Kulturverein in Kernen Rebellisch, regional, radikal: Allmende Stetten wird 20
Mehr als 500 Events mit rund 25 000 Besuchern – und ein Gründer, der gerne aneckt. Der besondere Kulturverein Allmende Stetten feiert Jubiläum.
Mehr als 500 Events mit rund 25 000 Besuchern – und ein Gründer, der gerne aneckt. Der besondere Kulturverein Allmende Stetten feiert Jubiläum.
Es ist ein respektables Jubiläum in einer Zeit, in der nicht wenige Vereine ums Überleben kämpfen: Allmende Stetten wird 20 – und feiert an diesem Montagabend in der Glockenkelter mit einem Festprogramm, das ebenso kantig wie vielseitig ist. 500 Veranstaltungen, 25 000 BesucherInnen, zahlreiche Auszeichnungen.
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten – und das hat insbesondere mit dem Vereinsgründer zu tun: Eberhard „Ebbe“ Kögel. Der, der sich selbst als „schwäbischen Anarchisten“ bezeichnet, gilt in Kernen und darüber hinaus als streitbarer Geist. Er polarisiert – mit Haltung, mit Hartnäckigkeit und einer gehörigen Portion Widerstandsgeist.
Erst im vergangenen Oktober feierte er seinen 70. Geburtstag mit einem Diavortrag unter dem Titel: „Ibr miir kommd koiner mee“ – kein Gott, kein Herr, kein Maulkorb. Der Titel ist Programm. Und wer die Allmende Stetten verstehen will, kommt an Ebbe Kögel nun mal nicht vorbei.
Die Allmende wurde 2005 – symbolträchtig am Todestag Georg Elsers – gegründet. Der Name stammt aus dem Althochdeutschen „algimeiniga“ – was allen gemeinsam ist. Die Idee: ein Kultur- und Politikverein, der lokal denkt und global handelt, der unabhängig bleibt und sich nicht von Fördertöpfen lenken lässt.
Das Fundament ist stabil: Sechs Programmsäulen, darunter „Gespräche unter der Y-Burg“, die Talkshowreihe „Provinzielle Lebenswege“, kommunalpolitische Diskussionsabende, das Projekt „Heimatkunde“ oder die internationale Reihe „Allmende Internationale“. Es geht um globale Gerechtigkeit, regionale Erinnerungskultur und zivilgesellschaftliches Engagement – jenseits von parteipolitischer Vereinnahmung.
Dass das nicht allen passt, liegt auf der Hand. Kögel sagt, was andere höchstens denken. Er dokumentiert, wo andere schweigen. Das sorgt für Anerkennung – aber auch für Reibung. In der Gemeindeverwaltung stieß sein Antrag auf Wiederanmietung des alten Veranstaltungskellers auf taube Ohren. Auch die hohen Mietkosten für die Glockenkelter bringen den Verein laut eigenen Angaben an seine Grenzen.
Die Allmende ist vieles: Geschichtswerkstatt, Dorfgedächtnis, Kulturarchiv. Sie ist eine Bühne für kritische Stimmen wie Gabriele Krone-Schmalz oder Ulrike Guérot, ein Rückzugsort für vergessene Rebsorten, ein Ort für Erinnerungen. Das Projekt „Dorfgedächtnis“ etwa hat mehr als 100 biografische Interviews mit Stettener Bürgern dokumentiert, die handwerkliches Wissen, bäuerliche Traditionen und Lebensgeschichten vor dem Vergessen bewahren.
Die daraus entstandenen Filme – etwa „Oma, i will a Schmalzbrot“ oder „Stetten.Grafeneck.1940“ – erreichen beachtliche Aufrufzahlen auf der Internetplattform YouTube. Auch das Trockenmauerprojekt unterhalb der Yburg, 2005 gestartet, ist ein Paradebeispiel für gelebte Nachhaltigkeit. 2023 wurde es mit dem Kulturlandschaftspreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Ein anderes Highlight: der „Museumswengert“, wo heute wieder mittelalterliche Rebsorten gedeihen – Affenthaler, Heunisch, Schapatna – bedroht vom Aussterben, gerettet durch Idealismus.
Doch die Allmende ist auch ein Politikum. Etwa wenn sie den Umbau der Glockenkelter begleitet oder sich für ein kommunales Stromnetz stark macht. Oder wenn sie, wie 2011, aus dem Protest gegen Stuttgart 21 das lokale Bündnis K21 Kernen mitgründet. Politisches Engagement gehört hier zum Programm – ebenso wie kritische Heimatkunde.
Das Jubiläumsprogramm spiegelt diese Bandbreite. Zum Auftakt an diesem Montag spricht Professor Hans Dehlinger über „provinzielle Lebenswege“, später folgen Beiträge des Kabarettisten Mathias Richling und des Entwicklungsexperten Boniface Mabanza zur globalen Lage Afrikas. Und am 23. Mai stellt Bauingenieur Mike Schlaich sein Buch „Bauen in Afrika“ vor – eine Veranstaltung, bei der internationale Kooperation und nachhaltiges Planen auf lokales Engagement treffen.
Doch Allmende ist mehr als ein Verein. Es ist ein Ort für Dissens – ein Raum, in dem diskutiert wird, gestritten, gelernt. Nicht alles, was hier gesagt wird, passt ins stromlinienförmige Kulturverständnis der Gegenwart. Aber genau das ist die Stärke. In Zeiten der Vereinzelung und Polarisierung bleibt die Allmende ein Ort des Zuhörens, des Einmischens – und des Erinnerns.
Kögel, der sich selbst nie als „einfachen Menschen“ verstand, hat diesem Projekt nicht nur seinen Stempel aufgedrückt, sondern auch eine klare Richtung gegeben: unbequem, selbstbewusst, standhaft. Und vielleicht ist genau das sein größter Verdienst.
Und nun wird gefeiert. Nicht mit Pomp, sondern mit Haltung.
Veranstaltung
Die Jubiläumsfeier ist an diesem Montag, 12. Mai, um 19 Uhr in der Stettener Glockenkelter. Die nächste Veranstaltung ist dann am Freitag, 16. Mai, ein Vortrag von Boniface Mabanza am gleichen Ort. Der Titel: „Afrika in der neuen geopolitischen Lage“. Beginn ist um 19.30 Uhr.
Kontakt
Weitere Informationen im Internet unter www.allmende-stetten.de