Kunsthandwerk in Weil der Stadt Zwischen Haarakrobatik und tanzenden Windspielen
Der Kunsthandwerkermarkt findet zum 40. Mal statt. Zwischen traditionellem Handwerk und modernen Ideen präsentieren 77 Aussteller Einzigartiges für Heim und Garten.
Der Kunsthandwerkermarkt findet zum 40. Mal statt. Zwischen traditionellem Handwerk und modernen Ideen präsentieren 77 Aussteller Einzigartiges für Heim und Garten.
Hochsommerliche Temperaturen, flirrende Luft über dem historischen Viehmarktplatz und begehrte Schatteninseln unter alten, hochgewachsenen Bäumen: Der Kunsthandwerkermarkt in Weil der Stadt zeigt sich am Wochenende mal wieder von seiner stimmungsvollen Seite.
Während Eisbecher und kühle Getränke rund um die Stadtmauer Hochkonjunktur haben, schlendern Besucher zwischen den Ständen der insgesamt 77 Aussteller. „Darunter sind etwa rund 40 Prozent neue Gesichter oder Rückkehrer, die nach einer Pause wieder dabei sind“, sagt der Organisator Udo Bögelsack, der vor dieser Aufgabe selbst viele Jahre Aussteller in Weil der Stadt war. Das bunte Treiben zwischen Kunst, Handwerk und Begegnungen findet in den Gassen bereits zum 4o. Mal statt.
Märkte wie der in Weil der Stadt sind für Kunsthandwerker oft die wichtigste Einnahmequelle – auch wenn für manche der Online-Handel mittlerweile eine Alternative darstellt. Nicht so für die Böblingerin Helga Lendzian, die aus Keramik kleine Kunstformen formt, die Heim und Garten verschönern. Dinge, die sich bestens auch zum Verschenken eignen. „Das sind alles Unikate, die stelle ich nicht ins Internet, ich möchte ja nicht, dass auf diese Weise meine Ideen kopiert werden, schließlich muss ich davon meine Miete bezahlen“, sagt sie. Ein weiterer wichtiger Grund, weshalb sie als Aussteller in ganz Süddeutschland unterwegs ist: „Ich liebe die Atmosphäre auf den Märkten und die Gespräche mit den Menschen.“
Ein paar Schritte weiter, auf der Wiese im Schatten der historischen Stadtmauer, weht bei schwülen Temperaturen eine leichte Brise. Diese sorgt nicht nur für eine kleine Abkühlung, sondern liefert auch ein faszinierendes Schauspiel, wenn die beweglichen Windspiele von Horst Büscher um die Wette tanzen. Seit 30 Jahren entwickelt der 72-Jähriges, der aus der Nähe von Tauberbischofsheim stammt, Figuren und Formen aus Kupfer oder Messing. Die bunten Tänzerinnen auf einem Stab drehen sich grazil im Kreis.
Sie sind aus Kunstharz und entstanden nach den Entwürfen des Künstlers im 3D-Drucker. „Die Formen müssen absolut symmetrisch sein, sonst funktioniert das nicht. Ich liebe die Technik, das ist ein tolles Zeitalter.“ Horst Büscher lebt von seiner Kunst – und ist froh, dass der Sohn, ein studierter Mediendesigner, in seine Fußstapfen tritt.
Es geht vorbei an gestrickten Figuren, gefilzten Tieren, Töpfer-Artikeln, Holzkunstwerken, Schmuck aus den verschiedensten Materialien, Saxofonen aus Holz, kunstvollen Karten oder bunten Glasgebilden. Etwas irreführend scheint auf den ersten Blick der Firmenname „Filzpalast“ von Gisela Helmes-Kronschnabl aus Fürstenfeldbruck, die jede Menge Strohhüte ausgestellt hat. Doch die gelernte Modistin – der Beruf ist besser bekannt unter dem Namen Hutmacher – klärt schnell auf: Im Winter verkauft sie auf den Märkten Filzhüte und im Sommer Strohhüte. In einem Video ist zu sehen, wie sie ihre Kunstwerke unter anderem mit Hilfe einer hundert Jahre alten Maschine fertigt und die Hüte beim Nähen modelliert. Ihre hochwertige Ware ist an diesem sonnigen Tag besonders gefragt, auch wenn sie zumindest an diesem Samstag merkt, „dass Pfingstferien sind und daher weniger Besucher als in den vergangenen Jahren hier sind.“
Neugierig und staunend zugleich bleiben die Marktbesucher am theaterähnlichen, exklusiven Stand des Aacheners von Francisco Herrera stehen. Dort verkauft er für jeden Anlass die passende Haarnadel. Den exklusiven Haarschmuck stellt „Paco“, wie er sich auch nennt, seit 1989 selbst her. Mit flinken Händen zaubert er eine Hochsteckfrisur und befestigt diese allein mit der kunstvollen Nadel. Ein Blick in den Spiegel – und die Kundinnen sind begeistert.
Guten Umsatz macht die aus Vietnam stammende Van Pham-Brözel mit ihren bezaubernden 3D-Pop-up-Karten. Wenn man diese aufklappt kommt ein wahres Kunstwerk zum Vorschein. Die Motive schneidet die Künstlerin mit dem Cuttermesser. Eine filigrane Arbeit, für die man eins mitbringen muss: Geduld. „Pro Karte benötige ich etwa drei Stunden.“
Am Samstag ziehen in der Ferne dunklere Wolken auf – und glücklicherweise an Weil der Stadt vorbei. Am Sonntag schlendern Besucher zunächst in Scharen durch die Gassen. Dann bringen Wind und Regen fast zu viel Erfrischung mit. Organisator Udo Bögelsack wirft immer wieder einen Blick in den Himmel und verfolgt die Wetter-Entwicklungen auf seiner App. „Solange keine Warnstufe rot ist, bin ich entspannt.“