Kulturstaatssekretär Arne Braun „Unsere mediale Gegenwart ist nicht mehr denkbar ohne Bewegtbild“
Im Februar 2023 sah Arne Braun als neuer Kulturstaatssekretär Baden-Württembergs „viel zu tun“. Wie blickt er heute auf die Kultur im Land?
Im Februar 2023 sah Arne Braun als neuer Kulturstaatssekretär Baden-Württembergs „viel zu tun“. Wie blickt er heute auf die Kultur im Land?
Arne Braun sah als neuer Kulturstaatssekretär in Baden-Württemberg 2023 vor allem bei den Themen Film und Pop Handlungsbedarf. Was ist erreicht? Was ist schon wieder gefährdet? Wir haben nachgefragt.
Herr Staatssekretär, bundesweit werden aktuell die Zahlen für die Arbeitenden in der Kulturwirtschaft bestaunt. Mehr als vor der Pandemie will man festgestellt haben. Gilt das auch für Baden-Württemberg?
Ja, unbedingt, aber dass das kein Zufall ist, beweist die Standortstudie 2025 zur Kultur- und Kreativwirtschaft in Baden-Württemberg. Das Institut Goldmedia hatte sie im Auftrag der Landesregierung erstellt. Die Zahl der Beschäftigten ist auf knapp 200 000 gestiegen. Vor allem Software und Games entwickeln sich dynamisch, das kombiniert mit der Musikwirtschaft, vor allem auch mit Filmwirtschaft, Architektur, Szenographie, Agenturszenen, Darstellende Kunst – das macht die Kultur- und Kreativwirtschaft auch zu einem harten Wirtschaftssegment – mit großem Zukunftspotenzial. Ganz nebenbei hält sie uns auch lebendig.
Die Kehrseite des Glanzes: zur enormen Zahl der Selbstständigkeit kommt die festgestellte Realität einer Mehrheit mit 1500 Euro netto. Ist also Kreativwirtschaft ein Niedriglohnbereich?
Nicht erst seit Corona wussten wir, dass Kulturschaffende und Kreative nicht auf Rosen gebettet sind, im Gegenteil. Vor allem Solo-Selbstständige haben hart zu kämpfen. Und zugleich gibt es in der Kultur- und Kreativwirtschaft sehr erfolgreiche, international wettbewerbsfähige Unternehmen. Politik muss Räume ermöglichen, in denen Menschen kreativ Ideen entwickeln, umsetzen - und wo sie wirtschaftlich auch erfolgreich sein können, sicher und gut bezahlt. Und daran arbeiten wir.
Haben Sie Beispiele?
Ja, die Förderung der Medien- und Filmgesellschaft etwa ist auf diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zugeschnitten: Etablierte Studios und Produzenten, die sich an großen internationalen Produktionen beteiligen, erhalten hier ebenso Unterstützung wie junge Talente. Damit die Förderung nachhaltige Erfolge erzielt, bietet die MFG neben der finanziellen Förderung auch umfassende Beratungs- und Vernetzungsprogramme an. Das ist wichtig für Kreativschaffende, die sich mit ihren Projektideen am Markt behaupten wollen.
Gilt das auch für andere Bereiche?
Ja, Gleiches gilt für die Popförderung: Über das RegioNet-Programm der Popakademie unterstützen wir die zehn dezentralen Popbüros und Popförderzentren, die beraten und vernetzen die Szene. Zudem vergeben sie dank der POPLÄND-Initiative seit 2025 kleine Förderungen, die Newcomern helfen. An größere Projekte vergibt das Kunstministerium Gelder über das Programm Perspektive Pop 2.0, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind wie faire Entlohnung.
In der Metropolregion Stuttgart steckt viel Kreativwirtschaft in den Bereichen Virtual Reality und Animation – beides ist auch für Biotech-Cluster zwischen Tübingen und Stuttgart wichtig. Und auch in der Region Karlsruhe ist die Trennschärfe zwischen KI-Forschung und VR-Technologien nicht wirklich groß. Zählt das alles zur Kreativwirtschaft?
