Kunstmuseum Stuttgart zeigt Paul Uwe Dreyer Wo jeder Strich sitzt

Paul Uwe Dreyer (1939–2008). Foto: Nachlaß Paul Uwe Dreyer/VG Bild-Kunst

Viele Künstler sind durch seine Schule gegangen. Paul Uwe Dreyer war eine Persönlichkeit im Stuttgarter Kulturleben. Jetzt kann man ihn neu entdecken.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Man hätte gute Lust, zum Lineal zu greifen. Denn in Wirklichkeit kann man seinen Augen nicht trauen. Allzu leicht lässt der Blick sich manipulieren – und schon sieht man kleine und große Dreiecke, kurze und lange Linien, die in Wirklichkeit exakt gleich groß oder lang sind. Paul Uwe Dreyer verstand es, sein Publikum an der Nase herumzuführen. Dabei kann man fast sicher sein, dass alles, was er auf die Leinwand brachte, zuvor sorgfältig vermessen und berechnet wurde. Ob Dreieck, Linie oder Quadrat, auf Paul Uwe Dreyers Kompositionen hat jedes Element seinen festen Platz.

 

Das Werkverzeichnis zeugt von viel Arbeit

Die Stuttgarter Kunsthistorikerin Anja Rumig kennt sie alle, die Kniffs und Tricks, mit denen der Stuttgarter Künstler Formen ins meist quadratische Format brachte. Sie hat sich in den vergangenen Jahren tief eingegraben in das Werk von Paul Uwe Dreyer (1939–2008), seinen kompletten Nachlass gesichtet und erforscht und nun nicht nur ein so umfassendes wie bleischweres Werkverzeichnis vorgelegt, sondern gleich noch eine Ausstellung zu Dreyers Werk im Kunstmuseum Stuttgart kuratiert.

Leidenschaftlich in allem, was er tat

Denn Paul Uwe Dreyer war nicht nur einer von vielen Künstlern, die in den fünfziger und sechziger Jahren begannen, konkrete Formen, also geometrische Elemente, zu nutzen – statt mit ihrer Malerei Geschichten zu erzählen. Dreyer war in Stuttgart auch eine bekannte wie umtriebige Persönlichkeit. Als Professor an der Staatlichen Kunstakademie hat er viele Generationen von jungen Künstlerinnen und Künstlern begleitet – als Rektor hat er sich aber auch leidenschaftlich für die Geschicke der Akademie eingesetzt.

Dreyer mischte sich gern in die Kulturpolitik ein

Dreyer mischte sich gern ein, ob in die Kultur- oder die Hochschulpolitik. Er war ein kämpferischer, auch fordernder Zeitgenosse, seine Bilder dagegen sprechen eine andere Sprache, sie sind ruhig und konzentriert, fein austariert und mitunter von höchst dekorativer Eleganz. Jedes Jahrzehnt scheint Dreyer sich neu erfunden zu haben. Auf den Bildern oder Radierungen der Sechziger ahnt man noch konkrete Räume, in den Siebzigern aber beginnt er, die geometrischen Grundformen in freundlichen Pastelltönen auf der Fläche stabil und ordentlich zu organisieren – und dabei doch in Schwung zu halten. In den achtziger Jahren greift er zu knalligen Farben, um zehn Jahre später Grautöne für sich zu entdecken.

Man kann auch Dreiecke umarmen

Die chronologische Hängung macht diese Veränderungen deutlich und hilft damit, sich in die Werke einzusehen, die es meist schwerer haben als Malerei, die Inhalte transportieren will. Aber auch geometrische Formen können letztlich Beziehungen eingehen. Da werden Dreiecke von Linien umarmt, Rechtecke buhlen um Aufmerksamkeit – und allmählich erkennt man die zahlreichen Bezüge, mit denen die Bildelemente hier miteinander verbunden sind und aufeinander reagieren.

Die Konkreten Künstlerinnen waren oft spielerischer als er

Während in der großen Sonderausstellung „Konkrete Künstlerinnen“ einige Kolleginnen am Werk waren, die frei, fast anarchistisch mit den Formen auf der Fläche spielten, war Paul Uwe Dreyer ein gewissenhafter Konstrukteur. Seine sauber gezogenen Linien, die präzisen Kanten und exakt austarierten Proportionen verraten einen Perfektionisten, der nichts dem Zufall überließ, sondern endgültige Kompositionen finden wollte, die keinen Widerspruch dulden.

Ausstellung Bis 30. Januar, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Freitag bis 21 Uhr. Das Werkverzeichnis ist in der Dr. Cantz’schen Verlagsgesellschaft erschienen und kostet in der Ausstellung 58 Euro.

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