Kultusministerium nimmt Schulen in die Pflicht Lehrer warnen vor neuen Abi-Pannen

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Für das Abitur 2019 gelten in Baden-Württemberg neue Sicherheitsvorschriften und es drohen neue Pannen, befürchtet die GEW.

Für das Abi 2019 gelten neue Vorschriften. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Für das Abi 2019 gelten neue Vorschriften. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - In diesem Jahr sind die Schulleiter vermutlich mindestens so nervös vor den Abiturprüfungen wie die Abiturienten. Sie müssen an jedem Prüfungstag die Aufgaben für die zentralen Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch morgens ab sechs Uhr an ihren Schulen ausdrucken, die Ausdrucke überprüfen, zusammentackern und in die Schülermappen einlegen. Bei hundert Schülern kommen allein für das Deutschabitur schnell tausend Seiten zusammen. In Mathematik kann es leicht mehr werden. Da gibt es einen siebenseitigen Pflichtteil, dann kommen noch ausgewählte Aufgaben für jeden einzelnen Kurs aus den Bereichen Wahrscheinlichkeitsrechnung, Analysis und Geometrie hinzu.

Dieses Mal kommen die Aufgaben für die Fächer aus dem Pool für alle Bundesländer per verschlüsseltem USB-Stick an die baden-württembergischen Gymnasien. Aus Sicherheitsgründen, wie Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) betont. Morgens um sechs dürfen die Schulleiter mit ihren Fachlehrern die Aufgaben aufmachen. Den Beginn der Prüfungen für die Abiturienten hat das Kultusministerium wegen des aufwenigen Vorgehens auf neun Uhr verschoben. „Wenn das Mailpostfach sicher funktioniert, in dem das Passwort wohl frühmorgens ankommt, wenn der Stick nicht beschädigt ist und der Drucker nicht ausfällt, kann es reichen“, sagt Holger zur Hausen, der geschäftsführende Leiter der Stuttgarter Gymnasien, auf Anfrage unserer Zeitung. „Wenn der Kopierer ausfällt, haben wir ein Problem“, orakelt der Schulleiter. Er hofft, dass an allen Gymnasien im Land ein Ersatzgerät zur Verfügung steht, das möglichst nicht in das anfällige allgemeine Netz integriert ist.

Mehr Sicherheit erhofft

Ob die neue Vorgehensweise die Sicherheit erhöht, lässt zur Hausen offen. Er nimmt für die Schulleiter schon in Anspruch, dass sie mit den Abituraufgaben sehr sorgfältig umgehen und sie „gut und sicher aufbewahren“. Das vorausgesetzt könnte man sich die Mühe möglicherweise sparen. Allerdings könne die Verschlüsselung eventuell bei Diebstahl schützen, das mag er nicht beurteilen. Einbrüche im Stuttgarter Solitude-Gymnasium 2017 und im Ratsgymnasium im niedersächsischen Goslar sind jedoch der Auslöser für die erhöhten Vorsichtsmaßnahmen, wie Kultusministerin Susanne Eisenmann sagt. Wie das Verfahren auch laufen wird, fest steht für zur Hausen: „Es ist sicher keine Entlastung für die Schulleitungen“, die das Kultusministerium sonst gerne in Aussicht stelle. Der Verwaltungsaufwand steige in jedem Fall.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält nichts von dem neuen Verfahren. Das es im vergangenen Jahr an einer Schule zu einem Einbruch gekommen sei, sei kein Grund, das bisherige Verfahren nicht mehr zu praktizieren, beschwert sich die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz schriftlich bei der Kultusministerin. Bisher wurden die Aufgaben ausgedruckt einige Tage vor Prüfungsbeginn an die Gymnasien geliefert. So hält das Ministerium es auch weiterhin mit den anderen Prüfungsfächern, die nicht im zentralen Pool der Kultusministerkonferenz sind.

GEW hält Verfahren für nicht akzeptabel

Moritz befürchtet, dass „die Gefahr von Pannen um ein Vielfaches größer wird, wenn jede Schule ganze Aufgabensätze kopieren und sortieren muss“. Sie listet zahlreiche Bedenken auf und kommt zum Schluss, „das Verfahren ist nicht akzeptabel“. Die Verantwortung für die Durchführung des Abiturs werde vom Kultusministerium auf die Schulleitungen abgewälzt, kritisiert Moritz. „Das sichere Aufbewahren der Aufgaben wird ihnen dagegen nicht zugetraut“, schreibt die GEW-Chefin an die Kultusministerin in einem Brief, der unserer Zeitung vorliegt.

Das Kultusministerium verweist darauf, dass es eine Auflage des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) sei, dass die Aufgaben nicht zu lange in den Schulen lagern. Die Hälfte der Länder würden ein Download-Verfahren nutzen. Allerdings wollte sich beispielsweise Bayern auf Anfrage unserer Zeitung nicht dazu äußern, wie der Freistaat verfährt. Aus Sicherheitsgründen gebe man keine Details bekannt, sagte ein Sprecher von Kultusminister Michael Piazolo.

Blind will sich das Kultusministerium nicht auf das Verfahren verlassen. An 40 Schulen ist für Februar ein Probelauf geplant, „um das neue Verfahren zu testen und mögliche Schwierigkeiten rechtzeitig beheben zu können“, wie Ministerin Eisenmann unserer Zeitung sagte. Die Erkenntnisse daraus werden in einem Handbuch für alle etwa 400 Gymnasien zusammengefasst. „Unser oberstes Ziel ist es, dass die Prüfungen an allen Schulen möglichst reibungslos verlaufen“, erklärt Eisenmann. Das „Sicherheitsrisiko“ will sie „so minimal wie möglich halten.“ Der Ernstfall beginnt am 30. April. Dann fangen die Prüfungen traditionell mit Deutsch an.