Kunstaktion in Stuttgart Vorweihnachtliche Guerilla-Ausstellung bei Aldi

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Die Stuttgarter Künstlerin Charlie Stein schmuggelt Kunst in Discounter-Einkaufswagen in Stuttgart. Bei der konsumkritischen Aktion sind auch Christian Jankowski und andere Kunst-Größen mit von der Partie.

Am Montag finden manche Kunden mobile Display-Kunst an ihrem Einkaufswagen. Foto: Stein
Am Montag finden manche Kunden mobile Display-Kunst an ihrem Einkaufswagen. Foto: Stein

Stuttgart - Diese Vorstellung ist hübsch: Gestresste Kunden schwärmen am Montag in den Filialen von Lidl und Aldi in Stuttgart aus, um die letzten Einkäufe für die Feiertage zu erledigen. Beim Beladen des Einkaufswagens mit Lebkuchen, Discounter-Champagner und einer Weihnachtsgans wird der ein oder andere dann stutzig: Was steckt denn in der Griffleiste meines Einkaufskorbs mit vier Rädern? Ist das Kunst, oder kann das wieder weg? Die Antwort lautet: beides.

Foto: Duncan Smith

Schuld an der vorweihnachtlichen Anregung zum Denken ist die Stuttgarter Künstlerin Charlie Stein. Die Absolventin der hiesigen Kunstakademie hat die Guerilla- Ausstellung „Talent borrows genius steals“, zu Deutsch etwa „Ein Talent borgt, das wahre Genie klaut schamlos“ kuratiert. In der Nacht von Sonntag auf Montag wollte Stein mit einigen Mitstreitern die Displays von Einkaufswagen in ausgesuchten Aldi- und Lidl-Märkten in Stuttgart austauschen. Die Idee dahinter: „Ich möchte dem Konsumenten im öffentlichen Raum, genauer gesagt im Supermarkt, dem Epizentrum des täglichen Konsums, eine Art Anleitung für die Erstellung eines künstlerischen Werks geben. Die Ausstellung soll in der Hochphase des Konsums, in der Woche vor Weihnachten stattfinden.“

Christian Jankowski stellt auch ein Werk zur Verfügung

Das Konzept für die Ausstellung sei aus der Debatte über Originalität, Ideenklau und Abkupferei innerhalb der Kunstwelt entstanden. „Die logische, vielleicht etwas radikale Konsequenz daraus, dass ohnehin ständig immer wieder kopiert und zitiert wird, ist es nun, eigene Ideen praktisch jedem möglichen Konsumenten zugänglich zu machen“, sagt Stein.

Die 28-Jährige hat in Stuttgart bei Christian Jankowski studiert. Der Video- und Konzeptkünstler, Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Stuttgart, ist derzeit in aller Munde, weil er die Manifesta 2016 in Zürich leiten wird. Jankowski hat Charlie Stein ebenfalls ein Kunstwerk für die Discounter-Guerilla-Aktion zur Verfügung gestellt. Daneben werden unter anderem Arbeiten der Künstler Birgit Brenner oder Olaf Breuning in den Einlagen der Einkaufswagengriffe zu sehen sein, auch der Schriftsteller und Journalist Peter Schiering und das Hamburger Gesamtkunstwerk Rocko Schamoni haben Charlie Stein Werke zur Verfügung gestellt.

Besonders wertvolles Weihnachtsgeschenk

Stein hat für die ungewöhnliche Ausstellung ihre neu gewonnenen internationalen Kontakte spielen lassen. Im Dezember hatte sie ihre Arbeiten auf der Contemporary Istanbul Art Fair ausstellen können. Die Stuttgarter Entrepreneurin Sevil Özlük („Im Werk 8“, Feuerbach) hatte Stein als spannende junge Künstlerin nach Istanbul gelotst. Dort konnte sie alle ihre Werke an einen bedeutenden türkischen Sammler verkaufen. Parallel hatte Stein Ausstellungen im Gutenberg-Museum in Mainz und im Kunstmuseum in Shanghai, dem Songjiang Art Museum. Ihre vorweihnachtliche Guerilla-Ausstellung könnte nun einen hübschen Nebeneffekt haben. Neben der konsumkritischen Denkanstöße könnte der ein oder andere Discounter-Kunde auf die Art und Weise an ein besonders wertvolles Weihnachtsgeschenk kommen.

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