Kunstobjekt in Stuttgart Das gierige Tier als Symbol des Widerstands

Das Tier  im Treppenhaus der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Foto: Florian Feisel 3 Bilder
Das Tier im Treppenhaus der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Foto: Florian Feisel

Das Kunstobjekt von Stefanie Oberhoff wird an der Musikhochschule Stuttgart zum Symbol des Widerstands in Ungarn.

Stuttgart - Fast drei Monate lang jeden Tag nähen. Das war Stefanie Oberhoffs Beschäftigung während des ersten Lockdowns im Frühjahr. Das Ergebnis: eine überlebensgroße Stoffmaus, ohne Schwanz acht Meter, mit Schwanz 16 Meter lang und vier Meter hoch. Ihr „Corona-Produkt“, wie sie es nennt, ist genau genommen keine Maus, sondern ein Russischer Desman. Der vor allem im Wasser lebende Rüssler zählt zur Familie der Maulwürfe und gilt als besonders anpassungs- und überlebensfähig. „Genau wie Künstler“, sagt die Stuttgarter Figurenspielerin, die vor allem für die Figur der Gräfin bekannt ist, im Hinblick auf die aktuelle Lage.

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen vom Kultur-Label Gütesiegel Kultur entsteht die Idee der Gold fressenden „Moneymaus“. Zahlreiche Einladungen und Auftritte folgen im Sommer. Doch dann bekommt die Maus neues Futter. Helga Lázár, eine ehemalige Schülerin Oberhoffs, die seit rund 20 Jahren gelegentlich Figurentheater an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart unterrichtet, meldet sich. Lázár promoviert mittlerweile an der Budapester Universität für Theater und Film (SZFE). Vom 1. September bis 10. November besetzen die Studierenden der SZFE „ihre“ Universität. Ministerpräsident Viktor Orbán hatte zuvor die Übernahme der Universität durch eine regierungsnahe Stiftung angeordnet, an deren Spitze sein Anhänger Attila Vidnyánszky steht. Die bisherige Leitung trat zurück.

Ungarns Umgang mit der Kunstszene

Seitdem gibt es weltweit Proteste und Solidaritätsaktionen unter dem Motto „Free SZFE“. Mit Oberhoff, der „Moneymaus“ und Lázár, die von 2015 bis 2018 mithilfe mehrerer Stipendien in Stuttgart studiert hat, erreicht die Protestwelle nun Stuttgart. „Die Maus frisst alles auf, was sie findet, bis sie platzt und alles wieder rauskommt“, sagt Lázár. Damit spielt sie auf die ungarische Regierung und deren Umgang mit der Kunstszene und den Studierenden der SZFE an, aber auch auf ein ungarisches Volksmärchen. In dem Märchen „A kis gömböc“ frisst ein Saumagen so viele Menschen auf, bis ein Regimentssoldat ihn aufsticht und alle lebendig wieder herauspurzeln.

Ins Innere der „Moneymaus“ passen zehn Personen. Darum rennen die Protestierenden um Lázár an einem Tag Mitte Dezember in der Musikhochschule in Stuttgart auf die Maus zu und lassen sich verschlingen. Eigentlich war eine öffentliche Aktion geplant. Aufgrund der aktuellen Lage ist sie aber kurzfristig untersagt worden. Vor der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin hat die Maus Anfang Dezember noch öffentlichkeitswirksam Studierende gefressen, auch bei einer Kundgebung am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz hat sie demonstriert.

„Moneymaus“ reist nach Budapest

„Die Maus zieht Aufmerksamkeit auf sich“, sagt Oberhoff und vergleicht sie mit dem Trojanischen Pferd, in dem sich gemäß der griechischen Mythologie griechische Soldaten vor ihrem Angriff auf Troja versteckt haben sollen.

Und jetzt? Die Stuttgarter „Moneymaus“ ist mittlerweile nach Budapest gereist, wo Mitte Januar die nächste Protestaktion stattfinden soll. Die Verantwortlichen haben Dreharbeiten vor dem Parlament angemeldet. Lázár, die zwischen Stuttgart und Budapest pendelt, wird dabei sein. Oberhoff wegen der Ausgangsbeschränkungen nicht. Sie näht mittlerweile an zwei kleineren Mäusen. Die „Moneymaus“ bekommt Gesellschaft.




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