Kunst, die politische Diskurse anregt, zeigt Sebastian Schmitt in der Esslinger Villa Merkel. Im Jahresprogramm setzt er auf spannende junge Positionen.
Das Material, aus dem Mobiltelefone sind, beschäftigt die Künstlerin Ivana de Vivanco. Denn um ein Handy herzustellen, wird Lithium gebraucht. Für diesen Luxus der reichen Länder werden Menschen und ihre Rohstoffe in der Atacama-Wüste in Chile ausgebeutet. Dieses Ungleichgewicht untersucht die chilenisch-peruanische Künstlerin, die in Berlin lebt. „In Zeiten politischer Zerrissenheit hält Kunst die Gesellschaft zusammen“, findet Sebastian Schmitt, den Leiter der Galerie Villa Merkel in Esslingen. „Wie klingt das Weinen einer Schlange?“ heißt die Ausstellung.
Im Jahresprogramm des städtischen Ausstellungshauses setzt der Kurator deshalb auf Kunstschaffende, die gesellschaftliche Diskurse anregen. Die Kunst hat nach Schmitts Worten die Kraft, Menschen ins Gespräch zu bringen und ihnen Halt zu geben. Gerade in Zeiten, da die Demokratie in Gefahr ist, sieht der Galeriechef diese Aufgabe als besonders wichtig an. Der „Bildungsauftrag der Kunst“ steht da für ihn im Vordergrund. Die Ausstellung wird am Sonntag, 8. März, eröffnet – das ist auch der Tag der Landtagswahl. Die Arbeiten sind bis 7. Juni zu sehen.
Parallel zeigt Schmitt in den Galerieräumen die Ausstellung „Anti Heroes“. Da bringt er den Kunstsammler Lukas Jakob, Jahrgang 1998, und den ehemaligen Bahnwärter-Stipendiaten Grischa Hyazinth Kaczmarek zusammen. Da geht es um Männer, die sich bewusst gegen das Bild vom Helden stellen. „Beide verbindet die Auseinandersetzung mit postheroischer Männlichkeit, queere Identität und Populärkultur“, bringt Schmitt die Konzeption dieser Ausstellung auf den Punkt.
Kulturvermittlung schafft niederschwellige Zugänge zur Kunst
Gerade mit der Schau „Anti Heroes“ nimmt die Galerie die künstlerischen Ausdrucksformen und die Themen der „Gen Z“ in den Fokus, die Jahrgänge zwischen 1995 und 2010. Sebastian Schmitt ist es wichtig, gerade das junge Publikum für Kunst und Kultur zu begeistern. Da baut er auch auf das engagierte Team der Kunstvermittlung, das niederschwellige Zugänge zu den ästhetischen Formaten schafft. Kunst sei gerade für diese Generation nichts Elitäres.
„In Zeiten politischer Zerrissenheit hält Kunst die Gesellschaft zusammen. Deshalb ist es uns wichtig, in der Villa Merkel Diskurse anzuregen.
Sebastian Schmitt Galeriechef
Den Kulturbegriff breit zu fassen, ist Schmitt wichtig. Mit dem „Stadtacker für Vielfalt“ beim Gärtnerhaus der Villa Merkel bringen die Kulturvermittlerinnen Menschen zusammen, die sich fürs Gärtnern interessieren. Besonders spannend findet es der Galeriechef, gerade weniger kulturaffines Publikum für die Ausstellungen zu begeistern. „Viel Publikum gewinnen wir im Sommer auch durch den Kulturkiosk „fuenfbisneun.“ Im Merkelpark gönnen sich da an schönen Sommertagen viele Menschen aus der Stadt einen Aperol Spritz, ein Bier oder eine Limo. Dazu spielen an vielen Tagen Bands umsonst und draußen.
Die Schweizer Künstlerin Julia Steiner, Jahrgang 1982, aus Basel verbindet raumgreifende Zeichnungen, die ortsbezogen entstehen, mit Installationen und plastischen Werken. Ihre großformatigen Zeichnungen, die sich mit Natur und Vergänglichkeit beschäftigen, sind vom 9. Juli bis 4. Oktober zu sehen. Im Kontrast zur filigranen Zeichenkunst stehen die Werke von Olaf Holzapfel und Raul Walch, die im selben Zeitraum in der Villa zu sehen sind. Die Fachwerk- und Flechttechniken Holzapfels und die Textilinstallationen von Walch unterscheiden sich künstlerisch nicht nur durch die Techniken. Inhaltlich haben die beiden aber vieles gemein. Ökologische und soziale Fragen beschäftigen beide.
Eine feste Größe im Programm der Villa ist die Werkschau der Meisterschüler des Weißenhof-Programms der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Bereits zum zehnten Mal stellen die Absolventen des Studiengangs ihre Werke in Esslingen aus. „Mir ist es besonders wichtig, dass wir diesen Draht zur Akademie haben“, sagt Sebastian Schmitt.
Der Galeriechef und sein Team finden es eine große Bereicherung, mit den Künstlerinnen und Künstlern ein eigenes Konzept für die Schau zu entwickeln. Der nächste Jahrgang stellt vom 22. Oktober bis zum 23. November aus. „Junge Kunst zu fördern und zu entwickeln, ist eine wichtige Aufgabe für eine städtische Galerie wie unsere“, ist Schmitt überzeugt. Um spannende neue Handschriften in der jungen Kunstszene zu entdecken, ist er nicht nur auf Kunstmessen wie der ART Basel und der ART Karlsruhe unterwegs. Junge Kunstschaffende auf ihrem Weg zu begleiten und zu fördern, findet er einen besonders schönen Aspekt seiner Arbeit.