Stuttgart-Mitte - Rund 1000 Stunden hat es gedauert, und es wird nochmals einige Stunden brauchen: Die Echterdingerin Elke Hahn und 30 Mitstreiterinnen in der gesamten Bundesrepublik haben exakt 2795 große und kleine, aber vor allem bunte Schmetterlinge gehäkelt – und die will Hahn am kommenden Sonntag, 10. Januar, mit coronabedingt nur zwei Mitstreiterinnen in einem Kastanienbaum am Eugensplatz in Stuttgart-Mitte aussetzen.. „Zwei Häklerinnen hängen die Schmetterlinge von der Hebebühne aus im Baum auf. Ich guck zu, weil ich nicht schwindelfrei bin“, sagt Hahn.
Die Idee für die Kunstaktion: „Trotz oder gerade wegen Corona wollen wir die Welt ein bisschen bunter machen und die Menschen lächeln lassen“, sagt Hahn. Mit Kunstaktionen hat die 59-Jährige schon einige Erfahrung: 2017 hat sie auf der Messepiazza am Flughafen die Pfosten umhäkelt: Die Häkeleien haben unter anderem Promis wie Heino und die Blues Brothers, aber auch den Noch-US-Präsidenten Donald Trump dargestellt. Zwei Jahre später gründete sie die bundesweite Gruppe Yarn (Garn)-Gang und häkelte mit anderen Frauen die Silhouette der Skyline in Frankfurt, Straßen und Passanten. Das Werk „Wollkenkratzer“ wurde dann an Gebäuden in der Frankfurter Altstadt installiert. Und die Schmetterlinge vom Eugensplatz werden im Anschluss an die Aktion dort nach München, Frankfurt und Hamburg flattern, um den Einwohnern dort Freude zu machen. Auf Schmetterlinge kamen Hahn und ihr Team, weil Schmetterlinge für Leichtigkeit, Kraft und Veränderung stehen. „Der Weg von der Raupe über die Puppe hin zum Falter braucht Kraft und ist ein enormer Wandel“, sagt Hahn. Häkeln gelernt hat Elke Hahn in der Grundschule, war aber nicht mit sonderlich viel Freude dabei. Die kam erst, als sie für die Kinder Mützen, Handschuhe und Schals häkelte. „Gehäkelt statt gestrickt habe ich, weil es schneller ging“, stellt die 59-Jährige fest. Dabei hat sie eine solche Routine entwickelt, dass sie aus Garn in 15 bis 20 Minuten ein Pfauenauge oder einen Kohlweißling entstehen lassen kann. Damit, ihre Kunst der Öffentlichkeit zu präsentieren, tat sich Hahn anfänglich schwer: „Die Leute, die mich hier ja kennen, werden denken: ‚Jetzt spinnt sie‘“, fürchtete sie. Ihr Coming-out als Häkelkünstlerin hatte sie in Dresden. „Dort war ich mit meinem Sohn. Da mich niemand kannte, habe ich den Postplatz verziert“, erinnert sie sich. Und hat sich auf die Lauer gelegt, um die Reaktion der Passanten zu beobachten. „Einige haben den Kopf geschüttelt, aber die meisten lächelten. Das hat mir Mut gemacht, auch in Stuttgart und der Region aus mir herauszukommen.“
In 15 Minuten ist ein Falter fertig
Die Genehmigung für die Aktion am Eugensplatz sei kein Problem gewesen. „Das Garten-, Friedhofs- und Forstamt hat zwei Tage nach meiner Anfrage grünes Licht gegeben“, stellt Hahn fest – und sie musste versichern, dass mit der Hebebühne nicht zu nah an den Baum gefahren und aufgepasst wird, dass keine Äste brechen und die Kastanie keinen Schaden nimmt. Das Amt habe sich sogar darum gekümmert, dass das Dixie-Klo unter der Kastanie bis zum Sonntag wegkommt. Hahn: „Sonst hätten wir das auch noch umhäkeln müssen.“
Die 2795 Schmetterlinge sollen am Sonntag in fünf Stunden aufgehängt werden. Nach Ablauf der Aktion in anderen deutschen Großstädten sollen die Falter für wenig Geld und einen guten Zweck versteigert werden.