Das beweist zunächst, dass wir überall Virtual Reality und Animation brauchen, übrigens auch in den baden-württembergischen Kernbranchen wie der Automobil- oder Gesundheitswirtschaft. 3,4 Prozent aller hier Beschäftigten sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig. Das ist zwar weniger als in Berlin, okay, aber spürbar über dem Bundesdurchschnitt. Bei der Quote Umsatz pro Unternehmen ist Baden-Württemberg mit 1,08 Millionen Euro sogar Spitzenreiter, lassen wir den Klassenprimus SAP außen vor, liegen wir auf Platz vier.
Sie sehen weitere Chancen?
Spannend ist doch die Schnittstelle: Kein Gerät ohne Animation, kein Fahrzeug ohne Display, Animation im Gesundheitswesen boomt, Games und immersive Medien erobern die Museen, unsere komplette mediale Gegenwart ist nicht mehr denkbar ohne Bewegtbild - in welcher Form auch immer.
Sie haben für Ihre Arbeit als Staatssekretär klare Ziele formuliert. Mit im Zentrum stand: Über die Themen FilmLänd und PopLänd die Innovationskraft des Standorts Baden-Württemberg kenntlich zu machen. Wie weit sind Sie?
Der Erfolg von FilmLänd ist ohne den kreativen Nachwuchs nicht denkbar. Unsere Hochschulen wie etwa die Filmakademie, die Hochschule der Medien oder die Pop-Akademie haben einen Ruf wie Donnerhall – und das zurecht. Eben erst hat die Film-Akademie mit dem Carl-Laemmle-Institut ein Kreativ-Labor neu gegründet. Ziel: Das Profil als führende Ausbildungs- und Forschungsstätte in Film und Medien wird weiter gestärkt. So werden Jahr für Jahr zahlreiche junge Menschen auf höchstem Niveau ausgebildet.
Was nützt die beste Ausbildung, wenn es im Land an Stellen fehlt?
Ein entscheidenden Punkt. Wir müssen noch stärker darin werden, den Absolventen Jobs im Land zu bieten. Wir können uns gar nicht leisten, dass diese Talente abwandern. Gemeinsam mit Partnern wie der Filmakademie, der MFG oder den Kommunen verfolgen wir die Idee eines interdisziplinären Gründerzentrum - also eine Art Ideenschmiede verschiedener Branchen. Hier können Unternehmen starten - und wachsen. Auch in Zeiten knapper Kassen: Wenn wir alle Partner zusammenbringen, werden wir auch eine geeignete, zentral gelegene Fläche finden.
Lässt sich das auch auf das Thema Pop übertragen?
Baden-Württemberg ist längst PopLänd. Davon konnte ich mich erst vorvergangene Woche wieder überzeugen. Ich war zu Gast bei CeyCey in ihrem Weinheimer Studio und durfte schon erste Songs aus ihrem zweiten Album hören. Das ist richtig gut, da kommt was Tolles auf uns zu, und das auch dank unserer Pop-Förderung., Die R`n`B-Sängerin und Produzentin studiert übrigens an der der Popakademie, dem Epizentrum populärer Musik und darüber hinaus. Wir haben die Akademie zukunftsfest aufgestellt und die neuen Chefs Derek von Krogh und Michael Herberger in der Geschäftsführung bauen die vorhandenen Stärken aus, fördern Talente wie CeyCey und machen sie fit für die Zukunft, gleichzeitig wenden sie sich Zukunftsthemen zu wie der KI.
Ist das nicht zu sehr auf die Popakademie zentriert?
Mit dem Popdialog haben wir die Sichtbarkeit des Standorts gestärkt. Jetzt, das stimmt, müssen wir dranbleiben. Im POPLÄND können sich Musikerinnen und Musiker, DJs, Veranstalter, Clubbetreiber - all die, die hier unterwegs sind, besser vernetzen, auch und vor allem im ländlichen Raum. Im Landeshaushalt gab es im vergangenen Jahr erstmals eine Million Euro, Fortsetzung folgt. Wir haben die Popförderung in den Regionen mehr als verdoppelt und der neue Landespreis, der POPLÄND Award lässt uns gemeinsam die Popkultur feiern.
