Kunst in S-Mitte Von der Seele auf die Leinwand

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Menschen, die im Überleben erprobt sind, malen und verkaufen Bilder in der Galerie Sichtbar an der Katharinenstraße. Sie haben in einem Projekt mit Schülern der Fuchsrainschule zusammengearbeitet.

Mitglieder der Kunstgruppe „Outsider“ und Schüler der Fuchsrainschule machten gemeinsam Kunst, während eines Projekts  in der Galerie Sichtbar. Foto: Cedric Rehman
Mitglieder der Kunstgruppe „Outsider“ und Schüler der Fuchsrainschule machten gemeinsam Kunst, während eines Projekts in der Galerie Sichtbar. Foto: Cedric Rehman

S-Mitte - Nein, dunkle Farben dürften auch mal sein, so wie düstere Tage, meint die freischaffende Künstlerin Tania Lindner. Sebo ist trotzdem froh, dass er mittlerweile auch gern zu einer anderen Tube greift als der schwarzen oder der grauen. „Das war ein Prozess“, meint der 48-Jährige. Mehr als seinen Rufnamen will er nicht nennen. Dafür erzählt er von Depressionen, die Medikamente bisweilen nur schwer beherrschten.

Sebo sitzt an einem Tisch im hinteren Raum der Galerie Sichtbar an der Katharinenstraße. Die Caritas eröffnete die Galerie im März. Mitglieder der Caritas-Kunstgruppe „Outsider“ wie Sebo, sollten die Gelegenheit erhalten, Bilder der Öffentlichkeit zum Kauf anzubieten. Ein Mann mit einer Raucherstimme sitzt um die Ecke an dem Tisch in der Galerie. Sein Knarzen würde den Cowboy von Marlboro eifersüchtig machen. Er nennt wie Sebo nur seinen Spitznamen und stellt sich als „Wolle“ vor. Zwischen ihnen hat ein weiteres Mitglied der „Outsider“ Platz genommen. Leonor Grehan gibt ihren bürgerlichen Vor-. und Nachnamen an. Drei Schüler der Fuchsrainschule sitzen den drei Erwachsenen gegenüber: Die neunjährige Miya Burkhardt, der zehnjährige Gregor Behrensen und die elfjährige Sophie Lindner. Sie werden am Samstag, 14. Juli, während eines Projekts mit den „Outsidern“gemalte Bilder zum Kauf anbieten.

Schüler und Erwachsene malen zusammen

Tania Lindner leitet sowohl die Kunstgruppe der Caritas als auch eine Gruppe, an der die Schüler privat teilnehmen. Die beiden Gruppen seien sich künstlerisch schon begegnet, weil sie ihnen ähnliche Techniken beigebracht habe, meint die Künstlerin. „Da dachte ich, es wäre spannend, sie auch zusammenzubringen“, sagt Lindner. Kinder und Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, die zum Teil in die Obdachlosigkeit abgerutscht sind – es klingt nach einem gewagten Experiment. Gregor Behrensen beantwortet die Frage, wie die Schüler auf das Projekt mit den „Outsidern“ vorbereitet worden sind. „Uns wurde erklärt, dass die Erwachsenen in der Gruppe traurige Sachen erlebt haben, aber uns hat das nichts ausgemacht“, sagt er. Und die Erwachsenen? Fiel es ihnen schwer, Dinge mal nicht aussprechen zu können, die Kinder noch nicht verstehen können? Sebo lacht und vergleicht die Fröhlichkeit in der gemischten Gruppe mit seinen Antidepressiva. „Das hier hat besser gewirkt“, sagt er.

In der Galerie hängen Bilder, die Einblick geben in Seelen. Da ist das Bild eines Stierskeletts mit einem Totenschädel. Daneben hängt ein weiteres Bild: Der Stier hat nicht nur Fleisch an den Knochen, er ist in einem satten Blau gemalt. „Das zweite Bild entstand nach dem ersten“, erklärt Lindner. Sie klingt wie eine Therapeutin, die stolz ist, dass ihr Medikament anschlägt.

Rund 20 Männer und Frauen malen in der Kunstgruppe „Outsider“. Wer ein Bild von ihnen kaufe, erwerbe auch ein Zeugnis einer bewegten Lebensgeschichte, meint Lindner. Sie hofft, dass es auch künftig Kooperationen zwischen den „Outsidern“ und Schulen geben wird. „Das ist für alle ein Gewinn“, sagt sie. Lindner zeigt ein Video von der Arbeit mit den Schülern der Fuchsrainschule. Es zeigt Sebos Lernprozess bei der Auswahl von Farben. Er greift gerade zur schwarzen Tube, als die ganze Gruppe: „Nein!“ ruft. Sebo lacht und nimmt stattdessen Beige.

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