Kundgebung vor Rems-Murr-Klinik in Winnenden Die Anerkennung soll bleiben

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Auf einer Kundgebung vor dem Rems-Murr-Klinikum in Winnenden fordern Gewerkschafter Korrekturen im Gesundheitssystem und eine dauerhaft bessere Entlohnung der Pflegekräfte.

Rund 70 Klinikmitarbeiter demonstrieren in Winnenden für bessere Arbeitsbedingungen. Foto: Gottfried Stoppel
Rund 70 Klinikmitarbeiter demonstrieren in Winnenden für bessere Arbeitsbedingungen. Foto: Gottfried Stoppel

Winnenden - Helga, die ihren richtigen Namen nicht gerne in der Zeitung lesen möchte, fühlt sich nicht explizit als „Heldin der Corona-Pandemie“, wenngleich sie ganz sicher ihren Beitrag geleistet hat, dem Virus zu trotzen. Die 53-Jährige denkt vielmehr, als Krankenschwester auf einer Intensivstation am Rems-Murr-Klinikum schon immer einen verantwortungsvollen Job gemacht zu haben – und das allerdings nicht erst seit März diesen Jahres unter schwierigen Bedingungen. Am Mittwochabend hat sich die erfahrene Pflegefachkraft mit rund 70 Klinikbeschäftigten vor dem Krankenhaus in Winnenden in eine Kundgebung eingereiht. Mehrere Gewerkschaften sowie das Bündnis „Solidarität und Klassenkampf“ hatten dazu aufgerufen, um auf Missstände im Gesundheitssystem hinzuweisen.

Für immer mehr Patienten immer weniger Zeit

Denn dieses System, so Sabine Diener, Vertrauensfrau der Gewerkschaft Verdi und Betriebsrätin an den Rems-Murr-Kliniken, sei spätestens seit der Einführung der Fallkostenpauschalen selbst ein Krankheitsfall. Ausbaden müssten das die Klinikbeschäftigten, Ärzte und Pflegekräfte. Diener: „Für immer mehr Patienten bleibt immer weniger Zeit.“

Corona habe diese Leistungen kurzfristig in den Blickpunkt gerückt, doch die Welle der Anerkennung, die bei den Pflegekräften angekommen sei, ebbe bereits wieder ab, sagt Christa Walz, die Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Und es sei zu befürchten, dass bei den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst gar nichts mehr davon zu spüren sein werde. Für einen Affront hält sie schon jetzt, dass bei der von der Bundesregierung avisierten Sonderprämie ausgerechnet das Krankenhaus-Pflegepersonal ausgenommen werde.

Drei Millionen Euro würde diese Einmalzahlung in Höhe von je 1500 Euro bei rund 2000 Pflegekräften in den Rems-Murr-Kliniken kosten. Geld, das vielleicht der Träger notfalls selbst aufbringen könnte, wie Christa Walz fordert?

Dem hat der Landrat Richard Sigel freilich bereits eine Absage erteilt. Der Landkreis müsse zwar nach den Ankündigungen die berechtigten Enttäuschungen ausbaden, sieht sich dabei jedoch falsch adressiert. „Ich erwarte vom Bund, dass bei dem Tarifvertrag für die Beschäftigten in den Kliniken nachgebessert wird“, hat Sigel unlängst in der jüngsten Sitzung des Kreistags gesagt und hinzugefügt: „Wenn man schon keine Prämien für Pflegepersonal in Kliniken zahlen möchte, dann sollte zumindest der Tarifvertrag eine angemessene Entschädigung vorsehen.“

Solidarität über Berufsgruppen hinweg

Die 1500 Euro hätten allerdings auch nur der Anfang für eine angemessene Wertschätzung der Arbeit sein sollen, sagt Matthias Fuchs, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Ludwigsburg-Waiblingen. Vertreter der Industriegewerkschaft haben sich am Mittwochabend zu jenen von Verdi und dem DGB gesellt, um Solidarität zu zeigen. Denn wichtig sei gerade in diesen Zeiten zu betonen, dass Arbeit branchenübergreifend angemessen honoriert werden müsse – auch, aber nicht nur in Berufsgruppen, die plötzlich als „systemrelevant“ bezeichnet würden.

Das sieht auch Johanna, Krankenschwester an einem Stuttgarter Krankenhaus, ähnlich. Die junge Frau, die sich im Bündnis „Solidarität und Klassenkampf“ engagiert, äußert die Sorge, dass die Folgen der Wirtschaftskrise auf die Arbeitnehmer abgewälzt würden. Für ihre eigene Berufsgruppe gelte: „Wir haben viel ernst gemeinten Applaus bekommen, aber auch viele leere Worte gehört.“

Die Enttäuschung über die zurückgenommene Prämie hält sich bei der Intensivkrankenschwester Helga in Grenzen. Einerseits habe sie ohnehin nicht damit gerechnet, sagt sie, andererseits wäre die Einmalzahlung nicht mehr als eine Aufmerksamkeit gewesen. Viel wichtiger wären ihr eine dauerhafte Wertschätzung ihrer Arbeit und Bedingungen, bei denen im Vordergrund stehe, was ein Patient brauche und nicht was die Behandlung seiner Krankheit kosten dürfe.




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