Berlin - Die Bundesregierung wird nächste Woche ein Konjunkturpaket auf den Weg bringen. Das Kabinettsmitglied Monika Grütters spricht darüber, was es für den Kulturbetrieb beinhaltet.
Frau Grütters, erinnern Sie sich noch an Ihr letztes reales Kulturerlebnis?
Ganz kurz vor dem Lockdown habe ich ein großartiges Konzert der Berliner Philharmoniker besucht – es war ausverkauft. Gott sei Dank hat sich herausgestellt, dass sich dort nicht massenhaft Menschen angesteckt haben. Das hätte der Kultur noch zusätzlich geschadet.
Was fehlt Ihnen besonders, da der Kulturbetrieb nach zweimonatigem Stillstand trotz erster Lockerungen kaum mehr als ein Minimalprogramm bieten kann?
Die Musik. Ausstellungen sind wieder geöffnet, Buchläden hatten in Berlin zum Glück nie zu. Aber ich vermisse das sinnliche Erlebnis eines Konzertabends.
Die Staatsministerin für Kultur muss von deren Bedeutung nicht überzeugt werden. Hoffen Sie aber vielleicht, dass auch Kritiker nicht mehr nur den Kostenfaktor sehen?
Hermann Hesse hat das sehr schön formuliert: „Das Paradies pflegt sich erst dann zu erkennen zu geben, wenn wir daraus vertrieben sind.“ Viele Menschen machen gerade die schmerzliche Erfahrung, nicht mehr ins Theater, in den Club oder ins Kino gehen zu können – und sie spüren, wieviel Lebensqualität ihnen dadurch fehlt.
Können Sie ihnen Hoffnung machen?
Auf Bitte der Kanzlerin habe ich zusammen mit meinen Länderkollegen Öffnungskonzepte zum Neustart der Kultureinrichtungen entwickelt. Aber die Umsetzung ist wahnsinnig schwierig, weil der Bund zum Beispiel für keine einzige Bühne zuständig ist und die Länder sehr unterschiedlich aufgestellt sind: die einen wollen großzügig sein, andere sind vorsichtig aus Rücksicht auf die Risikogruppen. Im Augenblick sehen wir deshalb leider einen Flickenteppich. Hessen hat als erstes Bundesland wieder Kinovorstellungen erlaubt – was aber wenig bringt, weil die Studios Filme üblicherweise zu einem bundesweit einheitlichen Termin herausbringen. Mir blutet das Herz, dass wir da noch nicht weiter sind.
Stört die Kulturhoheit der Länder in der Corona-Krise?
Ich kann in unserem föderalen System nur appellieren, im kulturellen Bereich so einheitlich wie möglich auf die Krise zu reagieren. Ein Beispiel sind die Ausfallhonorare. Mein Haus hat eine großzügige Regelung getroffen, um den vom Bund geförderten Kultureinrichtungen und Projekten die Zahlung von Ausfallhonoraren an die freischaffenden Künstler zu ermöglichen. Ich wünsche mir, dass alle Länder das genauso praktizieren. Zudem sollten alle Länder dem Beispiel von Baden-Württemberg folgen und den Soloselbstständigen, zu denen auch viele Künstler und Kreative zählen, einen fiktiven Unternehmerlohn zahlen. Das ist eine gute Ergänzung zum Soforthilfe-Programm des Bundes für Soloselbstständige.
Über die Runden kommen ist das Eine, die Perspektive das Andere. Wer die Bilder aus Konzertsälen mit Publikum auf Abstand sieht, fragt sich doch, wie Bühnen mit einer solchen Auslastung überhaupt auf einen grünen Zweig kommen sollen. Sie auch?
Zunächst einmal bin ich außerordentlich froh und erleichtert, dass Kultureinrichtungen überhaupt wieder öffnen können. Dafür haben wir uns sehr eingesetzt. Die Frage der Publikumsauslastung ist bei der Wiedereröffnung existenziell. Es macht keinen Sinn, den Betrieb neu zu starten, wenn die zu erwartenden Einnahmen nicht die Betriebskosten decken können. Um die Phase der Wiedereröffnung möglichst sinnvoll zu gestalten, überlegen wir mit den Kulturministern der Länder und den Kulturverbänden, wie wir unter Einhaltung der Abstandsregeln mehr Zuschauer in die Säle bekommen. Ein Beispiel: In der Schweiz dürfen Familienangehörige direkt nebeneinandersitzen, was die Auslastung erhöht. Solche Lösungen kann ich mir auch für Deutschland vorstellen. Trotzdem wird es weniger Publikum geben. Auch das kommende Zukunftsprogramm Kultur des Bundes wird dem Rechnung tragen.
