Kultusministerin Susanne Eisenmann „Schulen offen zu halten, ist richtig“

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann sieht die Ferienverlängerung kritisch. Foto:  

Kultusministerin Susanne Eisenmann lobt die Beschlüsse der Ministerpräsidenten und des Bundes. Aber im Gespräch mit unserer Redaktion zweifelt sie am Sinn der Ferienverlängerung.

Stuttgart - Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hält die Corona-Belastung der Schulen im Land noch für gering. Nur 0,09 Prozent seien von einer Schließung betroffen. Und sie sieht die Weihnachtsferien im Teil-Lockdown als „Herausforderung“ für Eltern und Kinder.

 

Frau Eisenmann, sind Sie zufrieden mit den Beschlüssen der Ministerpräsidenten. Hat Ihr grüner Koalitionspartner gut verhandelt?

Die Beschlüsse gründen sich exakt auf den Entscheidungen der 16 Kultusminister vom vergangenen Freitag, sie sind daher zielführend und richtig. Es ist wichtig, dass die Schulen flächendeckend offen bleiben und wir bei einer veränderten Infektionslage flexibel reagieren können und der Präsenzunterricht nicht per se gefährdet ist. Von daher ist es ein gutes Verhandlungsergebnis.

In der CDU-Landtagsfraktion soll es Unmut geben, weil die Weihnachtsferien nun zwei Tage früher beginnen. Ist das überhaupt schon beschlossen?

Die Ministerpräsidentenkonferenz empfiehlt diese zwei zusätzlichen Ferientage und wir müssen im Land in den nächsten Tagen darüber einen Beschluss fassen. Ministerpräsident Kretschmann hat gesagt, dass er dies so haben möchte. Deshalb wird es darüber einen Abstimmungsprozess in der Koalition geben. Ich persönlich sehe in der Ferienverlängerung mehr Probleme als tatsächlichen Nutzen. Ich hätte es gut gefunden, wenn man den Schulstandorten selbst die Entscheidung überlässt. Schließlich können die Schulen vier flexible Ferientage einsetzen. Man muss ja differenzieren: Eine Berufliche Schule tut sich leichter mit längeren Ferien als eine Grundschule, wo auf die Eltern erhebliche Probleme mit der Kinderbetreuung zukommen. Im Übrigen muss man sich auch fragen: Was machen ältere Schüler eigentlich während der zwei zusätzlichen Ferientage? Bleiben sie daheim oder gehen sie zum Weihnachtsshopping? Die Idee dahinter, nämlich alle bleiben zu Hause, ist sicher ein frommer Wunsch.

Wenn die Weihnachtsferien auch im Südwesten schon am 19. Dezember beginnen sollten: Wird es dann eine Notbetreuung für Kinder geben?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine flächendeckende, umfassende Notbetreuung geben wird. Wer sollte die übernehmen? Die Kommunen sagen, sie können das nicht leisten. Unsere Lehrer sind dafür aber ebenfalls nicht zuständig, und ich kann und will sie auch nicht zwangsverpflichten. Diese Ferienverlängerung ist ein komplexes Thema, gerade was die Betreuung von jüngeren Schülern anbelangt. Wenn Eltern keinen Urlaub nehmen können, ist das problematisch. Eine breite Notbetreuung wäre auch widersinnig: Man schließt die Schulen früher, damit die Kinder zuhause bleiben, und dann bietet man eine Notbetreuung an, damit bis zu 80 Prozent der Kinder dann wieder in die Schulen kommen? Das widerspricht sich.

In Corona-Hotspots – also wenn es 200 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern gibt – sollen für die Schulen „weitergehende Maßnahmen“ greifen. Also ein Wechselbetrieb von Präsenz- und Fernunterricht, was sich die Lehrerverbände dringend wünschen?

Wenn ein Landkreis zum Corona-Hotspot wird, dann löst das keinen Automatismus aus, dass man den Präsenzunterricht aufgibt und zum Wechselschulbetrieb übergeht. Gesundheitsämter und Schulbehörden werden in solchen Fällen ganz genau schauen, inwieweit die Schulen vom Infektionsgeschehen betroffen sind. Danach wird entschieden. Ich halte einen flächendeckenden Wechselbetrieb für völlig überzogen. Ich möchte an die Zahlen erinnern: Stand Donnerstagabend waren vier von insgesamt 4500 Schulen in Baden-Württemberg von einer Schließung wegen Corona betroffen, das sind 0,09 Prozent der Schulen in Baden-Württemberg. Und nur 819 Klassen von insgesamt 67 500 Klassen in Baden-Württemberg waren von Quarantäne betroffen. Auch laut ARD-Deutschland-Trend sind übrigens 86 Prozent der befragten Bürger dafür, die Schulen flächendeckend offen zu lassen.

