Wo nur ist der vermaledeite Stift? Er muss in der Tasche sein, ganz bestimmt. Nur wo? Gewiss wieder mal ganz unten . . . Monika Gottlieb wirft einen mitleidigen Blick auf die herumkramende Taschenträgerin, schüttelt den Kopf und sagt so amüsiert wie missbilligend: „Man sollte keinen Beutel tragen. Ein Beutel, das ist ein Tiefengrab.“
Dann schreitet sie mit großen Schritten voran. Stift hin oder her, da oder nicht. Schließlich hat Monika Gottlieb (77) eine Mission. Sie ist an diesem Tag nach Stuttgart gekommen, um im Auktionshaus Nagel eine Sammlung an Taschen zu kuratieren. An echten Taschen wohlgemerkt. Denn das, das sind alles andere als schnöde Beutel: Mehrere Hundert sind es an der Zahl, darunter befinden sich Marken wie Hermès, Dior, Chanel, Gucci, Fendi, Prada, Louis Vuitton, Gabriele Blachnik, Yves Saint Laurent, Jimmy Choo, Bulgari, Ethan K. und Delvaux. Alles vom Schrankkoffer bis zur Handtasche, in die gerade einmal ein Lippenstift passt. Der obere Schätzwert geht dabei von 150 bis 25 000 Euro. Bei Auktionen kommen diese Taschen aber auch locker für 40 000 bis 50 000 Euro unter den Hammer.
Stil bleibt, Mode ist vergänglich
Gottlieb schiebt ihren großen Rollkoffer zügig neben sich her, auf diesem steht noch einmal eine große Reisetasche, über ihrer Schulter hängt eine kleine, eher längliche Handtasche. Sie ist ganz in Grüntönen gekleidet, ihrer Lieblingsfarbe. Sie, so kann man wohl sagen, ist eine Frau mit Stil. Und Stil, das sagte schon Coco Chanel, Stil bleibt, während Mode vergänglich ist.
Monika Gottlieb ist inzwischen in der Ecke des Auktionshauses angelangt, in der die Handtaschen für die Auktion sorgfältig gelagert werden. „Kunst & Luxus aus Privatbesitz“ heißt diese, sie findet am 25. Juni statt. Nagel beschreitet damit ganz neue Wege, es ist die erste Ausstellung dieser Art. In elf Sattelschleppern wurden die Auktionsstücke herangekarrt, darunter eine Auswahl an Antiquitäten, exquisiten Uhren, edlem Silber, exquisiten Dosen und Miniaturen sowie hochwertigen Möbeln.
Und eben Handtaschen aus Privatbesitz, über deren Herkunft viel spekuliert wird. Das Auktionshaus schweigt allerdings dazu. „Wir versuchen derzeit, neue Märkte zu erobern“, sagt Julia Döpfer vom Auktionshaus Nagel. Grund dafür sei, dass die Sammler in den herkömmlichen Bereichen immer weniger werden. „Darum wenden wir uns jetzt dem Luxus zu – mit besonderem Augenmerk auf den Bereich Vintage. Denn es geht uns auch um Nachhaltigkeit, zumal das Thema Preloved gerade zieht“, sagt Döpfer. Preloved bedeutet, dass Privatleute oder Designermarken ihre Luxusmodeartikel aus alten Kollektionen zum Verkauf anbieten.
Die Handtasche ist längst zum Statussymbol geworden
Wobei Gottlieb die preloved Taschen klar ganz vorne sieht bei der Auktion: „Früher stellte man sich eine Louis-Seize-Kommode ins Wohnzimmer, heute trägt man eine Louis Vuitton“, stellt sie nüchtern fest. Die Handtasche sei längst zu einem Statussymbol geworden. Angefangen habe das Phänomen mit der amerikanischen Schauspielerin Grace Kelly, erzählt Gottlieb: Im Herbst 1956 bereiste Kelly beziehungsweise Fürstin Gracia Patricia – sie hatte im April 56 Fürst Rainier III. von Monaco geheiratet – die USA. Auf dieser Reise trug sie unter anderem eine schwarze Handtasche aus Krokodilleder von Hermès, die sie vor ihren Bauch hielt – wohl, um ihre Schwangerschaft zu verdecken. Die Tasche wurde zunehmend mit Grace Kelly assoziiert – „und jeder wollte sie haben“, sagt Gottlieb. Hermès reagierte darauf und benannte das Modell in Kelly Bag um.
Auch in der Sammlung, die im Auktionshaus Nagel zur Versteigerung kommt, sind einige Kelly Bags dabei. Dies teuerste davon wird auf einen oberen Schätzpreis von 25 000 Euro dotiert. Das sei gerechtfertigt, sagt Gottlieb. Denn jede Kelly Bag wird von einem einzigen Täschner oder einer Täschnerin in 18 bis 24 Stunden Handarbeit genäht. „Bei Hermès muss heute jeder alles können – früher setzte einer nur die Nieten auf, und der andere machte die Nähte und so weiter“, sagt Gottlieb.
Sie weiß, wovon sie spricht. Denn sie war selbst als junge Frau zu einem Praktikum bei Hermès: „Bei Reparaturen durfte ich mit anfassen“, erinnert sie sich. Zudem ist ihr nachhaltig im Gedächtnis geblieben, dass man eine Naht einfach so lange bürstet, bis sie wieder weiß ist. Doch nicht nur bei Hermès war die junge Gottlieb, sondern auch bei Rosenthal, wo sie lernte, wie man Porzellan bemalt, oder in Weinheim, wo sie erfuhr, wie man Leder gerbt.
