Kunst-Aktion am Killesberg 1041 Kothaufen für mehr Toleranz

Von Martin Braun 

250 Kilogramm Lehm, Ton und Erde: Weit mehr Kot-Attrappen als bislang bekannt wurden in der Nacht auf Montag am Killesberg ausgelegt. Die Aktion richtete sich aber nicht gegen Hunde oder deren Besitzer.

Aus 250 Kilogramm Ton, Erde und Lehm  entstanden 1041 handgefertigte Kothaufen –  jeder individuell und irgendwie doch alle gleich. Ausgelegt wurden sie am Killesberg. Foto: privat 7 Bilder
Aus 250 Kilogramm Ton, Erde und Lehm entstanden 1041 handgefertigte Kothaufen – jeder individuell und irgendwie doch alle gleich. Ausgelegt wurden sie am Killesberg. Foto: privat

Feuerbach - Am Abend des vergangenen Montags erreichten die Polizei gleich mehrere Anrufe aus der Gegend um die Lenbachstraße. Besorgte Bürger hatten auf dem Killesberg zahlreiche Kothaufen gesichtet und daraufhin getan, was getan werden musste: Sie wandten sich an die Ordnungshüter. Ob die Anrufe auf dem Revier oder über den Notruf eingingen, konnte der Pressesprecher nicht mehr eruieren. Wohl aber, dass von den braunen Haufen keine Gefahr ausging. „Es sind nicht alle eingesammelt oder gezählt worden“, sagt der Polizeisprecher. Von mehr als 100 Hundekotattrappen war in den Pressemeldung der Polizei die Rede. Nun ist klar: Das ist nur die halbe Wahrheit!

„Es ging uns nie um eine Hundekot-Debatte“, sagen die Initiatoren der Aktion. Frida Innenhof und Günther Mailand nennen sich die beiden Künstler, die das Ganze ausgeheckt haben. Es tue ihnen leid, wenn Hundebesitzer sich dadurch an den Pranger gestellt fühlten. Ihren Imitate seien gar nicht von tierischen Hinterlassenschaften, sondern von menschlichen Ausscheidungen inspiriert gewesen.

Die Haufen sind ein reines Bio-Produkt

Auch die Zahl der Kot-Attrappen muss gegenüber den bisherigen Annahmen drastisch nach oben korrigiert werden: Insgesamt 1041 Haufen seien ausgelegt worden am Montagabend, berichten Innenhof und Mailand. Unterstützt wurden die beiden dabei von einem Team von rund zwanzig Leuten. Knapp 250 Kilogramm Rohmasse haben sie für die Haufen verarbeitet, ein Ton-Erde-Lehm-Gemisch. „Ein komplettes Bio-Produkt", betonen die Künstler. Die Haufen seien nur luftgetrocknet und nicht gebrannt worden: „Die werden sich mit dem nächsten stärkeren Regen wieder auflösen.“ Ihnen war es wichtig, keine bleibenden Schäden anzurichten. Um Irritation und Provokation sei es ihnen sehr wohl gegangen.

„Aus einer künstlerischen Sicht könnte man sagen, dass Kunst nur dann gut ist, wenn sie Reaktionen hervorruft“, sagt Innenhof. Die Halbhöhenlage sei ein Aushängeschild Stuttgarts, deswegen seien sie dort zur Tat geschritten. Die Aktion sollte kein persönlicher Angriff auf die Menschen dort sein, sondern eine symbolische Kraft entfalten. „Wir wollten über die Sprache des Kots auf die Menschen zugehen“, erklärt Mailand. Dabei berufen sie sich auch auf Heinrich Heine: „Selten habt Ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich Euch, Nur wenn wir im Koth uns fanden, So verstanden wir uns gleich“ rezitieren sie aus einem seiner drei und dreißig Gedichte.

Stuttgart biete zu wenig Raum für Kreativität

Als einen Appell an das Verstehen, an die Toleranz der Stuttgarter, wollen sie ihre Aktion verstanden wissen. „Wir empfinden ein gewisses Unbehagen gegenüber Stuttgart“, sagen die Beiden. Sie fühlten sich hier eingeschnürt, angesichts der Dominanz ökonomischer Fragestellungen. Eine Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit sei aber wichtig für eine Stadt. Im Kessel, wo nicht nur der Raum für Diskussionen, sondern auch der Lebensraum an sich begrenzt sei, stehe jedoch die Wirtschaft über allem, und dadurch bliebe zu wenig Raum für andere Perspektiven und Lebensentwürfe.

„In Stuttgart geht durch die Glattheit und die Über-Ordentlichkeit viel Raum für Kreativität verloren“, sagt Innenhof. Beide betonen, dass diese Kehrwochenmentalität, wie Mailand es nennt, auch gute Seiten habe. Vor allem hinsichtlich der Sauberkeit werde in Stuttgart aber eine Extremität an den Tag gelegt, die fast schon zum Zwang werde. Aus dieser als zwanghaft wahrgenommenen Sauberkeit und der Dominanz des Geschäftemachens sei letztlich die Idee geboren worden, den Kot als Kommunikationsweg zu wählen.

Sonderthemen