der Fußball-WM zurück.

„Sanierung am Stöckach – Gewinn für die Menschen?“

Martina Schütz, zuständig für Gemeinwesenarbeit am Stöckach, steht vor dem Stadtteil- und Familienzentrum und hält mit jedem zweiten Passanten ein kurzes Schwätzchen: Hier wird aus dem Auto gegrüßt, dort spricht sie mit Gökay Sofuoglu, Sozialarbeiter vom Haus 49 im Stuttgarter Norden über die Parallelen zwischen dem Nordbahnhof und dem Stöckach und darüber, wie man Migranten besser einbinden kann in das Leben im Viertel.

Im Stadtteilzentrum wird derweil über das Thema „Sanierung am Stöckach – Gewinn für die Menschen?“ diskutiert. Der Stöckach wurde 2012 als Sanierungsgebiet in das Förderprogramm des Landes aufgenommen. „Unter anderem im Fokus ist der Platz vor der Hauswirtschaftsschule, die Bürger wünschen sich Begegnung, Einkaufsmöglichkeiten und günstiges Wohnen“, sagt Martina Schütz.

Stuttgarts einziger veganer Döner

Während im Stöckach-Treff kontrovers darüber diskutiert wird, wieso die Bürgerbeteiligung so sehr zu wünschen übrig lässt, spaziert Martina Schütz zur Galerie Art & Antik an der Neckarstraße weiter. Die kleine Galerie von Sarah Haberkern ist einer der rund zehn Kultur-Orte, den es beim Spaziergang zu erkunden gilt. Haberkern hat sich in einer spannenden Nische eingerichtet: Sie stellt antike Teppiche und moderne Kunst aus. „Wir haben hier jeden Samstag ab 19 Uhr Kunstvermittlung, nach dem Salon-Prinzip, es soll warm und gemütlich bei uns zugehen“, so Haberkern. Am Stöckach schätzt sie die Vielseitigkeit. „Das Viertel ist total unterbewertet und als Feinstaub-Eck verschrien. Dabei haben wir mit der Villa Berg einen riesigen Garten und insgesamt eine spannende Kombination an unterschiedlichsten Menschen.“

Und an unterschiedlichsten Küchen, möchte man ergänzen, schließlich gibt es direkt an der Haltestelle Stöckach bei Dilgelay Stuttgarts einzigen veganen Döner – der auch noch absolut genießbar ist. Noch besser schmeckt es nur bei Mezcal hoch zwei an der Nikolausstraße. In der mexikanischen Gastronomie hatte man extra mexikanische Köstlichkeiten für den Kulturspaziergang vorbereitet, allein die Gäste blieben aus. Die Betreiber ließen sich davon nicht irritieren: Konzentriert schauten sie das Achtelfinale der Fußball-WM zwischen Brasilien und Chile. Unter ausgelassenen Mexikanern am Stöckach verweilen: es gibt definitiv schlechtere Orte in Stuttgart.




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