Kunst auf Kreuzfahrt Der perfekte Rahmen
Kunst an Bord von Kreuzfahrtschiffen ist ein Trend, der Farbe ins Spiel bringt. Wir stellen einige schwimmende Museen vor.
Kunst an Bord von Kreuzfahrtschiffen ist ein Trend, der Farbe ins Spiel bringt. Wir stellen einige schwimmende Museen vor.
Wer ständig mit dem Aufzug fährt, bewegt sich nicht nur zu wenig. Man verpasst auch jede Menge Kunst im Treppenhaus. Die Fotografie „Mirror Stage for Merce“ des dänischen Künstlers Olafur Eliasson zum Beispiel, zwischen Deck vier und fünf, Steuerbord. Oder die Lithografie „Merci d’Indiquer“ des deutsch-französischen Grafikers Hans Hartung kurz vor der Rezeption auf Achtern. Auf dem Kreuzfahrtschiff „Europa 2“ sind rund 890 Kunstwerke verteilt – in den Restaurants und Bars, in den Suiten, auf den Gängen, am Pool. Die Skulpturen, Plastiken, Ölgemälde, Fotografien und Installationen wurden von der Kunstagentur International Corporate Art in Oslo ausgesucht, teils als Auftragsarbeit erschaffen, angekauft und seegangssicher verschraubt. Über den Wert hüllt sich Hapag-Lloyd Cruises in Schweigen, es dürften sich um einige Millionen Euro handeln.
Um die Sammlung zu verstehen und in voller Schönheit genießen zu können, empfiehlt sich eine kostenfreie Entdeckungstour. „Es macht mir Freude, den Gästen die Augen zu öffnen“, sagt Melanie Battaglia. Die Kunstexpertin aus Berlin gehört zu einem kleinen Kreis an Galeristen, die die Reisen der „Europa 2“ im Wechsel begleiten. Ihr Job ist es, Kunst auszuwählen, die man an Bord kaufen kann. Das Angebot wechselt, die bordeigene Galerie wird von verschiedenen Anbietern in ganz Deutschland bespielt.
Eine Handvoll Gäste hat sich zum Spaziergang zusammengefunden. Battaglia zeigt ihre Lieblingsstücke der ständigen Sammlung. „Das ist das Besondere. Weil wir verschiedene Galeristen haben, sind die Kunstführungen immer anders“, sagt Melanie Battaglia. Auf jeden Fall geht man von nun an viel aufmerksamer über die Flure.
Auch die jüngsten Schiffe der sogenannten Edge-Klasse von Celebrity Cruises verstehen sich als schwimmende Museen. Jeweils mehr als 4000 Kunstwerke sind mit an Bord, darunter sehr auffällige Werke wie ein überdimensionaler Tintenfisch auf dem Pooldeck der „Celebrity Ascent“. Die silbern glänzende Plastik wurde vom australischen Bildhauer Todd Lyndon Stuart entworfen. Auf dem Schwesterschiff „Celebrity Edge“ steht ein lebensgroßes Pferd aus Bronze. Das Kunstwerk namens „Arion“ stammt von der britischen Bildhauerin Sophie Dickens. Auch Celebrity Cruises bietet den Passagieren Kunstrundgänge an. Die „Art, Architecture & Design“-Tour dauert 75 Minuten und kostet umgerechnet 50 Euro.
Kunst an Bord ist ein Trend. Und der zeigt sich in verschiedenen Varianten – von grellbuntem Kitsch bis zu hochwertigen Werken, um die sich auch Museen reißen würden. Egal, ob Luxusliner oder Massenmarktschiff: Überall gibt es Wände, die gefüllt werden wollen, Lobbys und Atrien, in denen sich eine auffällige Leuchte gut macht, Pools, neben denen man Skulpturen oder Plastiken platzieren kann. Manchmal geht es nur darum, etwas Farbe ins Spiel zu bringen. Doch vor allem Anbieter im gehobenen Preissegment wollen ihrer anspruchsvollen Klientel Besonderes bieten. Da reicht kein Billigdruck aus dem Möbelhaus, es muss schon ein Werk von Weltrang sein. Nichts wird dem Zufall überlassen, die Verteilung der Kunst ist von Baubeginn an eingeplant.
