Kunst-Projekt zu häuslicher Gewalt Alpträume im Eigenheim

Eindruck vom Projekt „KeinFamilienHaus“. Foto: Citizen Kane Kollektiv/Alexander Wunsch
Eindruck vom Projekt „KeinFamilienHaus“. Foto: Citizen Kane Kollektiv/Alexander Wunsch

Häusliche Gewalt gehört zum Pandemie-Alltag. Das Citizen Kane Kollektiv überführt das Phänomen künstlerisch und dokumentarisch in den virtuellen Raum.

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Stuttgart - Langes, brünettes Frauenhaar fließt über die Treppe vom ersten Stock bis hinunter ins Erdgeschoss des Hauses, das gerade von der Stuttgarter Performance-Gruppe Citizen Kane Kollektiv im Stadtteil Degerloch bespielt wird. Ein Mann hockt barfüßig in Unterhosen und T-Shirt auf den Stufen und knibbelt an den Fingern. Nervös pulst der Sound eines Synthesizers im Hintergrund. Im Kopf des Mannes entlädt sich ein aggressiver Monolog gegen sich selbst und seine Partnerin, die ihn offenbar im Streit mit seinen Unzulänglichkeiten konfrontiert hat. Vom eigenen Gedankenstrom überwältigt, stapft der Mann über die Strähnen nach oben. „Escalation“ heißt die bedrückende Videoinstallation von Jürgen Kärcher, ein Teil des vielgestaltigen Citizen-Kane-Projekts „KeinFamilienHaus“ zum Thema häusliche Gewalt. Eine Arbeit zur Zeit, weil physische und psychische Übergriffe mehr denn je zum Alltag von Menschen gehören, die seit Monaten auf die soziale Keimzelle namens Familie beschränkt sind. Ein Umstand, der in der freien Szene in Stuttgart weitere Künstler wie die Tänzerin und Choreografin Eva Baumann umtreibt, deren Stück „Schattenkind“ über mütterliche Gewalt erst zu einem unbestimmten Termin nach Neujahr stattfinden kann. Auch „KeinFamilienHaus“ erschließt sich nicht wie geplant im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung, sondern findet ausschließlich virtuell statt.

Performancekunst und Psychologie-Erkenntnisse im Livestream

„Every Dreamhome a Heartache“ ächtete der Sänger Bryan Ferry schon 1973 das bürgerliche Mittelstandsidyll als Hort von Leid und Schmerz, doch bis heute fällt es schwer, über Beziehungsgewalt offen zu sprechen. Die Akteure des Citizen Kane Kollektivs versuchen nun, Ansätze der Performancekunst mit Erkenntnissen aus Psychologie, empirischer Forschung und sozialtherapeutischer Arbeit zu verknüpfen.

Zentral sind dabei einstündige Gesprächsrunden mit verschiedenen Kunstschaffenden und Experten, die zwischen dem 4. und 12. November allabendlich von 21 Uhr bis 22 Uhr live bei Youtube übertragen werden und im Anschluss dauerhaft verfügbar bleiben. Dazu gibt es ein über hundert Seiten starkes Magazin mit verschiedenen Texten, mal in Prosaform, mal als Interview, Essay oder sachliche Selbst-Reflexion. Da ist etwa Paula Peters´ wahres „Märchen vom Opferentschädigungsgesetz“, Christian Müllers Familienhorrorfantasie „Vaters Spinne“ oder Ralf Bolles psychoanalytischer Essay „Wie kommt der Mann in das Kind, wie der Täter in den Mann?“, der die Ursachen männlicher Aggression erörtert. Das Material ist von unterschiedlicher Qualität und teils schmerzhaft hart, weshalb das Heft auch eine Triggerwarnung für bereits traumatisierte Menschen enthält. Als Unterhaltung will das Citizen Kane Kollektiv seine Arbeit nicht verstanden wissen, sondern ordnet es selbst als „kulturelle Bildung“ ein.

Mühsames Puzzle

Dabei sind die insgesamt vier kurzen, künstlerischen Szenen wie die eingangs beschriebene „Escalation“ besonders gelungen, weil sie poetische Bilder für Erfahrungen bieten, die sich sonst nur schwer vermitteln und noch viel schwerer ertragen lassen. Die Idee, Menschen zumindest im virtuellen Raum über Gewalt zum Sprechen zu bringen, ist unter den Bedingungen der Isolation zwar richtig und auch tröstlich, es wird aber auch deutlich, warum interdisziplinäre Projekte im virtuellen Raum nur bedingt funktionieren. Der Mensch hinterm Computerbildschirm muss sich nun mal alleine und durchaus mühsam das große Ganze zusammenpuzzeln, ein teils ermüdender Akt. Dass das Citizen Kane Kollektiv aber die Kluft zwischen harscher, trockener Aufklärung und künstlerisch-produktiver Bewältigung zu überschreiten versucht und sie so erst recht sichtbar macht, ist mutig.




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