Kunst in Bad Cannstatt Marc Chagalls Welt in der Steigkirche
Das Werk des jüdischen Malers Marc Chagall (1887-1985) ist nicht nur eindrucksvoll, sondern auch aktueller denn je, wie die Ausstellung in Bad Cannstatt zeigt.
Das Werk des jüdischen Malers Marc Chagall (1887-1985) ist nicht nur eindrucksvoll, sondern auch aktueller denn je, wie die Ausstellung in Bad Cannstatt zeigt.
Insgesamt 13 Werke von Marc Chagall, zumeist Lithografien von Mourlot in Paris gedruckt und teilweise von seinem zuständigen Lithografen Charles Solier namentlich bezeichnet, sind derzeit in der Steigkirche zu sehen. Sie erzählen nicht nur von den Themen Krieg, Flucht, Vertreibung und Exil. Themen, die auch das derzeitige Weltgeschehen im Nahen Osten bestimmen. Pfarrerin Shari Georges freut sich sehr, dass Thomas Niecke von der Galerie Keim die Ausstellung möglich macht. Zu sehen sind auch einige Motive aus dem Alten Testament, wie etwa die Ährenleserin Ruth und Moses mit den Gesetzestafeln.
Georges gefällt das Werk des russisch-französischen Malers, weil „er das Universelle malt und auch mehrere Religionen mit hineinarbeitet.“ Das zeigt sich etwa beim biblischen Bild von „Jona sur Fond Bleu“, die Kostbarkeit der Ausstellung, wie Niecke erklärt. Die Lithografie von 1972 in Schwarz-Weiß ist signiert und limitiert. Das Bild zeigt, wie Jona laut der didaktischen Lehrerzählung vom Walfisch geschnappt wird, worüber die Seemänner – im Hintergrund in einem Boot – entsetzt sind. Zuvor hatten sie wegen eines Gewitters jeder zu seinem Gott gebetet. Der Moment vereint verschiedene Religionen. Und die Lehre der Jona-Geschichte erklärt Georges so: „Ohne Barmherzigkeit gibt es keinen Frieden“. In der biblischen Erzählung bleibt Ninive vom Untergang verschont, nachdem die Bewohner Reue gezeigt haben. Auch Chagalls Bild von Jesaja erinnere an den Propheten, der viele Kriegserfahrungen verarbeitet hat. Und die Pfarrerin weist darauf hin, dass Chagall selbst mehrere Kriege und mitunter Todesangst erlebt hatte. „Und wäre er nicht durch Amerikaner gerettet worden“, sagt Niecke, „wäre er sicherlich deportiert worden“.
Georges betont: „Chagall wusste, wie es ist, Verluste zu erleben. Er hat ins Leben zurückgefunden.“ Er hat nicht nur seine erste Frau Bella verloren, auch seine Heimat. Die Bilder zeigen neben der Dramatik auch sehr viel Magisches. „Chagall war Surrealist und malte expressiv“, sagt Niecke. Farbenprächtig erstrahlt die großformatige Lithografie zur Zauberflöte. Das Plakat entstand anlässlich der Erstaufführung von Mozarts Zauberflöte in der Metropolitan Opera New York am 19. Februar 1967, zu der Chagall das Bühnenbild und die Kostüme entwarf. Surreale Träume wie „Das nächtliche Vence“ ergänzen die Schau. Nicht minder farbenprächtig sind die Entwürfe für Glasfenster in Jerusalem.
Niecke hat 2002 bei einer Überprüfung von Chagall-Werken auf ihre Echtheit beim Komitee Chagall in Paris auch die Enkelin Meret Meyer aus der Schweiz kennengelernt. Er hat familiäre Bezüge zu Chagalls künstlerischen Anfängen: „Meine Urgroßmutter, geboren in Brüssel, ging um 1900 an den Zarenhof nach St. Petersburg als Gouvernante, mein Urgroßvater war dort Architekt.“ Dessen Urenkel war Direktor bei einer Kunstakademie in St. Petersburg, an der Chagall 1906 Unterricht nahm. Es ist offen, ob sie sich damals kennengelernt haben.
Die Ausstellung in der Steigkirche, Auf der Steig 21, in Bad Cannstatt, ist noch bis zum 6. Januar 2024 zu sehen: freitags von 16 bis 18 Uhr und sonntags jeweils eine Stunde nach dem Gottesdienst, der um 9.30 Uhr beginnt. Weitere Informationen gibt es bei Thomas Niecke, Telefonnummer 0711/ 56 84 98 und beim Gemeindebüro der Steigkirche unter 0711/54 44 06.