Mikroplastik Kunstrasenplätze geraten in den Fokus

Die EU erwägt wegen des Umweltschutzes ein Verbot des Mikrogranulats, mit dem viele Kunstrasenplätze gefüllt sind. Was bedeutet das für die Sportvereine vor Ort? Wir haben nachgefragt.

Auch beim FIFA World Cup 2014 wurde auf Kunstrasen gespielt. Foto: dpa
Auch beim FIFA World Cup 2014 wurde auf Kunstrasen gespielt. Foto: dpa

Filder - Die EU will 2022 das Mikrogranulat in Kunstrasenplätzen verbieten. Grund ist, dass er die Umwelt belastet: Das Mikrogranulat, das auf den Rasen gestreut wird, soll beim Sport auf dem Kunstrasen dämpfen und vor Verletzungen schützen – ähnlich wie Erde bei natürlichem Rasen. Die Plastikteilchen werden aber bei Regen vom Platz geschwemmt, gelangen über die Kanalisation in den Wasserkreislauf und über Fische und anderes Meeresgetier in den Nahrungskreislauf des Menschen. Den Plätzen könnte ab 2022 die Schließung drohen, weil die EU ein Verbot von Mikroplastik plant. Was aber, wenn der Kunstrasenplatz schon da ist? In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Vereinen Kunstrasenplätze angelegt.

Sechs Plätze in Filderstadt, fünf in L.-E. wären betroffen

In Filderstadt gibt es sechs Kunstrasenplätze, die von einem Verbot betroffen wären. Ein siebter – in Plattenhardt – ist mit Quarzsand gefüllt und somit unbedenklich, sagt Oberbürgermeister Christoph Traub. Er bestätigt, dass sich die Vereine und die Stadtverwaltung bereits mit dem Thema befassen – obwohl noch nichts offiziell entschieden ist. „Wir bereiten uns darauf vor“, sagt Traub.

Aktuell ist ein Fachingenieurbüro beauftragt, herauszufinden, was sich bei den belasteten Kunstrasenplätzen machen lässt: Welche Alternativen es gibt, und was es kostet. In etwa zwei Wochen, schätzt OB Traub, könne die Stadtverwaltung mit einem Ergebnis rechnen. „Dann wollen wir natürlich den Gemeinderat und die Vereine informieren.“ Dies soll noch vor der Sommerpause geschehen.

Fünf Kunstrasenplätze sind in Leinfelden-Echterdingen betroffen, das stellt die Stadt vor „große Herausforderungen“, meint der Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell. L.-E. halte viel auf Sport, die Flächen seien jüngst saniert worden und in gutem Zustand. „Ein Kunstrasenfeld ist 2,5-mal so belastbar wie ein Naturrasen“, weiß Kalbfell. Käme das Verbot, würde das die Trainingsmöglichkeiten der Vereine einschränken. Wäre ein Umbau nötig, so würde das schätzungsweise 250 000 bis 300 000 Euro pro Platz kosten. „Jetzt muss man erst einmal abwarten, ob das Verbot kommt.“ Ein Bestandsschutz für die frisch sanierten Kunstrasenplätze sei aber das Mindeste, was im Gesetz enthalten sein müsste, also eine Art Übergangszeit, in der die Plätze noch bespielt werden könnten.

„Wir beobachten die Diskussion aufmerksam“

Dirk Hauswirth, einer von vier Vorständen des SV Sillenbuch, sagt: „Ein Verbot würde unsere Fußballabteilung natürlich empfindlich treffen.“ Derzeit hat der Verein 19 Jugendmannschaften, vier aktive Mannschaften und zwei Seniorenmannschaften: „Damit ist unser Kunstrasenplatz in Dauerbelegung.“ Intern habe man die Problematik bereits diskutiert. „Wir haben aber noch keine Strategie für ein mögliches Verbot entwickelt. Es gibt hier noch zu viele Fragezeichen. Wir beobachten die Diskussionen sehr aufmerksam und natürlich auch mit gewisser Sorge.“ Aktuell halte man sich an die Vorgaben des Württembergischen Landessportbunds (WLSB): Die besagen, dass die Plätze derzeit noch problemlos bespielt werden können. Laut WLSB werden bereits bewilligte Landesfördermittel für Kunstrasenplätze noch ausgezahlt – lediglich die Plätze, die jetzt beantragt werden, werden nicht mehr gefördert, wenn sie Mikrogranulat enthalten.

Beim TSV Jahn Büsnau wird gerade ein neuer Kunstrasenplatz gebaut. Vereinspräsident Heinz-Werner Maden kann nicht nachvollziehen, warum das Thema gerade jetzt nach oben kocht: „Ich finde es ein bisschen weit hergeholt. Das Mikroplastik im Kunstrasen ist ja schon lange bekannt. Die Politik hätte früher etwas entscheiden sollen.“ Beim entstehenden Kunstrasenplatz des Vereins sieht Maden kein Problem: „Seitlich befinden sich Auffangrinnen mit einem Filter, sodass das Mikroplastik nicht in den Wasserkreislauf gelangen kann.“ Falls ein Verbot kommt, wünscht er sich ähnlich wie Kalbfell in Leinfelden-Echterdingen. eine Übergangszeit für die Vereine.

„Willkommener Beitrag zur EU-Verdrossenheit“

Jürgen Sauer, Präsident des SV Vaihingen, zeigt wenig Verständnis über den Vorstoß der EU. Die Kunstrasenplätze seien wichtig für den Trainings- und Spielbetrieb der Vereine. Das, was sich die EU-Politiker am Schreibtisch überlegt hätten, sei „völlig praxisfern und alltagsuntauglich“ und nicht mehr als ein „willkommener Beitrag zur EU-Verdrossenheit, sagt Sauer.

In Stuttgart sind insgesamt 53 Kunstrasenplätze betroffen und damit 89 Vereine und rund 33 000 Sportler. „Wenn wir nun alle Kunstrasenplätze auf einen Schlag schließen müssten, könnten wird unseren Sportbetrieb einstellen“, sagt Stuttgarts Sportbürgermeister Martin Schairer. Noch sei die neue EU-Vorschrift nur ein Vorschlag und nicht beschlossen. Dennoch habe sich das Sportamt bereits mit dem Thema beschäftigt und ein Papier erarbeitet. Dieses werde am Dienstag, 9. Juli, im Sportausschuss diskutiert.

Fest steht, dass die acht Kunstrasenplätze, die derzeit in Stuttgart gebaut werden, auch fertiggestellt werden. Schairer verweist darauf, dass es bei den Kunstrasenplätze qualitative Unterschiede gebe. Um die meisten befinde sich eine Auffangrinne, in der sich die Plastikkügelchen sammelten, sodass sie eben nicht ins Grundwasser gelangen könnten. Zudem habe ihm das Tiefbauamt versichert, so Schairer, dass die Kläranlagen das Mikroplastik herausfiltern können.

Dennoch sei die Abwägung zwischen qualitativ hochwertigem Sportbetrieb und Umweltschutz schwierig. „Das ist ein bundesweites Problem, für das wir eine Lösung brauchen“, sagt Schairer. Bisher gebe es kein Material, das den gleichen Komfort biete und kein Mikroplastik beinhalte.