Kunsthalle Tübingen zeigt Daniel Richter Arbeitslos, obdachlos – hochgejubelt

Politisch oder Bedeutung heischend? Daniel Richters „Phienox“ (2000) verbindet Mauerfall, Kreuzabnahme und ein Attentat in Nairobi. Foto: VG Bild-Kunst/Jochen Littkemann

Daniel Richter wird gern „Malerstar“ genannt. Sammler zahlen Millionen für seine Bilder. Zu Recht? Eine Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen weckt Zweifel.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Das viele Geld könnte gut angelegt sein. Denn an diesen Bildern hat man sehr lange zu tun. Punkte, Muster und Wellen, Streifen, Flecken und vor allem zahllose Schlangenlinien, wie sie Sprayer gern auf Hausfassaden hinterlassen – auf den frühen Gemälden von Daniel Richter ist ordentlich was los. Sie „implodieren“ förmlich, wie gern gesagt wird – und auch nach Jahren intensiven Betrachtens wird man immer neue Details entdecken auf diesem wilden, expressiven und kunterbunten Vielerlei.

 

Nun hängen einige dieser großen Formate von Daniel Richter in der Kunsthalle Tübingen – wobei dahin gestellt sei, ob man darauf tatsächlich konkrete Hinweise auf die Beatles findet, auf die der Künstler sich nach eigener Aussage bezogen hat – oder auch auf „Denker wie Heidegger“, wie Richter behauptet. Aber welche Rolle spielen diese Hintergründe konkret auf den ungegenständlichen Bildern? Das auszuführen, sei er „gerade zu faul“, so der Künstler schnoddrig.

Seine Bilder bringen bis zu eineinhalb Millionen Euro

Daniel Richter hat es nicht mehr nötig, verbindlich zu sein – auch nicht in der Kunsthalle Tübingen, die ihm nun eine große Soloschau widmet. Der Sechzigjährige wird heute selbstverständlich als „Starkünstler“ und gern auch als einer der „wichtigsten zeitgenössischen deutschen Maler der Gegenwart“ bezeichnet – wobei es „gefragt“ wohl etwas besser trifft. Denn auf dem Kunstmarkt hat Daniel Richter einen wahren Siegeszug erlebt in den vergangenen zwanzig Jahren. Auf Auktionen werden für seine Gemälde inzwischen bis zu knapp eineinhalb Millionen Euro bezahlt. Das schafft nicht jeder.

Bloß: Wofür steht seine Kunst überhaupt? In der Tübinger Ausstellung sieht man sofort, dass Daniel Richters Werk alles andere als homogen ist. Im Gegenteil scheint er in seiner Arbeit alle paar Jahre frisch durchzustarten, um seine Malerei aus einer neuen Richtung anzugehen. Nicole Fritz, die Direktorin der Kunsthalle Tübingen, hat deshalb versucht, etwas Struktur in diese stark mäandernde Entwicklung zu bringen: hier die ungegenständliche, implosive All-over-Malerei, dort die großen Landschaften, die Motive von Caspar David Friedrich aufgreifen. Mal hat Daniel Richter Zeitungsfotos als Grundlage verwendet, derzeit malt er dagegen ungegenständliche Räume, die im Strich an Francis Bacon erinnern.

Die Biografie ist untypisch für den Kunstbetrieb

Damit hat es Daniel Richter weit gebracht, was bei seinem für den Kunstbetrieb eher untypischen Lebenslauf umso bemerkenswerter ist. Die Mutter war Verkäuferin, der Vater Lkw-Fahrer. Er wuchs in der schleswig-holsteinischen Provinz auf, brach die Schule ab. In Hamburg tummelte er sich in der Hausbesetzerszene, war Punk, arbeits- und zeitweise auch obdachlos und lebte vom Verkauf selbst bemalter T-Shirts. Was er sich davon nicht leisten konnte, das klaute er auch mal.

Die Professur in Berlin hat er nach zwei Jahren hingeschmissen

Als sich Daniel Richter mit Ende Zwanzig schließlich an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste bewarb, weil er vor allem auf BAföG hoffte, boxte ihn der Maler Werner Büttner gegen den Widerstand der anderen Professoren durch, so dass Daniel Richter Malerei studieren konnte. Dann ging alles ganz schnell: Nach einer ersten Soloschau in der Kunsthalle Kiel folgten internationale Ausstellungen. Flugs bekam er auch eine Professur an der Universität der Künste in Berlin, die er nach zwei Jahren aufkündigte mit dem legendären Satz: „Ich habe noch nie an so einer Scheißhochschule gearbeitet!“

Ob sich Daniel Richters Werk dauerhaft im Kanon behaupten wird oder sich im Rückblick als reines Marktphänomen herausstellt, das muss die Zeit zeigen. Sicher ist, dass Daniel Richter in erster Linie malerische Fragen verhandelt, inhaltlich aber kein allzu tief schürfender Künstler ist. Das verraten auch seine eher saloppen Erklärungen in Tübingen, wo er Sätze sagt wie: „Dieser Kram hat mich halt interessiert“.

Ein Foto von Obama ist nicht automatisch politisch

Die Bilder selbst gehen kaum über eine Privatsymbolik hinaus. Richter zitiert Kunst- und Zeitgeschichte, ohne sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Hier kombiniert er die Fassade eines einstigen Moskauer Jugendhotels mit Zirkusszenen, die den Niedergang der Sowjetunion ausdrücken sollen. Dort malt er den Mauerfall als eine Art Kreuzabnahme, in die wiederum ein Attentat auf die US-Botschaft in Nairobi eingeflossen ist. Eine differenzierte oder geistreiche Aussage ist trotz solcher Anspielungen noch lange nicht formuliert. Und wenn er das Foto zitiert, als Obama im Weißen Haus die Tötung von Osama bin Laden im TV anschaute, ist das noch kein politisches Statement, auch wenn es gern behauptet wird.

Ihn selbst haben Werkphasen irgendwann gelangweilt

Hier malt Daniel Richter unterm Titel „TUANUS“ eine Drogenrazzia im Taunus, dort markige Kerle aus der Marlboro-Werbung – und dabei liegt es immer auch im Auge des Betrachters, Bedeutung herauszulesen. Während sich die frühen, übervollen Werke wohl nie vollständig durchdringen lassen, könnte es einem bei den gegenständlichen Szenen eines Tages wie dem Künstler selbst ergehen. Denn, dass er immer neue Ästhetiken erprobt, liegt auch daran, „dass mich das dann gelangweilt hat“.

Was den Künstler inspiriert

Musik
 Als junger Mann hat Daniel Richter auch Plattencover gestaltet. Die Musik spielt für ihn eine wichtige Rolle, deshalb kann man einige seiner Lieblingssongs auch hören – im Audioguide. Der Künstler führt dabei selbst durch die Ausstellung und stellt einige der Lieder vor, die für ihn und sein Leben bedeutend waren: Songs von Marvin Gay und Velvet Underground, aber auch Musik von Dmitri Schostakowitsch. Der Audioguide kostet drei Euro.

Ausstellung
 Bis 3. Oktober, Kunsthalle Tübingen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr und am Donnerstag bis 19 Uhr.

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