Sie sprechen von Investitionen. Dagegen stehen die haushalterisch unumgänglichen harten Einschnitte der Kommunen? Gerät da etwas ins Stocken? Oder bricht gar die leise Euphorie des Herbstes 2025 wieder in sich zusammen?
Die Einschnitte schmerzen sehr, in vielen Kommunen brennt die Hütte. Umso wichtiger ist es, dass wir als Land der verlässliche Partner für unsere Kultureinrichtungen und Kulturschaffenden bleiben. Um die Kommunen zu unterstützen, haben wir als Land zwei Drittel aus dem Sondervermögen des Bundes pauschal an die Kommunen zugewiesen – so viel wie kein anderes Land. Aber eins ist deutlich geworden, wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir in Zukunft priorisieren und Strukturen umbauen, Synergien nutzen und besser kooperieren. Voraussetzung für all das ist jedoch: Wir müssen miteinander, nicht übereinander reden und gemeinsam Lösungen entwickeln. Es braucht von allen Seiten ein Commitment, das halte ich für ganz entscheidend.
Auffallend war zuletzt Ihr starkes Engagement für Festivals. Gerade hier sehen die Kommunen ja Kürzungsansätze. Ist das nicht ein unauflösbarer Widerspruch?
Festivals sind viel mehr als ein „nice-to-have“, sie erreichen ein breites Publikum, haben für die oftmals jungen Menschen und Kommunen eine immense Bedeutung - auch wirtschaftlich - und machen auf uns aufmerksam, auch international. Aber auch hier gilt, keine Gießkanne, sondern Stärken stärken.
Das heißt?
Wir haben etwa ein Förderprogramm für die kleineren Filmfestivals neu strukturiert, etablierte Festivals sollen weiterwachsen, deshalb ist das Land auch beim weltweit renommierten Internationalen Trickfilmfestival als Partner eingestiegen. Aber wir denken weiter: Theaterfestivals im ländlichen Raum etwa wurden kürzlich nochmal neu unterstützt. Eine feste Kultursäule fürs ganze Land.
Sie konnten neue Köpfe für die MFG wie für die Filmakademie gewinnen. Köpfe mit klaren Zielen, klaren Positionen, klaren Erwartungen. Haben Sie keine Angst, die neuen Verantwortlichen enttäuschen zu müssen?
Wiebke Wiesner, die zukünftige MFG-Chefin, und Andreas Barreis, der Direktor der Filmakademie, sind profilierte Persönlichkeiten, und bundesweit anerkannt und international vernetzt. Sie brennen für ihr Thema und ergreifen die Chance, die das Land bietet, passen also bestens zu Baden-Württemberg. Beide verfolgen ihre Ideen mit Willen und Kreativität und gehen mit starken Allianzen neue Wege. Natürlich ist eine verlässliche finanzielle Basis die Grundlage für Erfolg, die geben wir Ihnen.
Zugleich formuliert nicht nur der Produzent Nico Hofmann eine Erwartung sehr deutlich: Soll Filmförderung wirken, muss sie allein für Baden-Württemberg verdoppelt oder besser verdreifacht werden. Das wird absehbar nicht passieren. Aber welche Instrumente bleiben dann im Standortwettlauf?
Ich freue mich, dass sich Nico Hoffmann so intensiv um den Standort Baden-Württemberg bemüht. Wir setzen auf ein breites Bündnis, um die Strahlkraft zu erhöhen. Jede gute Idee ist willkommen. Ich lade alle, die Interesse am Thema zu einem Filmstandort-Dialog ein, als nächstes treffen wir uns am 11. Februar zum Pre-Berlinale Warmup in der Landesvertretung in Berlin.
Sprechen Sie dann doch auch über mehr Förderung?
