Banken haben oft eine enge Beziehung zur Kunst. Die Kunstsammlung der LBBW feiert mit einer Ausstellung ihren fünfzigjähriges Bestehen, in dem es auch Krisen gab.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Als das Geld plötzlich knapp war, wurde – naheliegenderweise – umgehend an der Kunst gespart. Jahrzehntelang hatten sich die Banken gern kunstsinnig gegeben. Die Vorstände hängten sich Gemälde in ihre Büros, sie schlenderten über Kunstmessen und sie gingen auf Vernissagen. Dann aber kam die Finanzkrise – und mit ihr auch der Katzenjammer. Deshalb strich auch die LBBW 2009 von heute auf morgen ihren Ankaufsetat für Kunst und stellte seine Kunstaktivitäten ein. Sieben Jahre lang dämmerten die vielen Werke, die man besaß, traurig im Depot vor sich hin.

Schwäbische Impressionisten machten den Anfang

Inzwischen widmet die LBBW sich wieder offensiv der Kunst. Und wenn man nun durchs Kunstmuseum Stuttgart schlendert, muss man sagen: Das ist gut so! Denn die Sammlung, die mit lieblichen Landschaften aus dem Schwäbischen Impressionismus begann, hat wieder den Anschluss an die Gegenwartskunst gefunden – zum Beispiel mit einer Fotoserie, für die Sven Johne zwischen Calais und dem griechischen Idomeni Pflaster, Straßen, Böden fotografierte, um an die dunklen Seiten Europas zu erinnern.

Die Sammlung spiegelt die Moden des Marktes wider

Kunst im Büro – ein schöner Luxus

Die Serie ist eine der aktuellsten Arbeiten, die nun im Kunstmuseums Stuttgart zu sehen sind, wo die LBBW den fünfzigsten Geburtstag ihrer Sammlung feiert. Der Titel „Jetzt oder nie“ kann dabei durchaus als Aufforderung ans Publikum verstanden werden. Denn ein Großteil dessen, was im Kubus auf drei Stockwerken ausgebreitet wurde, ist gewöhnlich nicht öffentlich zugänglich, sondern hängt auf Fluren, in Büros und Konferenzräumen der Bank. Ein wahrer Luxus, nicht jeder hat überm Schreibtisch einen echten Gerhard Richter hängen, der einer der teuersten lebenden Künstler ist.

Manches Museum könnte neidisch werden, denn bei den 3000 Werken, von denen die LBBW nun 250 zeigt, sind all jene Künstler vertreten, die Rang und Namen haben – oder hatten. Denn der chronologische Rundgang, der beim Ersten Weltkrieg beginnt, erzählt auch von den Moden, die manche Sammlung im Südwesten prägte. Hier Georg Baselitz, Markus Lüpertz und Anselm Kiefer, die eine Weile für das künstlerische Sprachrohr der Nation schlechthin gehalten wurden.

Dort die regionalen Heroen wie Willi Baumeister und Reinhold Nägele oder später Otto Herbert Hajek und Ben Willikens. Und wie jeder potente Sammler, der etwas auf sich hält, hat man selbstverständlich auch einen Neo Rauch im Angebot und eine digital bearbeitete Fotografie von Andreas Gursky – sie zeigt bezeichnenderweise das nervöse und aberwitzige Treiben an der Börse von Chicago im Jahr 1997.

Die Werke bieten viele Themen, die man hätte aufgreifen können

Zugegeben, es ist nicht einfach, solch ein kunterbuntes Potpourri attraktiv zu hängen. Lutz Casper, der seit vielen Jahren die Sammlung der LBBW betreut, hat sich bemüht, den recht artigen Marsch durch die Jahrzehnte zumindest stellenweise aufzulockern. Die Idee war, anhand der Werke deutsche Geschichte zu spiegeln, aber letztlich hat man sich doch vor allem an Stilen und Epochen orientiert, statt die Werke auch inhaltlich zu befragen.

Dabei hätte man zum Beispiel jene Arbeiten zusammenbringen können, die vom Muff des Nachkriegsdeutschlands erzählen oder auch von Krieg und Gewalt. Die Gemälde und Fotografien bieten so viele Ansätze – ob zur Pubertät, zur Identität, dem Privaten oder den Nöten des Ichs, die Martin Honerts anrührend in seiner Skulptur „Foto“ vermittelt. Er hat eine Aufnahme aus seiner Kindheit dreidimensional nachgebaut und sitzt nun als kleiner Bub ernst, einsam und verloren bei Tisch.

Die Sammlung ist eher bunt als rund

Es gibt schöne, wichtige, wertvolle Werke, anregende und sperrige, aber letztlich geht es in der Ausstellung weniger darum, das Publikum in einen Dialog mit einzelnen Arbeiten zu bringen, sondern darum, die Sammlung an sich ins Zentrum zu rücken – und ein wenig auch das zweifellos verdienstvolle Kunstengagement der LBBW oder besser all der Banken, die inzwischen integriert wurden. Denn dass die Sammlung letztlich eher bunt als rund ist, liegt vor allem daran, dass mehrere Bestände zusammengeführt wurden, die Werke der LG, der SüdwestLB oder auch der Landesbanken Rheinland-Pfalz und Sachsen.

Heute sammelt man nach inhaltlichen Aspekten

Heute kaufen Banken selbstverständlich nicht mehr die Werke, die in den Chefetagen gefallen, deshalb wurde 2018 ein Kunstkuratorium installiert, das über die Ankäufe diskutiert. Einen festen Etat gibt es nicht – dafür hat sich die LBBW auf inhaltliche Themen verständigt, die die Neuerwerbungen reflektieren sollen: Ökologie, Gender sowie Ökonomisierung und Digitalisierung der Gesellschaft. Man wolle sich über die Kunst eben auch mit Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen, sagt Johannes Marten, Bereichsleiter Konzernkommunikation. Wer weiß, vielleicht hat sich bis zum nächsten Jubiläum der LBBW-Sammlung der Kunstbetrieb endlich so gewandelt, dass dieses inhaltliche Potenzial der Werke dann auch offensiv in der Ausstellung ausgeschöpft wird.

Eintritt an diese Wochenende frei

Spendabel
Ohne die Unterstützung der LBBW wäre das Kunstmuseum Stuttgart um einige zentrale Werke ärmer. 1972 konnte mit ihrer Hilfe das „Großstadt“-Triptychon von Otto Dix angekauft werden. 1988 kaufte die LBBW gemeinsam mit der Stadt Stuttgart „Grabenkrieg“ von Dix, ein Bild zum Ersten Weltkrieg, mit dem die aktuelle Ausstellung eröffnet wird. Eine spektakuläre Rettung ermöglichte die Bank 2006 durch den Ankauf des „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ von Dix, das heute eines der Hauptwerke des Kunstmuseums ist.

Info
Die Ausstellung „Jetzt oder nie“ ist bis 20. Februar im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen und von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und freitags von 10 bis 21 Uhr geöffnet. An diesem Wochenende und vom 18. bis 20. Februar ist der Eintritt frei.