Bei Hapag-Lloyd Cruises kann man auf der „Europa 2“ zum Beispiel eine Kabine buchen, in der ein Schmetterling-Bild des britischen Konzeptkünstlers Damien Hirst hängt. Auf der „Explora I“ von Explora Journeys fahren Werke bekannter Pop-Art-Meister wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein mit. Es handelt sich um Leihgaben aus einer Privatsammlung. „Das Thema Kunst ist Teil unserer DNA und wird daher von unserer Eigentümer-Familie persönlich sehr sorgfältig kuratiert“, sagt Sebastian Selke, der als General Manager bei Explora Journeys für den deutschsprachigen Raum zuständig ist. Auf der „Seven Seas Splendor“ von Regent Seven Seas Cruises gibt es sogar zwei Schöpfungen von Pablo Picasso. „Le Taureau Noir“ und „Notre Dame de Vie“ sind neben zwei Werken von Joan Miró die Highlights einer 300 Teile umfassenden und fünf Millionen US-Dollar teuren Sammlung.
Auf der „Seven Seas Grandeur“, dem neuesten Flottenmitglied aus dem Jahr 2023, sind 1600 Kunstwerke im Wert von sechs Millionen US-Dollar ausgestellt. Zu den Glanzstücken gehört das erste Fabergé-Ei, das sich dauerhaft auf See befindet und extra dafür angefertigt wurde – aus 18-karätigem Weißgold, verziert mit Perlen, weißen Diamanten und Opalen. „Das „Journey in Jewels“-Ei von Fabergé x Regent ist von den Farben des Meeres inspiriert; das Blau und das Grün des Wassers, das im Sonnenlicht reflektiert und glitzert, und durch Wasser in seinen verschiedenen Formen“, erklärt Sarah Fabergé, die Urenkelin des berühmten Juweliers Peter Carl Fabergé.
Diese Sammlung wird kuratiert von einer reedereieigenen Kunsthistorikerin. „Unser Ziel ist es, die beeindruckendsten Kunstwerke ausfindig zu machen und zu beschaffen und eine Sammlung aufzubauen, um die uns die meisten modernen Museen beneiden würden. So stellen wir sicher, dass die Zeit unserer Gäste an Bord genauso bereichernd und anregend ist wie die Zeit an Land“, sagt Sarah Hall Smith. Damit die Gäste auch verstehen, was da herumhängt oder -steht, hat das Unternehmen eine virtuelle Kunsttour entwickelt, die man in der schiffseigenen App abspielen kann.
Die zum selben Konzern gehörende Norwegian Cruise Line (NCL) gestaltet sogar die größte denkbare Fläche als Kunstwerk: die Außenseiten ihrer Schiffe. Während andere Ozeanliner eher klassisch in dezentem Weiß oder Dunkelblau daherkommen und höchstens mal einen Kussmund aufgemalt haben, trägt man bei NCL richtig dick auf. Muster, Farben, Figuren und alles in XXL.
Das gerade frisch getaufte neueste Flottenmitglied „Norwegian Aqua“ wurde von Allison Hueman gestaltet, eine Street-Art-Künstlerin mit philippinisch-amerikanischen Wurzeln aus Oakland in Kalifornien. Die farbenfrohe Mischung aus abstrakten und figurativen Darstellungen von Meer und Himmel trägt den Titel „Where the Sky Meets the Sea“. Das mythologische Treffen von Himmel und Meer wird bevölkert von antiken Göttinnen. „Ich fühle mich geehrt, nicht nur die erste weibliche Künstlerin für Norwegian Cruise Line zu sein, sondern auch zu wissen, dass meine Kunst auf See verschiedene Teile der Welt berühren wird“, sagt Allison Hueman.
Kunst gibt es bei NCL aber nicht nur weithin sichtbar außen, sondern auch innen. „Ich würde sagen, dass jedes neue Schiff von NCL im Durchschnitt zwischen 300 und 600 einzelne Kunstwerke enthält“, sagt Sarah Hall Smith, die schätzt, „dass es flottenweit etwa 11 000 Kunstwerke gibt“.
Falls jemand angesichts all dieser inspirierenden Eindrücke Lust bekommt hat, die Wohnung daheim umzudekorieren, ist die nächste Quelle nicht weit. Auf fast jedem Kreuzfahrtschiff kann man neben Mode und Schmuck auch Kunst kaufen. Auf der „Mein Schiff“-Flotte von Tui Cruises gibt es zum Beispiel Filialen von Queens Kunstgalerien mit Sitz im südbadischen Emmendingen. Falls die Fotografien und Gemälde nicht mehr in den Koffer passen, wird das Souvenir auf Wunsch auch nach Hause geschickt.