Ihr Vater hatte damals darauf bestanden, dass seine Monika erfuhr, wie das, was sie über die Ladentheke reichte, hergestellt wird. Monika Gottlieb ist in Düsseldorf aufgewachsen, ihre Eltern hatten einen Laden direkt an der noblen Königsallee. „Meine Eltern führten in ihrer Parfümerie auch ausgefallene Lederwaren“, sagt Gottlieb.
Nach dem Krieg waren sie es, die das erste Schaufenster mit Luxuswaren dekoriert hatte wie Taschen und Kosmetikkoffer in Kroko sowie Schildpattgarnituren mit individuell angefertigtem Monogramm in Gold. Die Familie war auch die erste, die teure Parfums wie die von Christian Dior nach Düsseldorf brachte. „Als kleines Kind erlebte ich Monsieur Dior als einen liebenswerten Mann, der aus seinem weißen Kittel immer ein Stück Schokolade hervorholte“, sagt Gottlieb. Zudem erinnert sie sich noch gut daran, dass die Staatsgäste, die nach Bonn (der damaligen Bundeshauptstadt) reisten, immer zuerst nach Düsseldorf in den Breidenbacher Hof kamen: „Da ich mit der Tochter des Inhabers befreundet war, hatte ich die Möglichkeit, Gäste wie etwa Prinzessin Margaret, Countess of Snowdon und Schwester von Queen Elizabeth, oder die Kaiserin von Persien, Soraya, zu sehen.“
Mode ist mehr als Schneiderhandwerk
Ein Leben zwischen Bodenständigkeit und High Society. So bekam Gottlieb bereits mit 13 Jahren ihre erste italienische Designer-Handtasche – sie fasste dieses wertvolle Stück aber immer nur mit Handschuhen an und behandelte es wie ein rohes Ei. Diese Tasche, „die ich heute noch fühlen kann“, hat sie leider nicht mehr – dafür aber Hunderte andere. Sowie Schränke voller Kleider, darunter auch exklusive, maßgeschneiderte Haute-Couture-Modelle; einen Teil davon hat sie im Jahr 2019 in München versteigert.
Zu jeder Tasche, zu jedem Kleid und zu jedem Accessoire aus ihrer Sammlung kann sie eine Geschichte erzählen. Es herrsche, sagt Monika Gottlieb, die sechs Sprachen spricht, noch wenig Bewusstsein darüber, welche Relevanz Mode für die kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft habe. Die Bedeutung der Mode als ernst zu nehmendes kulturelles Phänomen steige in den letzten Jahren aber endlich: Man erkenne, dass Mode mehr ist als Schneiderhandwerk.
So sagt es auch etwas über die Gesellschaft aus, wenn derzeit alle Frauen mit offenen Hermès-Taschen herumlaufen. „Früher sagte man dazu schlampig, heute nennt man es in“, sagt Gottlieb. Doch eigentlich geht es weder um Schlampigkeit noch ums In-Sein, sondern darum, dass bei einer geöffneten Tasche der kleine Blindstempel zu erkennen ist. „Dieser beweist die Echtheit der Tasche – und nachdem so viele Fälschungen auf dem Markt sind, ist es den Frauen wichtig, den Beweis quasi offenzulegen, dass ihre ein Original ist“, sagt Gottlieb: Die Handtasche als Symbol einer Gesellschaft, in der es immer schwerer wird, zwischen dem Echtem und der Wahrheit einerseits sowie billigen Fälschung und Fake News zu unterscheiden.
Geheimbotschaft der Queen
Eine Handtasche kann aber auch noch mehr sein als ein schönes Accessoire, ein Statussymbol oder ein praktisches Utensil, in dem man Gegenstände transportiert. Queen Elizabeth nutze sie etwa für codierte Botschaften. Die Queen bevorzugte ein schlichtes, eckiges Modell, das sie gleich in mehreren Farben besaß – sie stammten von dem Londoner Accessoire-Label Launer. Die unifarbenen Kreationen aus Leder wählte sie meist passend zu ihren Schuhen aus. Sie nutze die Tasche aber eben auch zur geheimen Kommunikation mit ihren Angestellten. „Baumelte die Handtasche über ihrem linken Unterarm, war alles in Ordnung. Wanderte die Tasche jedoch irgendwann zum rechten Arm, war dies der Handtaschen-Code dafür, dass sie gehen wollte“, sagt Gottlieb.
Gottlieb liebt Handtaschen, ist aber auch Pragmatikerin
Gottlieb liebt Handtaschen zwar geradezu abgöttisch – ihr Lieblingsstück bei der Auktion ist eine schwarze Krokodilumhängetasche mit Goldkette von Gucci mit einem Ausrufpreis von 400 Euro. Sie ist aber auch durch und durch Pragmatikerin. „Wenn so eine Birkin Bag von Hermès gut gefüllt ist, braucht man am nächsten Tag einen Orthopäden“, hebt sie auf das Eigengewicht zum einen und die Größe der Taschen zum anderen ab. Merke: Auch begehrte Handtaschen können Beutel sein. Der Stift wandert wieder in das Tiefengrab, während Monika Gottlieb weiter ihrer Mission nachgeht.