Die Schulen sollen verstärkt auch Schnelltests auf das Corona-Virus einsetzen. Das ist eigentlich Aufgabe des Sozialministeriums, aber trotzdem: Was halten Sie davon?

Ich halte die Antigen-Schnelltests für ein gutes Mittel, um passgenau reagieren zu können. Da könnten wir generell mehr machen, auch weil nicht Laborergebnisse abgewartet werden müssen. Sinnvoll ist auch der Beschluss der Ministerpräsidenten, die Quarantänezeit an Schulen auf fünf Tage zu verkürzen, wenn Tests ein negatives Ergebnis bringen.

Viele Schulen erwägen den Kauf von Luftreinigungsanlagen. Ist das sinnvoll?

Belüftungsgeräte reichen nicht aus. Fachleute sehen das so, und das Umweltbundesamt sowie das Robert-Koch-Institut sagen: Lüften, Lüften, Lüften wirkt mit Abstand am besten. Der Kauf von Belüftungsgeräten scheint eine bequeme Lösung zu sein, aber ich warne davor, allein darauf zu setzen. Wenn wir mal einen Hotspot aus so einem „gereinigten“ Klassenzimmer bekommen, dann möchte ich mir die Diskussion nicht ausmalen. Laut Umweltbundesamt hilft nur Stoßlüften. Drei bis fünf Minuten lang, dann 20 Minuten Unterricht und wieder ein kurzes Stoßlüften. Natürlich geht es nicht um Dauerlüften, wir wollen ja Corona nicht durch Lungenentzündungen ersetzen. Wenn es wirklich Klassenräume ohne Fenster gibt oder welche, deren Fenster sich nicht ausreichend öffnen lassen, dann sollten diese Räume nicht benutzt werden. Laut einer Erhebung der Kommunalen Landesverbände kann an den Schulen im Südwesten nur in fünf Prozent aller Schulräume nicht oder nicht ausreichend gelüftet werden.

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Angesichts des ersten Lockdowns an den Schulen und seiner Folgewirkung: Sollten die Lehrpläne nicht abgespeckt werden?

Das haben wir doch längst getan. 75 Prozent des Bildungsplans entfallen auf das Kern-Curriculum, also die prüfungsrelevanten und verbindlichen Inhalte in den Fächern. Der Rest des Curriculums – also 25 Prozent – entfällt auf Inhalte, bei denen die Schulen Schwerpunkte setzen können. Also im Fach Deutsch könnte das etwa heißen, noch zwei oder drei Bücher als Lektüre zusätzlich zu lesen oder Projekte zu machen. Dazu haben wir schon im Sommer gesagt, dass diese Schwerpunktsetzungen wegfallen können, damit mehr Zeit zum Wiederholen und Einüben von verpasstem Lernstoff ist. Darüber hinaus haben wir die Lehrerinnen und Lehrer gebeten, zu Beginn des Schuljahres den Lernstand der Schüler zu erfassen, damit sie genau wissen, wo noch Förderbedarf besteht.

Selbst drei Wochen Winterferien im teilweisen Lockdown – mit einem weitgehenden Erlahmen des öffentlichen Lebens – sind für Eltern und Schüler eine lange Zeit. Soll man jetzt eigentlich drei Wochen Brettspiele mit den Kindern machen, oder was haben Sie für Vorschläge?

Es wäre vermessen, wenn ich hierzu jetzt Vorschläge oder gar Vorschriften machen würde. Natürlich ist diese Zeit für Eltern eine besondere Herausforderung, für ihre Kinder eine sinnvolle Beschäftigung jenseits von Fernsehen und Computer zu finden. Ein Buch lesen, an der frischen Luft spazieren gehen, das wären Vorschläge, aber die Herausforderung bleibt bestehen. Es ist ja auch nicht so, dass jede Familie im Reihenhaus mit grünem Garten wohnt, wir haben auch sozial benachteiligte Familien in schwierigeren Wohnverhältnissen. Deshalb ist mir der Präsenzunterricht ja auch so wichtig. Es ist richtig, die Schulen offen zu lassen.

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