Kultusministerin Susanne Eisenmann „Wir starten nach den Osterferien nicht von null auf hundert

Kultusministerin Susanne Eisenmann lernt aus der Coronakrise. Foto: dpa/Tom Weller

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bereitet sich auch darauf vor, dass die Schulen wegen des Coronavirus bis zum Sommer geschlossen bleiben. Auf jeden Fall wird es nur schrittweise losgehen, sagt sie im Interview.

Stuttgart - Ob die Schule nach den Ferien wieder los geht, hängt vom Verlauf der Corona-Pandemie ab. Möglicherweise beginnt sie nur mit einigen Klassen, sagt die Kultusministerin Susanne Eisenmann im Interview mit unserer Zeitung.

 

Frau Eisenmann, welches vorläufige Fazit ziehen Sie nach zwei Wochen Schule ohne Schüler?

Es ist bemerkenswert, wie die Lehrerinnen und Lehrer zusammen mit den Schülerinnen und Schülern in dieser schwierigen Situation einen Weg gefunden haben. Das geht nicht immer ohne Probleme, aber alle, auch die Eltern, versuchen, das Bestmögliche aus dieser völlig ungewöhnlichen Situation zu machen.

Es scheint ein Rahmen zu fehlen, an den sich Eltern und Lehrer halten könnten. Kann das Land da Abhilfe schaffen?

Die Situation ist für alle neu und die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich. Nicht alle Kinder haben einen Zugang zum Computer, die Unterstützung ist nicht einheitlich und auch die Lebenswirklichkeiten der Kinder in den Familien sind sehr verschieden. Das muss man ehrlicherweise einräumen. Aber die Begleitung der Lehrer – sei sie digital, über die gute alte Post oder über das Telefon – scheint insgesamt gut zu gelingen. Aber natürlich ist das eine ganz andere Art des Lernens. Die Eltern sind viel stärker gefordert.

Gibt die Krise jetzt einen großen Push für die Digitalisierung der Schulen?

Dass digitales Lernen in der Zukunft eine Rolle spielen wird, wissen wir schon länger. Unbestritten ist auch, dass digitales Lernen pädagogische Grundvoraussetzungen braucht. Wir arbeiten an diesen Konzepten bereits. Wir haben bereits den Digitalpakt und zusätzliche Mittel des Landes. Aber dass wir daran schneller und intensiver arbeiten müssen, ist für mich eine Erkenntnis aus der Krise.

Lesen Sie hier: Wie Baden-Württemberg die Schulschließung verkraftet hat.

Reicht Moodle für das digitale Lernen?

Moodle hilft uns jetzt sehr und kann vieles. Die Zugänge scheinen mittlerweile auch meist gut zu funktionieren. Eine Bildungsplattform geht aber über Moodle hinaus und wir müssen in Zukunft sicher mehr bieten. Ich weiß auch, dass Lehrer und Schüler zurzeit Plattformen nutzen, die unter datenschutzrechtlichen Aspekten im Dauereinsatz und in Nicht-Krisenzeiten so nicht denkbar wären. Somit wird nicht alles, was sich jetzt bewährt haben mag, später auch übernommen werden können. Wir werden sicher eine eigene Plattform brauchen. Wir arbeiten an datenschutzkonformen Lösungen, etwa an einem Videokonferenztool für den Einsatz im Online-Unterricht und an einem Messengerdienst, die wir den Schulen zur Verfügung stellen wollen.

Beschleunigen die jetzigen Erfahrungen die Realisierung einer landesweiten Bildungsplattform?

So viel wurde an der Schule noch nie digital gearbeitet wie momentan. So deutlich wie jetzt wurden uns allen die Chancen, aber auch die Tücken, noch nicht vor Augen geführt. Es ist zwingend, dass die detaillierte Ausarbeitung unserer landesweiten Konzeption die jetzigen Erkenntnisse berücksichtigt. Viele sammeln jetzt interessante und wichtige Erfahrungen, auch darüber, wo digitales Lernen an seine Grenzen stößt. Wir bekommen Rückmeldungen, dass Schüler sich freuen, wenn sie ihre Lehrer wiedersehen werden. Die enorme Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit und der direkte gegenseitige Kontakt ist vielen jetzt bewusster als vorher und hat an Wertigkeit zugenommen. Auch das ist eine schöne Erkenntnis: Digitales Lernen ist gut und schön, aber es wird den direkten Kontakt nie ersetzen.

Wie sieht der Zeitplan für die weitere Digitalisierung aus?

Die Basiskomponenten für die digitale Bildungsplattform, also der Messenger und die dienstliche E-Mail für Lehrkräfte sollen bekanntlich planmäßig von Herbst dieses Jahres an schrittweise allen Schulen zur Verfügung gestellt werden. Das wird jetzt auch durch Corona nicht aufgehalten. Im Gegenteil, bedingt durch die aktuelle Situation, wollen wir ja den Messenger schon früher zur Verfügung stellen, wenn unsere letzten Tests erfolgreich laufen, bereits nach den Osterferien.

Über die Probleme mit der digitalen Bildungsplattform lesen Sie hier mehr.

Befürchten Sie, dass das Homeschooling Kinder aus bildungsfernen Familien überproportional zurückwerfen könnte?