Klar wäre es wünschenswert, die Mittel in der klassischen Filmförderung zu erhöhen, aber die Zeiten sind nun mal so wie sie sind, und abgesehen davon: die 1990er Jahre sind lange vorbei. Heute funktioniert Politik beispielsweise so: In einer gemeinsamen Kraftanstrengung haben wir es mit den Regierungsfraktionen der Grünen und der CDU geschafft, die Mittel für die Filmförderung zu konsolidieren. Die für Projekte nicht benötigten Gelder, die so genannten Rückflüsse, die in der Vergangenheit in den Allgemeinhaushalt flossen, bleiben jetzt dauerhaft der Filmförderung erhalten. Wir meinen es ernst, es sollen möglichst viele Projekte realisiert werden.
Die Debatte um die Filmförderung fällt nun mit der neu anlaufenden Debatte um die öffentlich-rechtlichen Sender zusammen. Fürchten Sie in einem Domino-Effekt möglicher Landtagswahl-Ergebnisse vielleicht sogar die Umkehrung der Debatte – vom Ausbau der Kreativwirtschaft zu einem Rückbau?
Im Gegenteil: Mittlerweile ist die Kultur- und Kreativwirtschaft viel zu wichtig geworden: wirtschaftlich stark mit einem jungen, attraktiven Berufsbild und einem starken Versprechen für die Zukunft: Niemand kann auf die Innovationskraft und die ökonomische Power im aktuellen Strukturwandel verzichten, das wäre einfach großer Blödsinn, das kann sich Baden-Württemberg schlicht und ergreifend nicht leisten.
Im Filmbereich gibt es ein relativ festes Band zum Südwestrundfunk. Im Pop jedoch scheinen sich zwei Welten gegenläufig zu bewegen – die SWR-Formate wirken immer enger, die Popförderung agiert gewollt innovativ und längerfristig. Ist das so? Und welche Auswirkungen hat dies aus Ihrer Sicht?
Wir pflegen ein sehr freundschaftliches und intensives Verhältnis mit dem SWR. Der SWR hat einen Kulturauftrag und die Entscheider sind sich ihrer kulturpolitischen Verantwortung fürs Land sehr bewusst. So ist der SWR Mitgesellschafter der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und bei der Popakademie. Der SWR ist unverzichtbarer Bestandteil der Donaueschinger Musiktage und beim Haus des Dokumentarfilms sowie bei vielen weiteren Einrichtungen und Veranstaltungen. Und hier treffen wir uns: Den bei den derzeitigen finanziellen Spielräumen brauchen wir uns gegenseitig. Die verlässliche Partnerschaft ist keine hohle Phrase. Jetzt freuen wir uns, wenn die Popkultur aus dem Länd auch vermehrt im öffentlich-rechtlichen Radio hören können.
Ziele sind immer gut. Was also sind aus Ihrer Sicht die nächsten notwendigen Schritte in Baden-Württemberg in Sachen Kreativwirtschaft?
Ziel ist das, was Baden-Württemberg auch an anderen Stellen noch stärken vorantreiben muss: Wir sind ein Top-Ausbildungsstandort, aber wir müssen auch im Kreativbereich noch attraktiver werden für junge Gründer und Gründerinnen und für‘s Unternehmertum. Das Pop- und Filmländ entwickelt sich - und zwar mit einer großen Dynamik, und ich vertraue hier voll und ganz auf die kommenden Talente, denn eines haben wir schon oft bewiesen: Uns fällt immer etwas ein.
Werdegang
Arne Braun, geboren am 11. Mai 1965, war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des Stuttgarter Stadtmagazins LIFT. Braun war von 2007 bis 2011 Berater und einer der Pressesprecher der Fraktion Grüne im Landtag Baden-Württemberg. Mit der Wahl von Winfried Kretschmann zum Ministerpräsidenten 2011 wechselte Braun als stellvertretender Regierungssprecher ins Staatsministerium. Außerdem war er seit 2013 für das Kulturprogramm im Park des Regierungssitzes Villa Reitzenstein verantwortlich. Von Mai 2021 an war er Regierungssprecher der Landesregierung von Baden-Württemberg.
Staatssekretär
Seit Februar 2023 ist Arne Braun Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Ministerin im MWK ist Petra Olschowski (Grüne).