Kunstradfahren „Der WM-Titel war nicht unser Ziel“
Selina Marquardt (RV Oberjesingen) und Helen Vordermeier (SportKultur Stuttgart) über ihre erfolgreiche Zeit im Zweier-Kunstradfahren und warum jetzt Schluss ist.
Selina Marquardt (RV Oberjesingen) und Helen Vordermeier (SportKultur Stuttgart) über ihre erfolgreiche Zeit im Zweier-Kunstradfahren und warum jetzt Schluss ist.
Seit 2017 sind Selina Marquardt (29 Jahre) vom RV Oberjesingen und Helen Vordermeier (26) von der SportKultur Stuttgart gemeinsam im Zweier-Kunstrad gestartet. Am vergangenen Wochenende haben die zweifachen Weltmeisterinnen mit dem Weltcup im belgischen Merelbeke – Endresultat Platz drei – ihre Karriere beendet. Zeit für ein Rückschau-Gespräch.
Frau Marquardt, Frau Vordermeier, Ihre Karriere ist seit der vergangenen Woche beendet. Flossen Tränen?
Helen Vordermeier: Nein. Ich glaube dadurch, dass wir uns wie auf jeden anderen Wettkampf vorbereitet haben und auch am Wettkampftag selbst alles wie immer gemacht haben, konnten wir uns gut auf den Wettkampf fokussieren und nicht darauf, dass es unser letzter Wettbewerb war.
Selina Marquardt: Bei mir auch nicht. Aber ich war in manchen Momenten kurz davor. Das war aber eher nach dem Start, als langjährige Kunstradfreunde auf uns zukamen und sich für die gemeinsame Zeit bedankten und sagten, dass sie uns vermissen werden.
Warum ist nun Schluss?
Vordermeier: Man soll bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Zudem wohnen wir mittlerweile über 100 Kilometer auseinander, da bleibt viel Zeit auf der Autobahn liegen, und irgendwann kann man Training, Beruf und Familie nicht mehr unter einen Hut bringen.
Marquardt: Zusammen sind wir rund 800 Kilometer pro Woche ins Training gefahren. Dieser Lebensstil macht auf Dauer müde und war nicht mehr aufrechtzuerhalten. Zudem hatten wir bereits vor dieser Saison beschlossen, dass dies unsere letzte sein wird. Zumal wir mit zwei WM-Titeln und einmal -Silber mehr erreicht haben, als wir uns je hätten vorstellen können.
Hand aufs Herz, was hat jede von Ihnen von der jeweils anderen gedacht, als 2017 erstmals zusammen Training war?
Marquardt: Dass Helen doch viel zu zierlich ist für eine Unterfrau beziehungsweise, um mich zu tragen, und ob das wirklich klappen kann. Ansonsten war ich komplett offen.
Vordermeier: Wir kannten uns ja schon Jahre zuvor und haben uns immer gut verstanden. Das erste Training hat sehr viel Spaß gemacht und hat gut geklappt.
Mit welchen Zielen sind Sie damals das gemeinsame Projekt angegangen?
Vordermeier: Wir wollten beide einfach was Neues ausprobieren und Spaß haben. Da wir beide jahrelang im Einer im Kader waren und da auch immer einen hohen eigenen Anspruch hatten, hatten wir den natürlich im Zweier auch. Da wir beide sehr ehrgeizig sind, hat das gut zusammen gepasst.
Marquardt: Für mich war es eine neue Perspektive, auch um wieder Spaß am Kunstradsport zu haben. Ich bin davor ja Einer gefahren und hatte enorme Rückenprobleme bei diversen Übungen. Ich hätte wohl im Frühjahr 2017 aufgehört, wenn nicht Helens Anfrage gekommen wäre. Die Übungen, mit denen ich Probleme hatte, fährt man so im Zweier nicht. Ich bin aber niemals mit dem Ziel rangegangen, den WM-Titel zu holen.
Was war das Erfolgsrezept beziehungsweise wer hat was am anderen geschätzt?
Vordermeier: Wir haben miteinander gelernt und vor allem gelernt, den anderen besser zu verstehen. Am meisten geschätzt an Selina habe ich ihr Vertrauen in mich. Es ist nicht selbstverständlich, bei jemand anderem einfach auf die Schultern zu stehen und dem anderen blind zu vertrauen.
Marquardt: Ich würde sagen, unser Plus war, dass wir uns nicht gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben haben, wenn eine Übung nicht funktioniert hat, sondern versucht haben, die Sichtweise des anderen zu verstehen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Ich schätze an Helen besonders, dass ich mich zu 100 Prozent darauf verlassen kann, dass sie mich „da oben“ nie in Gefahr bringen würde und immer nur das macht, was sich gut und richtig anfühlt.
Was war der emotionalste Moment?
Vordermeier: Definitiv die WM 2021 in Stuttgart. Es war unsere erste WM, dann gleich eine Heim-WM in Deutschland und in der Heimstadt. Das war sehr emotional, vor allem weil wir nicht mit dem Titel gerechnet hatten.
… und die größte Enttäuschung?
Marquardt: Wohl die DM in Nufringen in diesem Jahr, da wir bis dahin in allen Durchgängen der Saison unbesiegt waren und ausgerechnet das DM-Finale dann nicht gut lief.
Vordermeier: Wobei wir denken, dass, wenn wir die DM gewonnen hätten, wir wohl nicht erneut Weltmeister geworden wären, da der Rückschlag uns eine neue, aufmerksame Perspektive für die WM verschafft hat.
Werden Sie beide in irgendeiner Form dem Kunstradsport treu bleiben?
Vordermeier: Bestimmt. Als Zuschauer bei Wettkämpfen in der Nähe auf jeden Fall und vielleicht irgendwann mal als Trainer oder Kampfrichter. Das wird die Zeit zeigen.
Marquardt: Bei mir verhält es sich ähnlich.
Kunstradfahren ist ein zeitintensiver Sport. Schon eine Idee, was Sie mit der freigewordenen Zeit anfangen werden?
Marquardt: Ich möchte auf jeden Fall meinen kreativen Hobbys wie Backen, Kochen oder Nähen mehr nachkommen.
Vordermeier: Noch nichts Konkretes. Erst mal die freie Zeit genießen, bis man sie sich wieder voll schaufelt.
Wird es eine offizielle Verabschiedung geben?
Vordermeier: Ja, am 27. Januar in geladenem Rahmen in Stuttgart-Rohracker, an einer unserer Trainingsstätten.