Diese Sorge muss man haben. Auch häusliche Gewalt ist ein Thema. Nicht jeder hat ein Haus mit Garten. Beengte Wohnverhältnisse können Aggressionen auslösen. Wir müssen sehen, wie wir damit umgehen. Aber es ist natürlich schwierig, Kinder von außerhalb der Familie zu begleiten, wenn die Kommunikation nur sehr schwer oder gar nicht möglich ist.

Entwickeln Sie schon Angebote zur besonderen Förderung der Schüler, die durch die Situation besonders beeinträchtigt werden?

Die Kinder werden mit sehr unterschiedlichem Lernstand aus dieser Phase des eigenständigen Lernens herauskommen. Wir können nicht davon ausgehen, dass alle das problemlos hinbekommen haben. Wir werden uns überlegen, wie wir denen, die sich in dieser Zeit schwergetan und Nachholbedarf haben, an der Schule besonders helfen können. Das sehe ich sehr wohl so und das müssen wir im Blick behalten.

Haben Sie besondere Empfehlungen für die Ferien?

Die Kontaktbeschränkungen werden bis zum Ende der Osterferien bleiben. Das ist eine große Herausforderung für die Familien. Deshalb machen wir Angebote, um die aktuelle Situation besser bewältigen zu können. Ich nenne das Stichwort digitaler Sportunterricht. Da können sich Kinder und Eltern, angeleitet von Sportlehrern und bekannten Sportlern in der Wohnung bewegen. Man wird sehen, wie es dann zum Ende der Ferien aussieht. Das weiß momentan niemand.

Was erwarten Sie realistisch für die Zeit nach den Osterferien?

Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, dass wir direkt nach den Osterferien wieder von Null auf Hundert starten können. Sollte die Ausbreitung des Virus bis dahin verlangsamt sein, werden wir möglicherweise schrittweise wieder mit dem Schulbetrieb beginnen. Natürlich unter verschärften Hygienevorschriften. Beispielsweise könnten an der Grundschule an einigen Tagen die Klassen eins und zwei kommen, an den anderen die Klassen drei und vier. So könnten die Abstandsvorschriften in den Klassenzimmern eingehalten werden. Man wird sich darauf einstellen müssen, dass manches erst langsam wieder anlaufen wird. Das sind alles Szenarien, die wir derzeit überlegen, eine Entscheidung gibt es hierzu noch nicht.

Die Diskussion über die Abschlussprüfungen können Sie hier nachlesen.

Könnte es sein, dass am Anfang nur die Abschlussklassen wieder kommen, um sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten?

Auch das ist ein Szenario. Die Prüflinge hätten dann mehr Platz in einem ansonsten leeren Schulgebäude. Wir prüfen unterschiedliche Szenarien für die Schulen und die Kitas. Es geht nicht darum, Panik zu verbreiten. Wir müssen auch Szenarien entwickeln für den Fall, dass es uns nicht gelingt, in der vorgegebenen Zeit die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Sind baden-württembergische Lehrer auch gehalten, schon jetzt Abschlusszeugnisse vorzubereiten, wie es offenbar in Niedersachsen gemacht wird? Damit wäre ja das Schuljahr bereits abgeschrieben.

Natürlich bereiten auch wir uns auf den Fall vor, dass die Schulen bundesweit bis zum Sommer geschlossen bleiben müssen. Allerdings gehen wir aktuell davon aus, dass wir die Prüfungen, die wir ja auf Mitte Mai verlegt haben, auch abhalten können. Insofern werden bei uns derzeit keine Abschlussnoten ermittelt.

Für die Prüfungen haben Sie diverse Änderungen vorgeschlagen. So soll beim Abitur die Zweitkorrektur in der eigenen Schule gemacht werden. Das ist vielen Lehrern nicht unsympathisch. Könnten manche Änderungen in der Zukunft erhalten bleiben?

Über das Verfahren der Zweikorrekturen wird schon länger diskutiert. Wir machen das jetzt so, weil es aus der Situation heraus sinnvoll und pragmatisch ist. Wir werden die Erfahrungen in eine Bewertung einfließen lassen. Wenn das jetzt gut läuft, wird man sich schwertun, zum alten System zurückzukehren. Sie können sicher sein, ich hätte dann auch den Mut zu sagen, das machen wir künftig anders. Das will ich nicht ausschließen. Da bin ich relativ offen. Wir sollten uns alle zutrauen, aus so einer schwierigen Phase auch etwas zu lernen.

Wie sind Sie mit der Zusammenarbeit der Länder in der Krise zufrieden?

Zu Beginn der Coronakrise hatten wir in der Kultusministerkonferenz gute Grundlagen geschaffen, etwa bei der gegenseitigen Anerkennung der Abschlüsse und flexiblen Regelungen für das Hochschulanmeldeverfahren. Richtig ist, dass immer wieder einzelne Länder ausgeschert sind. Das hat den völlig fatalen Eindruck der mangelnden Abstimmung nach außen getragen. Jetzt stimmen wir uns gut ab. Wir müssen aber auch sehen, dass wir in den Ländern unterschiedliche Belastungen durch Corona haben und auch die Verbreitung unterschiedlich ist. Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg sind besonders betroffen. Da wird man im Einzelfall auf die konkrete Situation vor Ort reagieren müssen. Aber das muss in Absprache passieren. Es muss deutlich werden, dass die Schülerinnen und Schüler, egal in welchem Bundesland, keinen Nachteil durch diese Coronakrise haben werden. Ich glaube, das haben jetzt alle Bundesländer begriffen.

Das Gespräch führte Renate Allgöwer

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