Kunsthalle München: Fotoschau „Civilization“ Starbucks-Kaffee in Dubai
Die internationale Fotoausstellung „Civilization“ macht Station in München und zeigt, wie wir die Welt prägen. Warum sollte man das unbedingt anschauen?
Die internationale Fotoausstellung „Civilization“ macht Station in München und zeigt, wie wir die Welt prägen. Warum sollte man das unbedingt anschauen?
Umweltverschmutzung? Halb so wild. Die Bucht vor Rio de Janeiro ist zwar von Abwassern und Industrieabfällen so verschmutzt, dass man nicht mehr darin baden kann. Dafür plätschern die Bewohner nun in einem künstlichen Salzwasserbecken mit Blick aufs Industriegebiet. So sieht Badeglück im Jahr 2025 aus.
Es soll Menschen geben, die ohnehin lieber im Pool als im Natursee schwimmen. Sie werden ihre Freude haben an der Ausstellung „Civilization“, die durch die Welt tourt und nun in der Kunsthalle München Station macht. Hundert Fotografinnen und Fotografen zeigen, was wir alle irgendwie kennen: die Gegenwart. Also wie wir leben und arbeiten, produzieren und konsumieren, reisen und wohnen. Und das hat es in sich.
Denn so groß die Gräben zwischen den Ländern, Kulturen, Systemen sein mögen, es gibt auch viel Verbindendes. Ob es die Hotelzimmer sind, die überall ähnlich ausschauen oder die Waren, die kreuz und quer über den Globus transportiert werden. Oder ob es eines der Mega-Golf-Resorts in China ist – denn gegolft wird ja auch längst überall.
Globalisierung kann man auch schmecken, der Kaffee bei Starbucks im Einkaufszentrum von Dubai schmeckt vermutlich so wie in allen Filialen.
Nie lebten mehr Menschen auf der Erde als heute – und nie haben sie so viele Spuren auf dem Planeten hinterlassen wie wir. Von 1975 bis heute hat sich die Menschheit verdoppelt auf acht Milliarden. Und alle wollen essen, wohnen, arbeiten. In Mumbai wuchern deshalb die Hütten, in den Städten wachsen die Häuser in die Höhe. In rasender Geschwindigkeit ist allein Dubai vom Fischerdorf zur Metropole geworden.
Sieht man auf einem Foto die Schüler, die sich vor ihren Spinden aneinander vorbei schieben, wirkt das fast bedrohlich – selbst die Schulen scheinen aus allen Nähten zu platzen. „Großstädte haben Schwierigkeiten in Hülle und Fülle, weil sie Menschen in Hülle und Fülle haben“, meinte die Architekturkritikerin Jane Jacobs schon in den 1960er Jahren. Aber inzwischen sind es ja keineswegs mehr nur die Großstädte, die ächzen unter den Folgen menschlicher Bedürfnisse. So sind auf den Fotos „Suburban California“ von Christoph Gielen zwar keine Häuser zu sehen, dafür aber endlose Straßen und Brücken, die in alle Richtungen die Landschaft durchziehen.
„Fließen“ ist ein Kapitel in der Ausstellung überschrieben, denn nichts scheint in dieser neuen Welt mehr an einem Platz bleiben zu dürfen. Ob Mensch, ob Ware, immer scheint das Ziel im Irgendwo zu liegen und kein Winkel ist mehr vor der Betriebsamkeit der Menschen sicher. In Tokio drücken sich die Arbeitnehmer Tag für Tag in die U-Bahnen, der mexikanische Fotograf Alejandro Cartagena hat dagegen Arbeiter fotografiert, die bei Fahrgemeinschaften auf den Ladeflächen fremder Pick-ups schlafen.
Auch die erschöpfte Gesellschaft scheint heute ein globales Phänomen zu sein.
Vor allem die Warenströme fließen kreuz und quer – wovon die zahllosen Schiffscontainer nur eine kleine Facette darstellen. Das macht diese Ausstellung so sehenswert, weil sie die Dimensionen menschlichen Handels vor Augen führt und ermöglicht, einen Schritt zurückzutreten und eine globale Perspektive einzunehmen auf Prozesse, in denen wir unmittelbar stecken.
Auch wenn man ahnt, wie weit die Produkte in unseren Wohnungen gereist sein werden, ist die Serie „My Things“ von Hong Hao doch beredt. Vermutlich gehört das Sammelsurium, das man in München bestaunen kann, einem Mann aus Asien, zumindest lassen das die Schriftzeichen auf den Tee- oder Pillenschachteln vermuten. Aber dann: italienische Spaghetti und Braun-Rasierer, Gardena-Gartenspritze und Whiskas-Katzenfutter. Die Zahnpasta kommt aus den USA und wer weiß, welchen Weg die Erdbeeren zurückgelegt haben, bevor dieser Mensch sie in seiner Straße gekauft hat.
Welche Ressourcen der globale Handel verschlingt, lässt das Foto einer gigantischen Öhrbohrinsel mit sechzig Stockwerken ahnen. Sie fördert täglich um die 16 Millionen Liter Öl – eine Menge, die dank des schmelzenden Packeises möglich ist. Auch das verraten die Fotos: Weil die Zerstörung der Natur längst in großen Schritten vorangeschritten ist, kompensiert der Mensch den Verlust zunehmend, indem er Natur künstlich zu erschaffen versucht.
Nur eines bleibt unsichtbar: die Geldströme. Sie gleiten elegant von einem Konto zum nächsten. Deshalb kann der frühere Finanzminister der Britischen Jungferninseln auf einem Foto auch entspannt von seinem Büro aus aufs Meer blicken. Es gibt sie noch, die echten Oasen. Die Inseln haben nur 28 000 Bewohner – die hunderttausenden Unternehmer, die hier nur aus Steuergründen ihren Sitz haben, hinterlassen ihre sichtbaren Spuren andernorts.
Civilization: bis 24. 8., Kunsthalle München Theatinerstraße 8, geöffnet täglich 10–20 Uhr.