In immersiven Ausstellungen kann man in Gemälde körperlich eintauchen. Das Kollektiv Rimini-Protokoll hat jetzt ein noch viel ausgebuffteres Kunsterlebnis inszeniert.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Schon bei den ersten Fragen kann man ins Grübeln kommen: Wie viele Tomaten werden in der eigenen Stadt pro Tag konsumiert? Oder: Wie viele Menschen kennt man mit Namen? Hundert oder eher tausend? Es sind viele Themen und Aspekte, die einen an die eigene Stadt binden. Meist hält man für allgemeingültig, wie man die eigene Stadt erlebt. Doch während der eine sie wegen der schicken Bars über den Dächern liebt, weiß der andere, dass er sich dort droben nie einen Drink wird leisten können.

Ein Video-Walk durch tausend Quadratmeter Stadt

Höchste Zeit, den Blickwechsel zu wagen und hineinzukriechen in anderer Leute Leben – und das quasi hautnah. Um das möglich zu machen, hat das Theaterkollektiv Rimini-Protokoll einen interaktiven Video-Walk inszeniert, der aufwendiger ist als alles, was die innovative Truppe je konzipiert hat. Diesmal machen sie Station in der Kunsthalle Mannheim, in der sie auf tausend Quadratmetern eine kleine Stadt nachgebaut haben, in der man sich von Station zu Station bewegt – hier um einen Springbrunnen schlendert, dort in der Bar oder im Büro einer Immobilienmaklerin sitzt.

Im Stockbett der Notunterkunft

Exakt alle acht Minuten startet eine neue Gruppe ihren Weg durch dieses komplexe Geflecht aus Bühnenbildern und Videoprojektionen, bei denen ein leistungsstarker Server es ermöglicht, dass die Bewegungen des Publikums, die Projektionen und Sounds perfekt ineinander greifen. Kaum liegt man im Stockbett eines Obdachlosenheims, startet denn auch schon das passende Video, in dem ein Mädchen ihre Geschichte erzählt. Sie lebt seit Jahren auf der Straße und träumt davon, eines Tages Flugbegleiterin zu werden und dem eigenen Elend zu entfliehen. Sogar das billige Parfüm kann man riechen, das die Mädchen gegen den Gestank in der Notunterkunft versprühen.

Machen Radkuriere die Stadt umweltfreundlicher?

So spürt man hautnah, was Stadt ausmacht: ein komplexes Nebeneinander verschiedenster Lebensmodelle. „Urban Nature“ wurde für das Centre de Cultura Contemporània in Barcelona konzipiert und ist nun für Mannheim übersetzt und so modifiziert worden, dass es keine Rolle spielt, dass diese sieben Personen, die ihre Geschichten erzählen, Spanier sind. Denn letztlich ähneln sich die Themen der Städte, und es radeln auch in Barcelona die Kuriere von Lieferando und Co. Miguel, ein Jungunternehmer, erzählt euphorisch, dass mit diesen billigen Radlern eine bessere Zukunft eingeläutet werde: „Der Verkehr wird drastisch reduziert“, glaubt er, „und die Stadt dadurch immer nachhaltiger.“

Besucher können Rollen übernehmen

Rimini-Protokoll lässt nicht nur Menschen wie dich und mich zu Wort kommen, in „Urban Nature“ wird das Publikum auch selbst zum Akteur. Denn während man den Videos und Projektionen zuschaut, ist man zwangsläufig Statist im Stück der anderen, sitzt im Knast an der Werkbank oder an der Bar. Wer Lust hat, kann – mit Tablet und Kopfhörer ausgestattet – sogar kleine szenische Aufgabe übernehmen, hier den Barkeeper mimen, dort an der U-Bahn-Station wie ein Wohnungsloser herumhängen.

Mutti hat eine Cannabis-Plantage

Allerdings fügt sich das Zusammenspiel nicht so geschmeidig, denn die lebendigen Akteure doppeln letztlich nur laienhaft das, was auch auf den Videos zu sehen ist – und geraten dabei durch die mediale Konkurrenz hoffnungslos ins Hintertreffen. Auch inhaltlich schürfen die Kommentare dieser sieben Stadtbewohnerinnen und -bewohner nicht allzu tief. Spannend ist das Projekt aber dennoch, weil Rimini-Protokoll die Möglichkeiten des Theaters aufregend erweitert.

In den neuen immersiven Ausstellungen taucht das Publikum physisch in Gemälde ein, in der Kunsthalle Mannheim durchschreitet man dagegen ein hoch komplexes Geflecht aus Bühnenbildern und Videoprojektionen – und sitzt schließlich im Wohnzimmer einer jungen Mutter. Sie hat als Grafikerin gearbeitet, aber hatte irgendwann genug davon, sinnlose Produkte zu bewerben. Jetzt zieht sie in ihrer Wohnung Cannabis und hat damit nicht nur ein gutes Auskommen. „Ich habe mich dem Rhythmus der Natur angepasst“, sagt sie. Im Grunde führe sie jetzt das Leben einer Bäuerin – mitten in der Großstadt.

Publikum als Teil des Stücks

Experten
Wer weiß besser, wie das Leben ist, als jene, die es selbst leben? Deshalb arbeitet das Theaterkollektiv Rimini-Protokoll immer mit „Experten des Alltags“ zusammen, die ihre Geschichten selbst erzählen – anstelle von Schauspielern.

Besuch
„Urban Natur“ läuft bis 16. Oktober in der Kunsthalle Mannheim. Um Wartezeiten zu verhindern, empfiehlt es sich, vorab ein Zeitfenster zu buchen. Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. www.kuma.art.