Wo sehen Sie angesichts dessen die Kulturlandschaft in, sagen wir, zwei Jahren?
Nach zwei Monaten Lockdown weigere ich mich zu spekulieren, wo wir in zwei Jahren sind. Wir müssen jetzt vielmehr retten, was zu retten ist. Die gesamte kulturelle Infrastruktur ist bedroht. Alle individuellen Hilfen für Künstler, wie wir sie auch mit dem Sozialschutzpaket organisiert haben, nützen ja nichts, wenn ihre Arbeitsstätten wegbrechen.
Wie wollen Sie das verhindern?
Mein Haus entwickelt gerade mit Rückendeckung des Bundesfinanzministers ein Neustartprogramm für die kulturelle Infrastruktur in Deutschland. Dieses Programm soll am Dienstag im Koalitionsausschuss beraten und am Mittwoch im Kabinett verabschiedet werden.
Wem soll das Geld zugutekommen?
Es besteht zurzeit die Gefahr, dass vor allem ehrenamtlich oder privatwirtschaftlich geführte Kultureinrichtungen wie Theater, Musikclubs, Festivals oder Freilichtbühnen auf der Strecke bleiben. Ihnen wird das neue Bundesprogramm vorrangig helfen. Wir werden zum Beispiel Umbaumaßnahmen finanzieren, falls nur so die Corona-Auflagen erfüllt werden können. Und wir werden das kulturelle Leben durch spezifische Förderprogramme neu stimulieren.
Haben Sie auch die Clubs auf dem Schirm, die noch ohne jede Öffnungsperspektive sind, da wieder eng an eng zu tanzen und zu schwitzen derzeit noch Zukunftsmusik ist?
Ich habe deren desolate Lage im Blick – ich lebe schließlich in der Clubhauptstadt Berlin. In Ergänzung zu dem, was die Länder und der Bundeswirtschaftsminister an Hilfen vorgesehen haben, sieht unser Zukunftsprogramm für die Kultur auch finanzielle Hilfen für Clubs vor. Ein Clubsterben müssen wir unbedingt verhindern.
Zum Schluss zu einem Projekt, das auf die Eröffnung zusteuert. Wie steht es um das Humboldt Forum? Kommt der Eröffnung in Pandemiezeiten besondere Bedeutung zu?
Das Virus darf und wird zum Glück nicht alles ersticken, was uns vor der Corona-Krise wichtig war. Dafür soll die Eröffnung des Humboldt Forums symbolisch stehen. Den Termin im September können wir zwar nicht mehr halten, weil sich aufgrund der Pandemie Lieferungen verzögert haben und zeitweise nicht alle Arbeiter auf der Baustelle waren. Aber wir sind fest entschlossen, zumindest einen Teil des bedeutendsten Kulturprojektes Deutschlands, wenn nicht Europas, noch vor Jahresende zu eröffnen.
Den Spatenstich für das Denkmal für die Friedliche Revolution 1989 haben Sie am Donnerstag getätigt. Sie waren nie eine große Freundin der „Einheitswaage“, die vor dem Humboldt Forum entsteht. Haben Sie Ihren Frieden mit dem Entwurf des Stuttgarter Büros Milla und Partner gemacht?
Ich war immer dafür, an diesen herausragenden Moment der jüngeren deutschen Geschichte und seine mutigen Menschen zu erinnern. Allerdings hat sich der Standort aus Gründen des Denkmal- und Naturschutzes als problematisch erwiesen. Es war sehr langwierig und komplex, Lösungen für den Umgang mit dem kaiserzeitlichen Mosaik und für die Quartiere streng geschützter Fledermausarten zu finden. Jetzt bin ich vor allem erleichtert, dass wir nach langer Vorlaufzeit diese letzten Hürden aus dem Weg räumen konnten. Die Friedliche Revolution 1989 war eine Sternstunde der deutschen Geschichte. Sie hat einen prominenten Platz im Herzen der deutschen Hauptstadt verdient.